In der aktuellen Ausgabe des renommierten Wissenschaftsmagazins
„Science“, die heute (25.10.07) erscheint, sind Pflanzengenetiker
der MLU gleich zweimal vertreten. Prof. Dr. Ulla Bonas, Dr.
Thomas Lahaye und ihre Mitarbeiter haben herausgefunden, wie
ein für Tomaten- und Paprika-Pflanzen spezifischer Krankheitserreger
funktioniert - und welchen Mechanismus Pflanzen nutzen, um
diesen Krankheitserreger abzutöten. Ihre Erkenntnisse könnten
für die Landwirtschaft von hoher Bedeutung sein. Es werden
davon wahrscheinlich auch weitere Wissenschaftler profitieren,
die die Erkrankungen anderer Pflanzen erforschen.
Es gilt als sehr bedeutend, einen Artikel in der Zeitschrift
„Science“ zu veröffentlichen, einem der weltweit wichtigsten
Wissenschaftsmagazine. In einer Ausgabe gleich zwei Artikel
zu platzieren, „das ist der Knaller“, sagt Prof. Dr. Ulla
Bonas stolz. Aber der Forschungserfolg der dahinter stehe,
sei eben auch ein „Knaller“. Die entscheidende Rolle in
den beiden Publikationen spielt ein Protein namens AvrBs3.
„Das Gen, welches dieses Protein kodiert, ist vor rund 20
Jahren isoliert worden, ich habe daran in meiner Postdoc-Zeit
gearbeitet“, berichtet die hallesche Forscherin. „Danach
haben wir stückweise versucht, herauszubekommen, wie es
funktioniert.“

Bakterien gelangen durch natürliche Öffnungen oder Wunden
in die Pflanzen.
Abbildung: Simone Hahn
Bakterien, die Pflanzen befallen, injizieren einen Cocktail
bakterieller Proteine über eine nadelartige Struktur in Pflanzenzellen
hinein. Der wenig bekömmliche Cocktail bewirkt, dass die befallenen
Pflanzen schneller altern und weniger Früchte tragen. „AvrBs3
ist ein Protein dieses Cocktails, das in Paprika- und Tomaten-Pflanzen
Schäden anrichtet. Diese Cocktail-Komponente führt zu charakteristischen
Pusteln auf den Blättern der Paprika-Pflanze“, erläutert Ulla
Bonas. Bakterielle Krankheiterreger sind in hiesigen Klimazonen
nicht von Bedeutung, denn sie sind nicht frostresistent. „Aber
in Regionen mit warmen und feuchtem Klima, zum Beispiel Florida
und Israel, führt der Krankheitserreger zu immensen Verlusten.“
Im Gegensatz zu Pilzen, die in hiesigen Breiten wichtige Pflanzenschädlinge
darstellen, sind Bakterien jedoch ein einfacheres System für
wissenschaftliche Untersuchungen.

Die typischen Pusteln auf den Blättern der kranken Paprika-Pflanze.
Abbildung: Dr. Sebastian Schornack
Ulla Bonas und ihre Kollegen am Institut für Biologie der
Martin-Luther-Universität haben nun herausgefunden, wie das
AvrBs3-Protein wirkt. „Es geht direkt in den Kern der Pflanzenzelle
und weist als bakterielles Protein Eigenschaften auf wie ein
Protein aus einem höheren Organismus. Aufgrund seiner Struktur
ist das bakterielle Protein in der Lage, die Genregulation
seines pflanzlichen Wirtes zu verändern. Es wirkt dabei im
Zellkern, der Schaltzentrale der Pflanzenzelle, und nutzt
die Maschinerie der Wirtspflanze zum eigenen Vorteil aus.“
Die Umprogrammierung bedingt, dass plötzlich Proteine in hoher
Zahl produziert werden, die normalerweise nur auf niedrigem
Niveau hergestellt werden. „Das ist, als wenn man die Produktion
eines bestimmten Teiles in einer Fabrik hochfährt. Dieses
Hochfahren haben wir nun beobachten können“, so die Hauptautorin
der entsprechenden „Science“-Veröffentlichung.

Prof. Dr. Ulla Bonas im Kreise weiterer Autoren der „Science“-Publikation (v.l.: Gerd Hause, Simone Hahn, Ulla Bonas, Sabine Kay). Foto: privat
Die meisten bakteriellen Proteine, die ihren Wirt manipulieren,
greifen auf der Protein-Ebene an. „Dieses bakterielle Protein
dreht jedoch an Schaltern, die im Kern zu finden sind, auf
der Ebene der DNA, des Erbguts. Deshalb sind die Erkenntnisse
wirklich neu und so spannend“, ergänzt Dr. Thomas Lahaye (Bild
unten). Er ist der Hauptautor des zweiten Artikels, in dem
es um Pflanzen geht, die gegen das fragliche Protein resistent
sind. „Wir konnten zeigen, dass die Pflanze dann genau denselben
Mechanismus nutzt wie in der nicht resistenten Pflanze. Das
bakterielle Protein schaltet ein Gen ein, das für einen lokalen
Zelltod sorgt. Die Zellen, die mit dem Erreger sterben, opfern
sich sozusagen. Somit wird die bakterielle Vermehrung gestoppt.“.
Bei den bisher bekannten Resistenzmechanismen der Pflanze
ermöglichen pflanzliche Proteine die Erkennung des Krankheitserregers.
„Hier erfolgt die Erkennung des Krankheitserregers über die
DNA. Das Protein, das für den Zelltod sorgt, ist zunächst
nicht vorhanden, es muss erst produziert werden. Es wird produziert,
und es hat eine völlig neue Struktur - das ist das bahnbrechend
Neue an unseren Ergebnissen.“

Die halleschen Pflanzengenetiker betreiben Grundlagenforschung,
sehen aber gute Chancen für eine Anwendung ihrer neuesten
Erkenntnisse. „Damit man so etwas anwenden kann, muss man
die Mechanismen verstehen“, führt Thomas Lahaye aus. Langfristig
sind unsere Erkenntnisse für die Landwirtschaft von hoher
Bedeutung, und es sind auch schon einige Firmen interessiert
an dem, was wir machen. Zudem können viele Kollegen auf unseren
Arbeiten aufbauen, zum Beispiel diejenigen, die mit Reis arbeiten.“
Es gebe viele Bakterien, die weltweit auf Reisfeldern große
Schäden verursachen. Diese Bakterien enthalten Proteine, die
AvrBs3 sehr ähnlich sind. „Was wir herausgefunden haben, ist
nicht spezifisch für eine Pathogen-Familie. Da der Mechanismus
vermutlich auf breiter Ebene Gültigkeit hat, ist er so spannend
und bedeutend.“
Für ihre Forschungen haben die MLU-Wissenschaftler im Laufe
der Jahre rund 4500 Paprika-Pflanzen analysiert. Zum universitären
Biologicum auf dem halleschen Weinberg Campus gehört ein eigenes
Gewächshaus. Genutzt haben die Forscher zudem das Gewächshaus
des halleschen Biozentrums. Gefördert wurden die Arbeiten
von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des
Sonderforschungsbereiches 648 („Molekulare Mechanismen der
Informationsverarbeitung in Pflanzen“), dessen Sprecherin
Prof. Dr. Ulla Bonas ist und durch einen DFG-Einzelantrag
von Dr. Lahaye. An der MLU gibt es zudem das Exzellenznetzwerk
„Strukturen und Mechanismen der biologischen Informationsverarbeitung“.
Es war im Rahmen der Offensive „Netzwerke wissenschaftlicher
Exzellenz in Sachsen-Anhalt“ etabliert worden, die das Kultusministerium
ins Leben gerufen hatte.
Weitere Informationen im Internet:
http://www.sfb648.uni-halle.de(SFB
648)
http://www.sciencemag.org(Science
Magazine)
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Ulla Bonas
Tel.: 0345 55 26301 oder 55 26290
E-Mail: ulla.bonas@genetik.uni-halle.de
Dr. Thomas Lahaye
Tel.: 0345 55 26345
E-Mail: thomas.lahaye@genetik.uni-halle.de