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Zur Erinnerung an KARL ZIEGLER –
Nobelpreisträger für Chemie, erfolgreicher Erfinder und Wissenschaftsförderer
 
 
Gestern, am Mittwoch, dem 21. Mai 2003, wurde in einer Feierstunde Dr. med. Marianne Witte geehrt. Dank ihrer mehrfachen Millionenspenden war es möglich, den halleschen Stadtgottesacker, einen wunderschönen Renaissance-Friedhof im Stil eines italienischen Camposanto, auf dem auch viele hallesche Gelehrte ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, in den letzten Jahren zu sanieren. Frau Doktor Witte ist die Tochter von Karl Ziegler, der zehn Jahre lang in Halle als Chemieprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig war.
(s. MZ, 21.05.03, S. 3 u. S. 9, Amtsblatt, 21.05.03, S. 1, MZ, 22.05.03, S.9)

Im Rahmen der Feierstunde hielt Privatdozent Dr. Horst Remane (Fachgruppe Geschichte der Naturwissenschaften und Technik am Fachbereich Physik) einen Vortrag über Leben und Wirken von Karl Ziegler:

"'[Ich ...] brauchte eigentlich nichts weiter zu tun, als zu meiner größten Freude und Befriedigung meiner wissenschaftlichen Neugier nachzugehen.'
Mit diesen Worten kommentierte der Chemiker und Nobelpreisträger Karl Ziegler in seiner bescheidenen Art sein Lebenswerk, das nicht nur die Chemie, sondern unsere gesamte Zivilisation revolutioniert und seinen Namen für alle Zeiten in die Lehr- und Handbücher sowie in die Geschichtsbücher der Chemie eingetragen hat.

Ziegler-Rugglisches Verdünnungsprinzip, Wohl-Ziegler-Bromierung, Ziegler-Katalysatoren und schließlich Ziegler-Reaktionen und Ziegler-Chemie sind nur einige Beispiele dafür.

Über allen steht die sensationelle Entdeckung der metallorganischen Mischkatalysatoren für die Polymerisation von Olefinen im Jahre 1953, mit deren Hilfe die Darstellung von so genanntem Niederdruckpolyethylen möglich wurde. Innerhalb nur weniger Jahre hat diese Entdeckung als 'Mülheimer Normaldruckverfahren' ihren Siegeszug durch die Welt vollzogen. Heute gehört es zum unverzichtbaren Bestand der modernen Großchemie. Wir sind stolz, dass Karl Ziegler sein erstes Chemisches Ordinariat hier an der Martin-Luther-Universität Halle hatte und dass er während dieser Zeit erste Schritte auf dem Weg zum Erfolg gegangen ist.

Im Jahre 1963 erhielt Ziegler für seine innovative Entdeckung zusammen mit dem Italiener Giulio Natta (1903–1979) die höchste wissenschaftliche Ehrung, die es gegenwärtig in der Chemie gibt, den Nobelpreis für Chemie.

Gestatten Sie einige Worte zum Lebensweg dieses Mannes, der mit seiner Entdeckung in einem Ausmaß wie selten ein anderer das hohe Ideal von Alfred Nobel verwirklicht hat, nämlich mit seiner Entdeckung 'der Menschheit den größten Nutzen' zu leisten.

Karl Ziegler wurde am 26. November 1898 in Helsa bei Kassel als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Aufgewachsen ist er in Marburg, wo er auch die Reifeprüfung an einem Realgymnasium ablegte und im Sommersemester 1916 an der Philipps-Universität sein Chemiestudium begann. Trotz einjähriger Unterbrechung wegen Einberufung zum Militärdienst und Teilnahme am Krieg konnte er das Studium bereits nach 3 ½ Jahren mit ausgezeichnetem Ergebnis beenden. Sein 'Doktorvater', Karl von Auwers, behielt ihn als Assistenten. Schon 1923 konnte sich Ziegler in Marburg auf dem Gebiet der Organischen Chemie habilitieren. Im Jahre 1926 wurde er Assistent an der Universität Heidelberg. Karl Freudenberg, immer auf der Suche nach begabten Mitarbeitern, war auf Ziegler aufmerksam geworden.

Im Januar 1928 wurde Ziegler zum außerordentlicher Professor an der Universität Heidelberg ernannt. Für die nächsten Jahre leitete er die Abteilung Organische Chemie des Chemischen Institutes. Bedeutende Veränderungen gab es für ihn dann im Jahre 1936. Nach einer zweimonatigen Gastprofessur an der University of Chicago kam er hierher nach Halle und übernahm das Ordinariat für Chemie und das Direktorat des chemischen Institutes der Martin-Luther-Universität. – Da Ziegler sich nicht den 'Normen' der sog. nationalsozialistischen Bewegung unterwarf, waren bei dieser Berufung große Hindernisse zu überwinden. – Bis zum Jahre 1945, also über die gesamte Zeit des Krieges, entfaltete er hier in Halle seine äußerst intensive und erfolgreiche Lehr- und Forschungstätigkeit.

Zusätzlich übernahm Ziegler ab 1. Oktober 1943 das Direktorat des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Bis 1945 arbeitete er alternierend in Halle und in Mülheim. In den letzten Kriegsjahren wurde Halle sogar zur Außenstelle des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Kohlenforschung.

1945 wechselte er mit seiner Familie endgültig von Halle nach Mülheim. Von nun an widmete er seine ganze Kraft dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohlenforschung, das 1949 in Max-Planck-Institut für Kohlenforschung umbenannt wurde. Und auch nach der Emeritierung, im Jahre 1969, bis zu seinem Tode am 11. August 1973 nahm er weiter regen Anteil am wissenschaftlichen Leben 'seines Mülheimer Institutes'. Während der gesamten Mülheimer Zeit hielt er enge Kontakte zu den umliegenden Universitäten und technischen Hochschulen. Dazu war er seit 1947 Honorarprofessur an der Technischen Hochschule Aachen.

Ziegler war ein begnadeter Wissenschaftler. Während seiner gesamten universitären Laufbahn befasste er sich mit Themen aus der Grundlagenforschung, die er allesamt mit außerordentlichem Erfolg meisterte. Es ist hier nicht der Ort, um ins Detail zu gehen.

Einige Stichwörter sollen deshalb genügen: dreiwertiger Kohlenstoff und die Radikalchemie, alkaliorganische, später allgemein metallorganische Verbindungen und vielgliedrige Ringe. Dazu kamen, hier in Halle, die Einführung eines allgemein anwendbaren und hochleistungsfähigen Bromierungsreagenz, des N-Bromsuccinimid, und die Synthese einiger bedeutungsvoller organischer Verbindungen, wie des Cantharidins (des Giftstoffes der spanischen Fliege) und des Ascaridols (des wirksamen Prinzips des amerikanischen Wurmöls).

Die großartigen Erfolge in der reinen Chemie führten dazu, dass Ziegler einem Wechsel an ein Institut für Kohlenforschung, das mit dem Wort Kohlenforschung die angewandte Chemie quasi schon im Namen führt, zunächst abweisend gegenüberstand. Erst als ihm zugesichert wurde, dass er sich in Mülheim 'im gesamten Bereich der Chemie der Kohlenstoffverbindungen', also der gesamten Organischen Chemie betätigen darf, nahm er das Direktorat an. Das Institut wurde entsprechend ausgerichtet und erweitert. Die Erfolge ließen nicht auf sich warten. Bald erwiesen sich die Ergebnisse der Grundlagenforschung von erheblicher praktischer Relevanz. Mehr noch, sie fanden ihren Niederschlag in neuen technischen Verfahren, so zur Herstellung von Bleitetraethyl, das damals breite Anwendung fand für die Verbesserung der Klopffestigkeit von Treibstoffen, zur Herstellung primärer Fettalkalkohole aus Olefinen als wichtiger Waschmittelgrundlage und für den Korrosionsschutz, etwa das Aufbringen elektrolytischer Schutzüberzüge aus reinstem Aluminium auf Metalle.

Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die Entdeckung der metallorganischen Mischkatalysatoren aus Aluminium- und Titanverbindungen im Jahre 1953, die als Ziegler-Katalysatoren sowohl die Wissenschaft Chemie als auch in besonderem Maße die chemische Industrie und deren Technologie verändern sollten.

Mit ihrer Hilfe konnte Ethylen erstmals bei Normaldruck zu Polyethylen polymerisiert werden. Zuvor war dies nur unter extremen Bedingungen (1000 at Druck und Temperaturen von 200 Grad Celsius) möglich. Nach der Erteilung des Pionierpatents an Ziegler folgten Jahre einer stürmischen Entwicklung, die Ziegler selbst in seinem Nobel-Vortrag mit einer Explosion verglich.


Heute zählt Polyethylen mit einer Weltproduktion von mehreren Milliarden Tonnen im Jahr zu den Massen-Kunststoffen. Aufgrund seiner gefragten Gebrauchseigenschaften ist es äußerst vielseitig einsetzbar. Dabei gilt es als gesundheitlich unbedenklich. Im Unterschied zu anderen Kunststoffen (z. B. PVC) lassen sich Polyethylen-Abfälle ohne Umweltbelastung verbrennen.

Patent- und Lizenz-Einnahmen aus dem Verfahren zur Herstellung von Polyethylen blieben nicht ohne Folgen für das Institut in Mülheim. Sie ermöglichten, dass sich das Institut selbst finanzieren konnte und damit finanziell unabhängig wurde. Neubauten und mit modernster Ausstattung eingerichtete Laboratorien trugen dazu bei, dass das Institut Maßstäbe im internationalen Rahmen setzte.

Erhebliche finanzielle Mittel aus diesen Einnahmen wurden durch Ziegler und seine Familie zur großzügigen Förderung von Wissenschaft und Kultur eingesetzt. Es wurden zahlreiche Fonds und Stiftungen ins Leben gerufen, die bis heute die Grundlage für die Förderung vielfältiger wissenschaftlicher und kultureller Aktivitäten bilden. Beispiele sind der Ziegler-Fond (1968) und die Ziegler-Stiftung (1970), beide wurden zur Förderung des Max-Planck-Institutes für Kohlenforschung eingerichtet. Die uns heute besonders augenfällige und großzügige Leistung einer weiteren Stiftung, der Dr.-Marianne-Witte-Stiftung, hat uns hier in Dankbarkeit zusammengeführt.

Die erfolgreichen wissenschaftlichen Leistungen des großartigen Gelehrten Karl Ziegler wurden schon zu seinen Lebzeiten vielfach anerkannt und gewürdigt.

Ich nannte den Nobelpreis für Chemie, den er im Jahre 1963 gemeinsam mit dem Italiener Natta bekam. Vier deutsche Technische Hochschulen bzw. Universitäten (Hannover 1951, Darmstadt 1968, Heidelberg 1958, Gießen 1958) kürten Ziegler zum Ehrendoktor. 1964 verlieh ihm die Bundesregierung das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband. 1969 wurde er als Nachfolger von Otto Hahn in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen. Zahlreiche internationale und nationale wissenschaftliche Akademien und Gesellschaften wählten ihn zu ihrem Mitglied oder Ehrenmitglied, darunter die hier in Halle ansässige Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, deren Mitglied er bereits 1938 wurde. Der im Leopoldina-Archiv erhaltene Schriftwechsel belegt, dass Karl Ziegler der Leopoldina auch in den schweren Zeiten der deutschen Teilung besonders verbunden blieb. Ich freue mich, dass diese Verbundenheit mit Halle durch seine Familie, insbesondere durch seine Tochter, Frau Dr. med. Marianne Witte, die von 1937 bis 1945 hier in Halle gelebt und an der Martin-Luther-Universität studiert hat, weitergeführt und auf die Stadt Halle ausgedehnt wurde und dass wir alle am heutigen Tage einen neuen Höhepunkt dieser Verbundenheit erleben dürfen."

Nähere Informationen:
PD Dr. Horst Remane
Tel.: 0345 55-25767
E-Mail: remane@pharmazie.uni-halle.de
 
  22.05.2003, Dr. Margarete Wein
 
     
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