Stammzelltransplantation - eine zukunftsweisende Therapie


Erste Transplantation mit fetalen Stammzellen aus Plazentarestblut erfolgreich an der Martin-Luther-Universität durchgeführt

Der therapeutische Einsatz von Stammzellen wurde von der Zeitschrift „SCIENCE" zur größten wissenschaftlichen Leistung des Jahres 1999 gekürt. Das Universitätsklinikum an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg - und hier vor allem die Klinik und Poliklinik für Kinderheilkunde - gehört zu den „Schrittmachern" der Stammzelltransplantation und der Erforschung des therapeutischen Potentials der Stammzellen.
Die Stammzelltransplantation wird vorrangig in der Krebstherapie eingesetzt, aber auch bei der Bekämpfung zahlreicher anderer Erkrankungen ist diese Methoden zukunftsträchtig.
Das hallesche Universitätsklinikum ist einer der beiden Standorte für die autologe (autolog = aus dem Blut des Patienten selbst gewonnen) Stammzelltransplantation in Sachsen Anhalt. Es wurden hier bereits 50 solcher Transplantationen durchgeführt! Unter der Leitung des Direktors der Klinik und Poliklinik für Kinderheilkunde Prof. Dr. Stefan Burdach ist 1999 auch erstmalig eine allogene (nichtverwandte) Stammzelltransplantation vorgenommen worden.
Eine erste erfolgreiche Transplantation von fetalen Blutstammzellen aus Plazentarestblut fand ebenfalls an dieser Klinik statt.

Stammzellen sind junge, noch undifferenzierte Zellen. Sie sind ein Leben lang extrem teilungs- und differenzierungsfähig. So bilden sich sowohl die roten als auch die weißen Blutkörperchen und auch die Blutplättchen aus einer gemeinsamen Stammzelle der Blutbildung - und das ständig. Normalerweise befinden sich die Stammzellen im Knochenmark. Unter entsprechenden Bedingungen (u. a. bei der Verabreichung eines bestimmten Medikaments) können sie aber auch im peripheren Blut auftreten. Diese Tatsache macht sich die moderne Medizin zu Nutze. Die Stammzellen müssen also nicht mehr unter Vollnarkose aus dem Knochenmark entnommen werden, sondern können auf eine weitaus weniger belastende Weise aus dem Blut des betreffenden Patienten selbst (autolog) oder aus dem Blut von Spendern (allogen - verwandt oder nichtverwandt) gewonnen werden.

Man unterscheidet demnach die autologe und die allogene Stammzelltransplantation.
Bei der autologen Transplantation werden dem Patienten entnommene Stammzellen ihm später selbst zurückgegeben. Sie wachsen im Knochenmark schnell wieder heran, bilden normale Blutstammzellen und regenerieren damit Blut und Knochenmark. Dadurch ist es u. a. möglich, die knochernmarkschädigende Chemotherapie zur Behandlung der Erkrankung weitaus höher anzusetzen.
Die allogene Stammzelltransplantation wird eingesetzt, um beispielsweise bei Leukämie durch eine Chemotherapie den bösartigen Leukämiezellen-Bestand zu eliminieren und durch gesundes Knochenmark eines Spenders zu ersetzen. Das Problem hierbei: die Unverträglichkeitsreaktionen.
Aus dem Plazentarestblut Neugeborener gewonnene Transplantate enthalten weniger potente Abwehrzellen, als die aus dem peripheren Blut erwachsener Spender, jedoch auch - proportional zur Menge des Transplantats - mehr Stammzellen.

Neben dem Ausbau der Stammzelltransplantation wird an der Klinik und Poliklinik für Kinderheilkunde ein wissenschaftliches Forschungsprojekt bearbeitet, dessen Ziel es ist, die Verringerung der Anzahl von Tumorzellen bei der Herstellung eines autologen Blutstammzellpräparates zu optimieren. Prof. Dr. Stefan Burdach ist im Rahmen einer europäischen Arbeitsgruppe Leiter der META-EICESS-Studie, die sich mit der Transplantation von Blutstammzellen bei Patienten mit primär multifokalen (d. h. an vielen verschiedenen Orten auftretenden) oder Metastasen bildenden „Ewing-Tumoren" beschäftigt. Ein weiteres Forschungsgebiet ist die medizinische Anwendung fetaler Blutstammzellen. Ihr Einsatz zur Therapie von Erkrankungen, die nicht das blutbildende System betreffen, ist ein Schwerpunkt am neu gegründeten Landeszentrum für Zell- und Gentherapie. So können zukünftig Stammzelltransplantationen bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, bei Erkrankungen der Lunge oder auch bei rheumatischen Erkrankungen angewendet werden. Entsprechende Maus-Modelle für die Forschung wurden bereits entwickelt. Erforscht wird in diesem Zusammenhang der Einsatz von „mesenchymalen Stammzellen". Diese sind überaus teilungs- und differenzierungsfähig. Im Unterschied zu den Blutstammzellenentwickeln sie sich jedoch nicht nur zu Zellen des blutbildenden Systems, sondern auch zu Knochen oder Knorpelzellen, zu Muskel-, Sehnen- oder Fettzellen. Ihre therapeutischen Möglichkeiten gilt es, für zukünftige medizinische Anwendungen nutzbar zu machen.

Ansprechpartner für alle Fragen der klinischen Stammzelltransplantation und zu den genannten Forschungsaktivitäten in Halle ist
Prof. Dr. Med. Stefan Burdach, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinderheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität.
Telefon: 0345/55 72387/88;
E-Mail: paediatrie@medizin.uni-halle.de

Monika Lindner, 03. März 2000


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