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1933 kam der Nationalsozialismus an die Macht:
Die "Säuberungen" an der halleschen Universität
 
Zwischen 1933 und 1945 wurden 48 Hochschullehrer der Universität Halle entlassen. 27 von ihnen hatten jüdische Vorfahren, fünf waren mit jüdischen Frauen verheiratet, andere hatten sich politisch für die Republik engagiert, zwei wurden bezichtigt, homosexuell zu sein. Hinter dieser nüchternen Statistik verbergen sich tragische Schicksale.
Der Volkswirt Georg Brodnitz starb, wie in seiner Personalakte zu lesen ist, »im Osten«. Wahrscheinlich wurde er in einem Vernichtungslager ermordet. Der Pharmakologe Martin Kochmann tötete sich ebenso wie der Anthropologe Arnold Japha selbst. Ernst Grünfeld, Professor für Genossenschaftswesen, erhängte sich. Ihm wurde seine adoptierte Tochter genommen, als Jude hätte er nicht das Recht, ein »arisches« Mädchen aufzuziehen. Einige, wie die Internisten Oskar David und Hans Rothmann sind verschollen. Weder in den Akten der Universität, noch bei Standesämtern oder in Archiven finden sich Hinweise auf ihr Schicksal. Anderen glückte zwar die Emigration, aber ihre Karrieren waren zerstört. Nur wenige hatten nach dem zweiten Weltkrieg eine zweite Chance, wissenschaftlich zu arbeiten.

Wenig bekannt ist, dass sich die Säuberungen über einen langen Zeitraum erstreckten. Der Soziologe Friedrich Hertz und der Theologe Günther Dehn waren im Winter 1932/33 pogromartigen Angriffen der nationalsozialistischen Studenten ausgesetzt. Hertz floh nach England, Dehn blieb in Deutschland, wurde mehrfach verhaftet und ständig schikaniert.
Da das Ausland empört auf derartige Vorfälle reagierte, änderte das Regime seine Taktik. Säuberungsaktionen wurden jetzt mit Gesetzen gedeckt. Das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" zwang alle Hochschullehrer, Fragebögen auszufüllen, in denen sie ihre Abstammung und ihr politisches Engagement in der Zeit der Weimarer Republik offen legen mussten. Weitere Entlassungen noch im Jahr 1933 waren die Folge. Doch auch jene, die zunächst geschützt waren, die Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges und die, in deren Ahnenreihe sich nur wenige jüdische Vorfahren fanden, verloren ihr Amt als Hochschullehrer in den nächsten Jahren. Noch 1943 wurde einem Gelehrten der Status als Privatdozent abgesprochen. Die Gestapo hatte auch bei ihm, dem bekannten Heimatforscher Siegmar von Galéra, jüdische Vorfahren ermittelt.

An der Universität erhob sich gegen die Entlassungen nur vereinzelt Protest. Zwei Dekane gaben 1933 Ehrenerklärungen für jüdische Kollegen ab. Studenten setzten sich 1937 für den Historiker Hans Herzfeld ein. Doch auch 1945 war die Universität nicht rückhaltlos bereit, die einstigen Kollegen zu rehabilitieren und ihnen ihre alten Lehrstühle anzubieten. Nur zwei Wissenschaftlern gelang die Rückkehr. Nachkriegsrektor Otto Eißfeldt setzte sich zwar auch für andere Vertriebene ein, doch jetzt war es die Sowjetische Militäradministration, die deren erneute Berufung verhinderte.

1933 und später entlassene Mitarbeiter der MLU (Quellen: s. u.)

Walter Anderssen
(Rechtswissenschaften),
Georg Jahn
(Wirtschaftswissenschaften),
Rudolf Anthes (Ägyptologie), Arnold Japha (Anthropologie),
Reinhold Baer (Mathematik), Rudolf Joerges
(Rechtswissenschaft),
Rudolf Bernstein
(Landmaschinenkunde),
Friedrich Kitzinger
(Rechtswissenschaft), ),
Georg Brodwitz (Volkswirtschaft), Guido Kisch
(Rechtswissenschaft),
Theodor Brugsch (Medizin), Martin Kochmann
(Pharmakologie),
Werner Budde (Medizin), Walter Kranz (Philologie),
Oskar David (Medizin), Oskar Kuhn (Paläontologie),
Günther Dehn (Theologie), Richard Laqueur (Philologie),
Max Fleischmann
(Rechtswissenschaft),
Friedrich Lehnerdt (Medizin),
Paul Frankl (Kunstgeschichte), Edmund Oskar Ritter von Lippmann
(Chemie und Chemiegeschichte),
Paul Friedländer (Philologie), Hans Rothmann (Medizin),
Hans Froböse (Medizin), Alois Schardt (Kunstgeschichte),
Adhémar Gelb (Psychologie), Carl Tubandt (Chemie),
Heinrich Grell (Mathematik), Emil Utitz (Psychologie),
Ernst Grünfeld
(Wirtschaftswissenschaft),
Arthur Wegner
(Rechtswissenschaften),
Fritz Hartung
(Rechtswissenschaft),
Walter Weisbach (Medizin/Hygiene),
Alfred Hauptmann
(Psychiatrie und Neurologie),
Ernst Wertheimer (Physiologie),
Betty Heimann (Indologie), Wolfgang Windelband (Geschichte).
Hans Herzfeld (Geschichte),
Friedrich Hertz (Soziologie),
Wilhelm Hertz (Medizin/Pädiatrie),

Kurzbiographien der entlassenen Wissenschaftler finden sich im Internet unter http://www.catalogus-professorum-halensis.de, ausführliche Informationen im Buch von Henrik Eberle: Die Martin-Luther-Universität in der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945, mdv Mitteldeutscher Verlag Halle 2002 (29,80 €)

(Dr . Henrik Eberle, Dr. Margarete Wein, 6. November 2003)

Nähere Informationen:
Dr. Henrik Eberle
E-Mail: historisches.buero@gmx.de
 
  Ingrid Godenrath, 06.11.2003
 
     
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