Recht auf Rausch und Selbstverlust durch Sucht
Interdisziplinäre Konferenz zu Suchtproblemen
Zur aktuellen Problematik von Sucht und Rausch findett vom 3. Juni bis 5. Juni 1999
an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eine dreitägige
interdisziplinäre Tagung, die vom Institut für Philosophie der
Universität ausgerichtet und unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) und dem Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt unterstützt
wird. Die Tagung, unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Matthias
Kaufmann, beginnt am 3. Juni 1999, 9:15 Uhr, im Hörsaal XV, Melanchthonianum,
Universitätsplatz 8/9. Die Konferenz ist für alle Interessenten
offen. Am Abend des Eröffnungstages, 20:00 Uhr, hält Prof. Dr.
Alfred Springer (Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung, Wien)
einen Vortrag mit dem Titel "Gestrandet in pepperland. Drogengebrauch
zwischen Hedonismus und Tragik".
"Recht auf Rausch und Selbstverlust durch Sucht", lautet das
Rahmenthema der Veranstaltung, zu der in- und ausländische Referenten
und Teilnehmer erwartet werden. In den meisten Kulturen ließ und
läßt sich der Gebrauch berauschender Substanzen feststellen.
Häufig wurde ihre Verwendung mit dem Anspruch auf einen besonderen,
privilegierten Weg zur Wahrheit oder auf eine andere Form der Gottesnähe
verbunden. In der Hippie-Kultur erhoffte man sich eine "Bewußtseinserweiterung"
durch Halluzinogene. Eine in verschiedener Hinsicht entlastende Funktion
des Rauschs dürfte mindestens ebenso kulturübergreifend beobachtbar
sein. Andererseits ist in den Hochkulturen relativ bald schon Abneigung
gegen die Unbeherrschtheit der Berauschten festzustellen; insbesondere
die Wirkungen des Alkohols werden aus der Sicht analkoholischer Kulturen
mit deutlicher Verachtung geschildert. Doch auch in den durchaus mit dem
Alkohol vertrauten Gesellschaften gibt es seit langem Einschätzungen,
wie z. B. von Aristoteles, daß ein Leben, welches allein dem Vergnügen
gewidmet ist, die Menschen durch den Gebrauch der entsprechenden Genußmittel,
unter anderem auch von berauschenden Getränken, abhängig macht
und sie entsprechend versklavt.
Seit einiger Zeit kämpft man in vielen Ländern der Welt mit
dem Phänomen der Sucht, bei dem sich dieses Problem der Versklavung
in extremer Weise verschärft. Spätestens hier tritt die Problematik
aus dem Bereich des Ethos, der richtigen, gelungenen oder auch anständigen
Lebensführung heraus in den Sektor des Moralischen und Juridischen.
Von den Folgen der Sucht ist nicht nur die süchtige Person, sondern
auch das Umfeld betroffen. In erste Linie leiden die nächsten Angehörigen
unter den Auswirkungen. Hinzu kommt die Beschaffungskriminalität,
mit der die Gesellschaft konfrontiert wird, schließlich wird das
öffentliche Gesundheitswesen durch entsprechende Rehabilitationsmaßnahmen
belastet.
Angesichts der teilweise dramatisch zugespitzten sozialen Verhältnisse
in den Großstädten liegt die Forderung nach genereller Askese
in Bezug auf berauschende Substanzen nahe. Dem steht jedoch nicht nur ihre
derzeitige politische Undurchsetzbarkeit entgegen. Vielmehr scheint das
Verlangen nach berauschenden Substanzen zu den anthropologischen Konstanten
zu gehören, und es ist nicht klar, ob und warum ein Staat das Recht
haben soll, seinen Bürgern ihren Gebrauch zu verbieten.
Den Fragen, inwieweit die Suche nach Rauschzuständen, die nicht
zwangsläufig an die Einnahme giftiger Stoffe gebunden ist, zu den
Grundzügen des Menschseins gehört, wie sie mit einer sinnvollen
Suche nach einem geglückten Leben vereinbar ist und eventuell sogar
dazugehört, möchte die Tagung nachgehen und gleichzeitig zur
Diskussion anregen. Ferner ist zu klären, ob und wie die Suche nach
Rauschzuständen mit den auftauchenden moralischen und juridischen
Folgeproblemen kompatibel gemacht werden kann. Neben der erwähnten
Beschaffungskriminalität steht sowohl der Umgang mit der eingeschränkten
Steuerungsfähigkeit und mit der eingeschränkten Zurechnungsfähigkeit
im Mittelpunkt. Da hier empirische und theoretische Fragen aus verschiedenen
Wissenschaften ineinandergreifen, konkret-pragmatische und grundsätzlich-ethische
Zugangsweisen unvermittelt nebeneinanderstehen, sind solche Fragestellungen
nur auf interdisziplinärer Ebene erfolgversprechend zu bearbeiten.
Die Tagungsbeiträge, Ergebnisse, Diskussionspunkte und weitere
Themen zur Sucht- und Rauschproblematik sollen in einem Handbuch zusammengefaßt
und demnächst veröffentlicht werden.
Ansprechpartner:
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Philosophie
Prof. Dr. Matthias Kaufmann
Tel.: (0345) 55 243 93
Fax: (0345) 55 271 54
e-mail:kaufmann@phil.uni-halle.de
Doz. Dr. Roland Strauß
Tel.: (0345) 55 243 91 oder (0345) 120 05 73
e-mail:o.strauss@phil.uni-halle.de
Der ausführliche Programmablauf ist der Internetseite http://www.phil.uni-halle.de/frames/kongresse/sucht_rausch/
zu entnehmen.
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