Frankreich und „das andere Deutschland"

Margarete Wein

Dieses „andere Deutschland" gibt es nicht mehr. Dennoch wird jener gewesene Staat namens „Deutsche Demokratische Republik" die Gemüter noch lange beschäftigen. Ende Juni fand an der Martin-Luther-Universität eine wissenschaftliche Tagung zum Thema „Frankreich und ,das andere Deutschland'" statt. Mehr als dreißig Romanisten, Germanisten und Deutschlehrer aus beiden Ländern waren zusammengekommen, um nach fünf Jahren gemeinsamer Arbeit eine (vorläufige) Bilanz zu ziehen.

Im Mittelpunkt des Forschungsprojektes standen u. a. Fragen der gegenseitigen Vermittlung von Kenntnissen und Erfahrungen über das jeweils andere Land – dabei spielten auch Städtepartnerschaften eine Rolle, die jedoch (das zeigte das ausführlich dargestellte Beispiel Cottbus – Montreuil) zum allergrößten Teil nur als „Einbahnstraße" funktionierten.

Probleme der Auswahl von Autoren und literarischen Werken, die in deutscher Übersetzung in Frankreich bzw. in französischer Übersetzung in der DDR erschienen, wurden nicht zuletzt unter dem Aspekt erörtert, wie landeskundliche Fakten durch die Art und Weise des Übersetzung modifiziert werden können. Besonders in linksintellektuellen Kreisen Frankreichs wurde die DDR – vor allem vermittelt durch die Zeitschrift „Connaissance de la R.D.A."– lange als reale Alternative gesehen, während ihre offensichtlichen Defizite (z. B. hinsichtlich einer demokratisch funktionierenden Gesellschaft) als „Kinderkrankheiten" galten. Dazu bemerkte Prof. Dr. Jean Mortier von der Université Paris-VIII, viele linke Franzosen waren „Opfer einer Illusion".

Demgegenüber erschien Frankreich in den offiziellen Darstellungen durch Schule, Presse, Radio und Fernsehen der DDR zunächst fast als „das gute imperialistische Land" (Gegenbild zur Alt-BRD!). Später allerdings vermittelten sogar die Französisch-Lehrbücher eher ein „DDR-Bild" als ein „Frankreich-Bild"; das ursprüngliche Ziel „faire aimer la France" geriet hier – zugunsten dogmatischer Eigenwerbung – bald in Vergessenheit.

Am Ende der Tagung entstand der Plan, die Zusammenarbeit in Form einer Koordinationsstelle, die mit doppeltem Standort sowohl am Institut für Romanistik der Martin-Luther-Universität als auch an der Université Paris-VIIangesiedelt sein soll, fortzuführen und so auch in Zukunft einen Anlaufpunkt für alle an der Problematik interessierten WissenschaftlerInnen beider Länder zu bieten.

Nähere Auskünfte erhalten Sie bei Frau Prof. Dr. Dorothee Röseberg, Institut für Romanistik am Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften, Telefon: (0345) 552 35 33.


  Zurück zum Archiv