Kongreß „Psychiatrie und Justiz"

Mehr als 300 Psychiater, Psychologen und Juristen fanden sich heute (16. Februar 2000) zum Kongreß „Psychiatrie und Justiz" in Halle ein, um sich dem brisanten Themenbereich psychisch kranker Straftäter zu widmen und Probleme zu diskutieren, die mit deren Begutachtung zusammenhängen. Nicht erst seit dem Fall Büch findet diese Thematik rege Anteilnahme in der Öffentlichkeit. Professor Dr. Andreas Marneros, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Halle, der auch Büch beim letzten Verfahren begutachtet hatte, wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, daß unbedingt eine wissenschaftlich fundierte forensische Psychiatrie voranzutreiben sei, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewußt ist. Notwendig seien Qualitätskontrollen für Gutachter und für den Maßregelvollzug sowie wissenschaftliche Studien zur Persönlichkeit und Prognose von Straftätern. Die beiden Tagungsleiter des Kongresses, der Strafrechtler und Kriminologe Prof. Dr. Dieter Rössner (Universität Marburg) und Prof. Dr. Andreas Marneros, beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Problemkreis „Psychiatrie und Justiz". Marneros verwies auf Ergebnisse eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten gemeinsamen Projekts mit Professor Rössner und Dr. Simone Ullrich, in dessen Rahmen die Persönlichkeit von begutachteten und nicht begutachteten Straftätern untersucht wurde. Dabei wurde deutlich, daß es je nach Delikt durchaus erhebliche Unterschiede zwischen den Persönlichkeiten der Täter gibt. So sind beispielsweise gewalttätige Straftäter, insbesondere hier Vergewaltiger, emotional instabiler. Ziel solcher Forschung könnte sein, besondere Risikogruppen vor allem hinsichtlich der Rückfallgefahr zu identifizieren und dann spezifische Therapieprogramme zu entwickeln.

Professor Marneros hat seit 1992 den Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie an der halleschen Universität inne und war zuvor Professor für Medizinische Psychologie in Bonn. Er hat in den vergangenen Jahren an zahlreichen spektakulären Gerichtsverhandlungen teilgenommen. Auf besondere Beachtung auch außerhalb der Fachwelt ist dabei sein Buch „Sexualmörder – eine erklärende Erzählung", das im Psychiatrieverlag 1997 erschienen ist, gestoßen.

Ziel des Kongresses: Zum einen gilt es, in der Fachwelt wie in der Öffentlichkeit das Verständnis zu entwickeln, daß sich die Forensische Psychiatrie in der Begutachtungspraxis sowie in der Therapie noch stärker empirisch wissenschaftliche Grundlagen geben muß, und daß hier Qualitätskontrolle nötig ist. Zum anderen muß aber auch immer wieder in der Öffentlichkeit klargemacht werden, daß psychisch kranke Straftäter Menschen sind, die ein Recht auf ein faires Verfahren und Behandlung ihrer Krankheit haben. Allzusehr geht dieser Aspekt im Sensationellen spektakulärer Strafverfahren unter. Zugleich kann damit das Recht der Bürger besser gewahrt werden, vor Wiederholungstätern geschützt zu sein. Wird ein psychisch gestörter Straftäter keiner sinnvollen Behandlung zugeführt und nach dem „normalen Strafvollzug" entlassen, besteht die akute Gefahr eines Rückfalls. Oft sind Richter und Staatsanwälte, die über den Antrag einer Begutachtung des Täters entscheiden, selbst Laien in psychiatrischer und psychologischer Hinsicht. Wichtig ist gerade hier der Austausch zwischen Juristen und Medizinern und die Nähe zur Wissenschaft. Den interdisziplinären Dialog zu pflegen und anzuregen ist nicht zuletzt auch ein Anliegen des Kongresses in Halle.

Rückfragen an:
Dr. Peter Brieger/ Dr. Annette Haring/ Dr. Simone Ullrich
Tel. 0345-55 73522, Fax 0345-55 73500
am 16./17.2.2000: Tel. 0345-55 21046, Fax 0345-55 21047
E-mail: peter.brieger@medizin.uni-halle.de

(Ute Olbertz, 16. Februar 2000)


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