Wege nach Europa in der Philosophie


Hallescher Philosophieprofessor Manfred Riedel wird 65

Am Donnerstag, dem 10. Mai 2001 begeht Manfred Riedel – seit 1994 Ordentlicher Professor für Praktische Philosophie an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg – seinen 65. Geburtstag. An diesem Tag findet um 18.15 Uhr im Hörsaal XX des Melanchthonianums ein Akademischer Festakt (mit anschließendem Empfang im Historischen Sessionssaal der Zentralen Kustodie der Universität) statt. Prof. Dr. Günter Figal (Universität Tübingen) hält einen Vortrag über "Verstehen in Wort und Schrift".

Prof. Dr. phil. habil. Dr. h. c. mult. Manfred Riedel,
Institut für Philosophie am Fachbereich
Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften
der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Manfred Riedel studierte in Leipzig bei Ernst Bloch und Hans Mayer. Unter dem Druck der Repressionen gegen Bloch ging er Ende der fünfziger Jahre nach Heidelberg, wo er 1960 bei Karl Löwith und Hans-Georg Gadamer mit einer Arbeit über "Theorie und Praxis im Denken Hegels" promoviert wurde. Er habilitierte sich in den späten sechziger Jahren mit Studien über die "Bürgerliche Gesellschaft". Nach kurzer Privatdozentenzeit erhielt Riedel 1970 einen Ruf an die Universität des Saarlandes in Saarbrücken und lehrte von 1971 bis 1993 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Gastdozenturen führten ihn unter anderem an die New York School for Social Research (New York 1980/81), nach Turin, Rom und Neapel. Riedel erhielt die Ehrendoktorwürde mehrerer Universitäten und ist unter anderem Träger des Italienischen Nietzsche-Preises.

Nach frühen Forschungen über den Begriff der "Bürgerlichen Gesellschaft", über die Praktische Philosophie des Aristoteles und die politische Begriffsbildung in der Neuzeit, insbesondere aber den Beiträgen zu einer "Rehabilitierung" der alteuropäischen Tradition der praktischen Philosophie wandte sich Riedel in den siebziger Jahren Fragen nach dem Wissenschaftsbegriff und seinen Grenzen und Grundfragen der Ethik zu (Verstehen und Erklären, 1981; Für eine zweite Philosophie 1988). Arbeiten zu Kant und Hegel ergänzen sein Werk. Sein Ansatz einer von dem Zusammenhang zwischen Sprechen und Hören ausgehenden Sprachphilosophie im Anschluss an Heidegger dokumentiert sich erstmals in dem Buch "Hören auf die Sprache" (1990) und in der Folgezeit in vielbeachteten Studien über den Zusammenhang von Denken und Dichten. In den letzten Jahren hat Riedel zwei Nietzsche-Bücher publiziert. Das erste "Nietzsche in Weimar" (1997) geht den Missverständnissen nach, die Nietzsches Denken im 20. Jahrhundert erfuhr, das zweite, "Freilichtgedanken" (1998), weist den Ursprung von Nietzsches Grundgedanken in seiner "dichterischen Welterfahrung" nach und versucht den Denker aus dem Streit der ideologischen Parteien zu herauszulösen. Manfred Riedel organisierte zwei bedeutsame Nietzsche-Symposien in Sachsen-Anhalt: 1994 anlässlich des 150. Geburtstags in Naumburg über Philologie und Philosophie in Nietzsches Denken, 2000 anlässlich des 100. Todestags in Zusammenarbeit mit der Moritzburg an der Martin-Luther-Universität über Natur und Kunst in Nietzsches Denken. Außerdem trat Prof. Riedel als Mitinitiator eines Kooperationsvertrags zwischen der Martin-Luther-Universität und der Universität Federico II in Neapel hervor, dessen Ergebnisse in der von ihm und dem Rektor der Neapolitaner Universität Prof. Dr. Fulvio Tessitore gemeinsam betreuten Reihe "Collegium hermeneuticum" und in mehreren internationalen Tagungen zur Geschichte der Hermeneutik fruchtbar gemacht werden konnten.

Festakt und Festschrift bieten die Gelegenheit zu eingehender Würdigung von Riedels Werk, das über den akademischen Bereich hinaus in den öffentlichen Raum, auf Politik und Kultur einwirkte. Sein Buch "Zeitkehre. Reisen in das vergessene Land" (1991) wies unmittelbar nach dem Umbruch von 1989 auf die Bedeutung der geistigen Landschaft Mitteldeutschlands für eine künftige Einheit hin. Und schon 1994 skizzierte er in seiner halleschen Antrittsvorlesung das Vorhaben, Wege nach Europa in der Deutschen Philosophie aufzuzeigen, das er bis heute verfolgt.

(Dr. Harald Seubert, Dr. Margarete Wein, 30. April 2001)

Nähere Informationen:
Dr. Harald Seubert, Telefon: 0345 / 552 43 95, Fax: 0345 /552 71 54
E-Mail: seubert@phil.uni-halle.de


  Zurück zum Index