Ein Computer liest Bücher vor...

Sehbehindertenarbeitsplatz in der Uni-Bibliothek

Blinde oder Sehbehinderte haben die gleichen Rechte wie alle, die über gesundes Augenlicht verfügen. Doch die meisten Einrichtungen der Öffentlichkeit sind noch nicht genügend auf solche Besonderheiten bzw. das Anderssein Einzelner eingestellt. Das ist aufwendig und auch mit Kosten verbunden. Benachteiligungen sind leider viel zu oft die Folge. Es stehen heute technische Mittel zur Verfügung, mit denen persönliche Nachteile ausgeglichen werden können. Die technischen Neuerungen im Bereich der Nachteilsausgleiche sind bemerkenswert und werden ständig verbessert, insbesondere im Zuge der Entwicklung der Mikroelektronik.

Einen erfreulichen Schritt in diese Richtung konnte jetzt die Universitäts- und Landesbibliothek Halle (ULB) in der August-Bebel-Straße gehen. Im Katalograum wurde ein Sehbehindertenarbeitsplatz mit Spezialsoftware installiert, der nun – nach seiner Wiederherstellung – funktionstüchtig ist. Um eine „Wiederherstellung" handelt es sich deshalb, weil bereits im Mai 1996 eine solche Ausrüstung hier ihren Platz fand, von der allerdings (kaum zu glauben!) wichtige Teile durch Diebstahl abhanden kamen. Der einzige Vorteil, den die Zeitverzögerung mit sich brachte: „Die neue Anlage ist noch besser, sie ist nach den modernsten Gesichtspunkten ausgestattet", erklärt Elke Dierichen, Schwerbehindertenvertrauensfrau der Universität. Sie hat mit ihrem Engagement die erneute Einrichtung des Sehbehindertenarbeitsplatzes entscheidend vorangetrieben. Die Mittel für den Arbeitsplatz stammen aus der Kanzlerreserve, für die Wiederherstellung trug die ULB die Kosten.

Nutzen können den Leseplatz alle sehbehinderten Personen, die in den Katalogen der Bibliothek recherchieren wollen, ob es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität, Studierende oder auch einfach literaturinteressierte Bürger sind. Wer sich mit Computer-Technik nicht auskennt, braucht sich deswegen keine Sorgen zu machen, denn der Arbeitsplatz wird durch Bibliotheksmitarbeiter betreut, die gerne helfen. Derzeit gibt es an der halleschen Universität 15 sehbehinderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Studierende, so Elke Dierichen.

Was leistet der Computer? Am 20-Zoll-Bildschirm können Schriften vergrößert werden. Das Programm „Zoom Text XTRA plus Version 6 Level 2" sorgt für riesige Buchstaben (bis 16fache Vergrößerung). Nicht zuletzt ist der Computer in der Lage, eingescannte Texte – in gewünschtem Tempo – vorzulesen. Sogar zwischen einer männlichen oder weiblichen Stimme kann gewählt werden, ein Mausklick genügt...! Wichtig für Sehschwache ist das am Computer angeschlossene Lesegerät, das aufgelegte Bücherseiten auf dem Bildschirm in starker Vergrößerung wiedergibt. Der Bildschirm kann auch geteilt werden: Eine Hälfte dient dann zum Lesen, die andere Hälfte ist für Mitschriften gedacht. Und der Computer enthält eine multilinguale Softwaresprachausgabe, das heißt, der Nutzer hat die Möglichkeit zwischen Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch zu wählen.

Der neue Computerplatz eröffnet nicht zuletzt mehr sehbehinderten jungen Menschen die Chance, ein Studium in Halle aufzunehmen. Nach den Ergebnissen einer Sozialerhebung des BMBF von 1995 leiden 15 Prozent aller behinderten oder chronisch kranken Studierenden Deutschlands an Sehschädigungen, das entspricht zwei Prozent der Gesamtstudentenzahl.

Ute Olbertz, 7. 4. 1999


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