Bioinformatik – ein neuer Studiengang in Halle

Das Institut für Informatik der Martin-Luther-Universität hat seit anderthalb Jahren den neuen Studiengang Bioinformatik vorbereitet und seine Einführung zum Wintersemester 1999 beantragt. Am 10. März gab der Senat der Universität sein Ja-Wort – nun heißt es nur noch auf die Bestätigung des Magdeburger Kultusministeriums zu warten, mit der man, so der Initiator des Projekts, Prof. Dr. Ludwig Staiger, in ein bis drei Monaten rechnen darf.

Vor knapp zehn Jahren begann in den USA, in England und Deutschland die Entwicklung der Bioinformatik, die sich derzeit als eigenständige Wissenschaftsdisziplin im Spannungsfeld zwischen Informatik und Biowissenschaften in Tagungen, Publikationen, internationalen und nationalen Förderprogrammen, z. B. der EU und der DFG, etabliert.

In Deutschland sind Erfahrungen auf diesem Gebiet noch rar. Seit einigen Jahren gibt es einen Studiengang „Naturwissenschaftliche Informatik" an der Universität Bielefeld, Modellfall für die halleschen Informatiker; an der Universität Tübingen besteht die Bioinformatik seit 1998 als neuer Studiengang.

In Halle wurde der interdisziplinäre Studiengang Bioinformatik unter Federführung des Fachbereichs Mathematik und Informatik im Zusammenwirken mit den Fachbereichen Biochemie/Biotechnologie, Biologie, Chemie und Pharmazie, deren ProfessorInnen und wissenschaftliche MitarbeiterInnen einen Teil der Lehrveranstaltungen übernehmen werden, sowie mit dem Biozentrum konzipiert. Dabei sollen die Studierenden in den NC-Fächern Biochemie, Biologie und Pharmazie/Biotechnologie die regulären Vorlesungen und Seminare dieser Fachbereiche frequentieren, während für Mathematik und Chemie eigene Lehrveranstaltungen erarbeitet werden.

Die Regelstudienzeit für diese universitäre Ausbildung zum Diplom-Bioinformatiker beträgt neun Semester: ein viersemestriges Grundstudium und fünf Semester Hauptstudium, deren letztes für Fachprüfungen und die Anfertigung der Diplomarbeit vorgesehen ist. Die künftigen Absolventen werden gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Frau Dr. Merle Fuchs, Bioregion Halle-Leipzig Management GmbH, bestätigte, daß der neue Studiengang überaus wichtig für die Region, insbesondere für mittelständische Unternehmen im Bereich der Biotechnologie sowie für die pharmazeutische und chemische Industrie, Automatisierungstechnik, Mikrosystemtechnik und für Großforschungseinrichtungen werden wird.

Während der Vorbereitung des Tübinger Studiengangs wurden Entscheidungsträger der chemisch-pharmazeutischen Industrie (u. a. Bayer, Merck, Hoechst, BASF, Schering, Boehringer) befragt. Sie gaben ausnahmslos positive Stellungnahmen ab und bestätigten den aktuellen Bedarf an Absolventen dieser Fachrichtung, der gegenwärtig nur unzureichend durch Chemiker und Biologen, die sich in der Informatik weiterqualifiziert haben, gedeckt werden kann.

Was kann eine(n) dazu bewegen, sich für das neue Angebot zu entscheiden?

Ohne den Einsatz von Computern ist moderne Forschung in Biologie, Chemie und Pharmazie kaum noch vorstellbar. Beispiele: Genomsequenzierung, Proteinstrukturanalyse, Molecular Modelling, Roboterstationen zum Massen-Screening biologisch aktiver Substanzen, Chemie-Synthese-Roboter, Neuro-Implantate etc. Resultate aus allen Teilgebieten der Informatik – Mustererkennung, Neuronale Netze, Computer-Graphik, Datenbanken, Algorithmen der Theoretischen Informatik, Robotik, Rechnerarchitektur, Automatisierungstechnik u. v. a. m. – werden dabei eingesetzt.

Wer in der Molekularbiologie, Neurobiologie, Chemie oder Pharmazie Erkenntnisse produzieren oder zu neuen Forschungsmethoden gelangen will, muß auch etwas für die Weiterentwicklung der Informatik tun. Der Bedarf an gut ausgebildeten Bioinformatikern in der Industrie wächst. Sie sollen nicht nur die Informatik-Werkzeuge und -Methoden beherrschen, sondern zugleich ausreichende Kenntnisse in einem der genannten Anwendungsfelder mitbringen, so daß sie die Sprache und Denkweise der Biologie, Chemie oder Pharmazie verstehen und gemeinsam mit den Spezialisten algorithmische Lösungen für deren Probleme auf dem jeweiligen Spezialgebiet finden können.

Inzwischen hat sich bereits eine erste Bioinformatik-Firma in nächster Nähe zur Universität angesiedelt. Die Firma ACGT ProGenomics, geleitet von Dr. Gerald Böhm vom Institut für Biochemie, hat ihren Sitz im Biozentrum der Universität am Weinbergweg. Schwerpunkt der Firmenarbeit ist – neben anwendungsorientierter biotechnologischer Forschung und Entwicklungen im medizinischen Bereich – die Molekulare Bioinformatik. Außerdem bietet ACGT ProGenomics für die Bioinformatik-Studentinnen und -Studenten in Halle Praktikumsplätze und ggf. Teilzeit-Arbeitsplätze an, so daß in enger Verzahnung mit angewandter industrieller Forschung das im Studium erlernte Wissen praktisch umgesetzt werden kann.
(Dr. Margarete Wein, 26. März 1999)

Fazit: Neues zu wagen wird sich lohnen.
Studieren Sie Bioinformatik an der Martin-Luther-Universität!

Weitere Auskünfte:
Prof. Dr. Ludwig Staiger, Tel.: (0345) 552 47 14, Fax: (0345) 552 70 09,
e-mail: staiger@informatik.uni-halle.de


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