Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Forschungsbericht Berichtszeitraum:01.01.97 - 31.12.98

VORWORT DES REKTORS


Die Universität Halle-Wittenberg als Forschungsuniversität

Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist eine klassische Volluniversität mit zur Zeit ca. 13.500 Studierenden und 7 Fakultäten. Sie versteht sich als Forschungsuniversität, die bereits unmittelbar nach der Wende daran ging, Rückstände wettzumachen. Ideologisch belastete Bereiche wurden völlig neu aufgebaut, die anderen Bereiche neu strukturiert. Zusätzliche Turbulenzen entstanden durch die Integration der PH Halle-Köthen sowie von Teilen der TH Merseburg.

Die Martin-Luther-Universität als eine Forschungsuniversität mit einem breiten Spektrum von "Experimental"- und "Gelehrten"-Disziplinen ist zu konturenreich, um sich als Schwerpunktuniversität mit nur wenigen Forschungsprioritäten verstehen zu können. Stromlinienförmigkeit kann nicht ihr Ziel sein. Ihre Fächerkonturen sind ihr Profil. Mit dem Anspruch, Volluniversität zu sein, ist nicht der Ehrgeiz verbunden, eine "Komplettuniversität" werden zu wollen. Vielmehr soll Stärke aus der vorhandenen Fächervielfalt gezogen und die Möglichkeit der Bündelung von Kräften genutzt werden. Dort, wo bereits besondere Leistungsträger und Ressourcen vorhanden sind, wird weiter verstärkt, um das Entstehen von wirklichen Exzellenzknotenpunkten zu fördern.

Forschungsaktivität auf hohem Niveau muss in allen Bereichen der Universität erwartet und auch ermöglicht werden. Die Martin-Luther-Universität als einzige Volluniversität in Sachsen-Anhalt trägt hier auch auf Landesebene eine besondere Verantwortung. Sie muss in der Nachwuchsqualifizierung und in der Forschung national und international voll mithalten können.

Die Universität Halle-Wittenberg hat sich das Instrument der Interdisziplinären Wissenschaftlichen Zentren (IWZ) geschaffen. Sie folgt damit dem Motto, dass die grundständige Lehre disziplinär, die Forschungs- und Nachwuchsqualifizierung aber möglichst interdisziplinär stattfinden soll und dass die vielen unter ihrem Dach vorhandenen Fachdisziplinen fruchtbar zusammengeführt werden.

Der Akademische Senat der Universität hat sich bereitgefunden, 8% der Haushaltsmittel für Forschung und Lehre und 25 Planstellen für zur Zeit acht interdisziplinäre wissenschaftliche Zentren bereitzustellen:

  1. Biozentrum
  2. Interdisziplinäres Zentrum für Angewandte Medizinische und Humanbiologische Forschung (ZAMED)
  3. Zentrum für Materialwissenschaften
  4. Universitätszentrum für Umweltwissenschaften (UZU)
  5. Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA)
  6. Interdisziplinäres Zentrum für Pietismusforschung in Verbindung mit den Franckeschen Stiftungen
  7. Zentrum für Schulforschung und Fragen der Lehrerbildung
  8. Orientwissenschaftliches Zentrum (OWZ)

 

Die Zuweisung der Mittel und Stellen ist grundsätzlich zeitlich befristet, die Zentren werden nach 4 Jahren einer externen Evaluation durch DFG-benannte Gutachter unterzogen. Sie werden von einem internationalen Beirat begleitet. Da die verfügbaren Mittel begrenzt sind, entsteht ein Wettbewerbsdruck in der Universität. Zwei relativ konkrete Gründungsabsichten sind schon in Wartestellung.

Das Beispiel der interdisziplinären Wissenschaftlichen Zentren soll zeigen, wie sich die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg trotz streng begrenzter Mittel dafür einsetzt, die in der Vielfalt ihrer Disziplinen liegende Stärke voll zur Entfaltung zu bringen. Interne interdisziplinäre Kooperation und ein intensives Aufeinanderzugehen von Universität und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind dabei der eingeschlagene Weg.

Daneben gibt es, im Universitätendreibund Halle-Jena-Leipzig, auch erste erfolgreiche Bemühungen zu einer überregionalen Kräftebündelung. Sie ist besonders in den sogenannten "Kleinen Fächern" erfolgversprechend, wie etwa in der Mineralogie, der Japanologie und der Ethnologie, wo bereits Berufungen aufeinander abgestimmt wurden. Die Universitäten Leipzig, Jena und Halle - drei alte Universitäten, die in Konkurrenz zu den neuen Schwerpunktuniversitäten in ihren jeweiligen Landeshauptstätten stehen - sind sich auch in dem Ziel einig, dass sie die Leistungsfähigkeit klassischer Volluniversitäten unter heutigen Bedingungen unter Beweis stellen wollen. Wenn es ihnen gelingt, den Vereinseitigungstendenzen entgegenzuwirken, die das heutige Forschungsförderungssystem mit sich bringt, und wenn sie ihre Vielfalt so nutzen, dass dabei neue Kombinationen und weiterführende Forschungsperspektiven entstehen, so wird die Volluniversität ihre Rolle als Leitbild für die deutsche Hochschullandschaft auch weiterhin behalten können.

 

Prof. Dr. Reinhard Kreckel

Rektor


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