Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Forschungsbericht Berichtszeitraum:01.01.97 - 31.12.98

INTERDISZIPLINÄRE FORSCHUNGSPROJEKTE     -     DFG-Forschergruppe


Selbstaufklärung der Aufklärung. Individual-, Gesellschafts- und Menschheitsentwürfe in der anthropologischen Wende der Spätaufklärung

Dienstsitz:
Interdisziplinäres Zentrum für die
Erforschung der Europäischen Aufklärung
Franckeplatz 1, Haus 54Tel.:(0345) 55-2 17 71
06110 Halle (Saale)Fax:(0345) 55-2 72 52
eMail:gruen@izea.uni-halle.de
 
Sprecher:
Prof. Dr. Heinz ThomaTel.:(0345) 55-2 17 88
 
Laufzeit:
01.10.1998 - 30.09.2001(1. Förderperiode)
 

 

Das Projekt geht davon aus, dass ab 1750 ein qualitativer Wandel in der Aufklärung einsetzt, die Ablösung von Rationalismus und Systemdenken, den wir als "anthropologische Wende" bzw. als Epoche der Selbstaufklärung der Aufklärung bezeichnen. Diese ist dadurch charakterisiert, dass sie alle bisherigen Diskursformen und z.T. auch Praxisformen entscheidend verändert.

Eine Hauptlinie des Denkens in der anthropologischen Wende tendiert dazu, die Civil society als institutionsfreie bürgerliche Gesellschaft vorwegzunehmen und diese Gesellschaft bzw. ihre bisherige und zukünftige Geschichte als autoregulierendes System zu begreifen bzw. zu setzen. Empirisch rekurriert diese Theorie auf das englische Beispiel, methodisch verfährt sie in Analogie zur Naturgeschichte (histoire naturelle). Auf dem Kontinent, speziell im deutschen Sprachraum, funktioniert sie im wesentlichen als Entwurfsdenken.

Insgesamt wird das Entwicklungsmodell der Geschichte in Analogie zum Entfaltungsprinzip des Einzelmenschen gedacht. Die Vermittlungsebene der Aussagen zu Individuum und Gesellschaft ist, idealtypisch gesehen, eine nichtnormative Anthropologie.

Die zweite Hauptlinie des Aufklärungsdenkens vertraut nicht auf einen Selbst-regulierungsprozess, sondern formuliert Sollgeltungen an Individuum, Gesellschaft, Geschichte. Diese Konzeption operiert mit Naturzustandskonstruktionen, die zugleich Gegenwarts- und Zukunftsgeltung beanspruchen. Die Vermittlungsebene der Aussagen zu Individuum und Gesellschaft ist, idealtypisch gesehen, eine normative Anthropologie.

Der Prozess der Konkurrenz und Auseinandersetzung dieser beiden Positionen vollzieht sich im europäischen Maßstab im Spannungsfeld von Erfahrung und Erwartung. Die aus diesem Prozess der Selbstaufklärung der Aufklärung hervorgehenden Individual-, Gesellschafts- und Menschheitsentwürfe als reale und projektierte Formen individueller und gesellschaftlicher Organisation bilden den Gegenstand des Gesamtprojekts bzw. seiner einzelnen Projektbereiche.

 

Projektbereiche:

  1. Von der "Geschichte des Menschen" zur "Geschichte der Menschheit": Biographie und Menschheitsgeschichte in der anthropologischen Wende der Spätaufklärung (Jörn Garber)
  2. Anthropologie - Kontraktualismus - Utopie. Zur Konvergenz von Vertragsdenken und Utopie im 18. Jahrhundert (Richard Saage)
  3. Utopie - Anthropologie - Politik. Strukturen und Strategien des Geheimbundes der Illuminaten im Kontext der Spätaufklärung (Monika Neugebauer-Wölk)
  4. Anthropologie, Erzählen, Verhalten: Narrativik und Verhaltensschrifttum der französischen Spätaufklärung (Heinz Thoma)
  5. Vorurteile und Anthropologie in der Literatur der deutschen Aufklärung (Manfred Beetz)
  6. Der anthropologische Diskurs in der Ästhetik des Scottish Enlightenment und sein Einfluss in Deutschland (Karl-Heinz Schwabe)


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