Landesausstellung Sachsen-Anhalt 2002

Die Universität Halle
unter zwei Diktaturen

Die Landesausstellung Sachsen-Anhalt 2002 "EMPORIUM. 500 Jahre Universität Halle-Wittenberg" wurde anlässlich der 500-Jahr-Feier der Universität konzipiert. Außergewöhnlich an dieser Ausstellung ist, dass auch die dunklen Kapitel der Uni-
versitätsgeschichte nicht ausgespart werden: Der größte der insgesamt 14 Ausstel-
lungsräume hat die enge Verklammerung der Universität mit dem NS-Regime und der Parteidiktatur in der DDR zum Thema.


Die Politisierung der Universität

Der Ausstellung "EMPORIUM. 500 Jahre Universität Halle-Wittenberg" liegt ein sozialhistorisches Konzept zugrunde. "Wir wollten zeigen, wie die Univesität in das soziale Umfeld eingebunden ist. Seit fünf Jahrhunderten beeinflussen diese Institution und ihre jeweiligen Akteure - Wissenschaftler, Mitarbeiter und Studierende - das kulturelle, politische und wirtschaftliche Leben Mitteldeutsch-
lands. Im größten Raum der Ausstellung zeigen wir, wie sich das wissenschaftliche Leben unter dem Einfluss der beiden deutschen Diktaturen verändert hat", sagt Prof. Hermann-Josef Rupieper, Historiker am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität. Rupieper ist verantwortlich für das Konzept des Raumes mit dem Thema "Politisierung der Universität". Schwerpunkt der Darstel-
lung ist die Politisierung der Universität in zwei Diktaturen. Gezeigt werden daher eine Vielzahl bis-
her nicht veröffentlichter Dokumente, Fotos und Medaillen aus dem Bestand von Archiven.
Unter anderem werden erstmals die Ehrenurkunde für den NS-Ideologen Alfred Rosenberg an-
lässlich der Übernahme der Schirmherrschaft 1938, ein tragbares Aufnahmegerät des Ministeriums für Staatssicherheit und der 1965 für den ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah angefertigte Talar ausgestellt.


Die Ideen von 1914 -
antidemokratische Haltung bei Studenten und Professoren

Im Mittelpunkt dieses Ausstellungsraumes stehen die politischen Konflikte und ihre Wirkung auf den Universitätsbetrieb. Wie alle deutschen Universitäten war auch die Martin-Luther-Universität im 20. Jahrhundert einer Folge heftiger Brüche und Wandlungsprozesse unterworfen. Beeinflusst wurde das Universitätsleben zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem durch den Ersten Weltkrieg, "die Ideen von 1914" und die aus der deutschen Niederlage resultierenden politischen Verände-
rungen. Die meisten Professoren und bürgerlichen Studenten zeichneten sich durch eine unbedingte Kriegsbereitschaft aus. Wehrpflicht und Freiwilligeneifer zogen die Mehr-zahl der Studenten in das kaiserliche Heer. Die Niederlage im Krieg, der Sturz der Monarchie und die Revolution bestimm-
ten die Haltung von Studierenden und Hochschullehrern wie das gesamte politische, wirtschaftliche und soziale Leben bis weit in die Weimarer Republik.
Eine antirepublikanische und antidemokratische Einstellung war typisch für die meisten Studieren-
den, die wie die Hochschullehrer der Monarchie nachtrauerten. Gefallenenverehrung und die Reichsgründungsfeiern verdeutlichen das nationalistische Klima, ein Nährboden für die politischen Studentengruppen mit dem NS-Studentenbund an der Spitze. In der dominant deutsch-nationalen Atmosphäre Halles formierte sich unter den Studierenden ein aggressiver völkischer Nationalismus.


1933 und die Folgen - Bücherverbrennungen auf dem Universitätsplatz

Das Jahr 1933 konfrontierte die Universität erstmals mit einem totalitären ideologischen System. NS-Ideologie und Rassenideologie führten zu einem dramatischen Verlust an intellektuellem Potential. Die Universität wurde zu einer gleichgeschalteten, autoritär geführten Institution, die sich Parteiinteressen weit öffnet.
Jüdische und politisch missliebige Angehörige der Universität wur-
den entlassen. In der sog. nationalen Revolution wurden auf dem Universitätsplatz Bücher verbrannt. In Halle wartete man nicht darauf, bis aus Berlin eine Liste der auszusortierenden Bücher kam, sondern stellte eine eigene Liste zusammen. Andererseits entzogen sich seit Mitte der 30er Jahre in "begrenzter Loyalität" und " parti-
eller Distanz" manche Hochschullehrer dem direkten Zugriff des Regimes, obwohl durch die Umgestaltung des Lehr- und For-
schungsbetriebes eine ideologische Überformung der Wissenschaft stattfand und rassehygienische, völkische und wehrkundliche Fä-
cher einen Aufschwung erlebten.


Instrumentalisierung der Universität nach 1945

In der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR, wo das Universitäts- und Hochschulwesen weiter von einer Parteidiktatur bestimmt wurde, erreichte die Politisierung der Universität einen neuen Höhepunkt. Die Umformung der Universität nach 1945 vollzog sich in mehreren Stufen.
Da es zunächst keine kommunistischen Hochschullehrer gab, musste erst eine sozialistische Elite ausgebildet werden. Bis zu diesem Zeitpunkt musste man mit den sogenannten bürgerlichen Hochschullehrern vorliebnehmen. Gleichzeitig wurden strukturelle Eingriffe in die Autonomie der Universität vorgenommen. Sie reichten von der Auswahl der Studierenden über die Überprüfung der Hochschullehrer durch die im Juli 1945 ins Leben gerufene Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung unter dem KPD-Funktionär Paul Wandel bis zur Verfolgung der Evangelischen Studentengemeinde und die systematische Einführung neuer Lehrinhalte. Die deutschtümelnde Wissenschaft der Nationalsozialisten wurde durch die Sowjetisierung von Lehr- und Lerninhalten abgelöst. Die Entnazifizierung des Lehrkörpers bedeutete gleichzeitig die Instrumentalisierung der politischen Säuberung im Sinne der KPD/SED. Mit der seit 1958 durch Walter Ulbricht persönlich eingeleiteten zweiten Phase der Säuberung der Universität, der Verfolgung der bürgerlichen Hochschullehrer im sogenannten Spirituskreis und dem Bau der Mauer 1961 erfolgte eine Zäsur. Die Verbindungen zur westlichen Forschung wurden unterbrochen. Jetzt konnte sich der Einfluss der SED in der eingemauerten DDR immer mehr durchsetzten. Seit Anfang der 50er Jahre spielte zudem das Ministerium für Staatssicherheit bis zum Zusammenbruch der DDR eine wichtige Rolle bei der Überwachung der Universitätsangehörigen und den Außenbeziehungen.


Die Wende - wiedergewonnene Autonomie

Mit der friedlichen Revolution 1989/90, in der sich zunächst nur wenige Hochschullehrer engagier-
ten, erfolgte der Übergang von der SED-Hochschulpolitik zur Übernahme der Strukturen der Bundesrepublik Deutschland. Fachliche und personelle Evaluation, Entpolitisierung und Erneuerung der Universität waren die Grundlage der Hochschulpolitik der 90er Jahre und brachten die Rückkehr der Freiheit von Forschung und Lehre.

(Stefan Schwendtner, 15. Mai 2002)

Die Ausstellung dauert noch bis 30. September 2002
Ort: Löwengebäude, Universitätsplatz 11, Halle (Saale)
Öffnungszeiten:
Di - Fr. 9:00 - 17:00 Uhr
Sa. u. So. 11:00 - 19:00 Uhr
Tel.: (03 45) 5 52 15 51
Kontakt:
konzept+form
Universitätsring 14
06108 Halle (Saale)
Stefan Schwendtner
Tel.: (03 45) 6 86 71 91
E-Mail: schwendtner@konzeptundform.de


  Zurück zum Index