Damit Pillen wirksamer werden

Neue Technologie für die Pharma-Industrie

Industrie-Manager verschenken kein Geld. Wenn sie Preise vergeben, versprechen sie sich was davon. Anfang Februar 2000 entschied das Preisrichterkollegium des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) e.V. und der Zeitschrift "die pharmazeutische Industrie" ("pharmind") über den mit 10.000 DM dotierten "Preis für Pharma-Technik" für das Jahr 1999 und sprach ihn einer Arbeitsgruppe des Fachbereichs Pharmazie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zu.

Mit diesem Preis wurde die aus jahrelanger Forschungsarbeit hervorgegangene, zweiteilige Veröffentlichung über die "Entwicklung eines Bioadhäsionsmodells auf der Basis der Quarz-mikrobalance für die Charakterisierung pharmazeutischer Vehikelsysteme" (Ausgaben 5/99 und 6/99 von "pharmind") belohnt.

Die Anfänge dieses Projekts der Arzneimittelforschung reichen bis 1993 zurück. Damals stellten der hallesche Pharmazeut Prof. Dr. Reinhard Neubert und der Magdeburger Elektroniker Prof. Dr. Peter Hauptmann den entsprechenden Antrag an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), der genehmigt und dessen Realisierung finanziell unterstützt wurde. Inzwischen laufen die Forschungen weiter unter der Schirmherrschaft der Deutschen Forschungsgemeinschaft; die Arbeitsgruppe wurde mit den Pharmazeuten Dr. Gerd Bendas, Dipl.-Pharm. Annegret Hildebrand, dem Chemiker Dr. Maik Liebau und dem Biochemiker Doz. Dr. Ulrich Rothe verstärkt alle gemeinsam bilden das Autorenteam der o. g. Publikation.

Was war der Ausgangspunkt, was ist das Ziel? Bestimmte Medikamente sind schlecht wasserlöslich, sollen aber dennoch ihre heilende Wirkung im menschlichen Körper optimal entfalten. Da sie sich also auf herkömmlichem Wege nicht auflösen können, müssen sie auf andere Weise ins Blut gelangen. Dazu bedürfen sie pharmazeutischer Vehikel, d. h. spezifischer Transport- und Lösungsmittel, die diese Wirkstoffe in den Blutkreislauf gelangen lassen.

Mit Hilfe einer Reihe selbstgebauter Geräte (deren Wert bei je 60 bis 100.000 DM liegt) wurde von den halleschen WissenschaftlerInnen ein Modell entwickelt, in dem durch goldbeschichtete Quarzplatten der Transport von bioadhäsiven Arzneiformulierungen simuliert wird. Ihr Zielort ist beispielsweise die Darmschleimhaut, wo sie sich festsetzen und Heilungsprozesse in Gang bringen können. Die "Quarzmikrobalance" genannte Methode nutzt den piezoelektrischen Effekt, wobei durch das Anlegen eines elektrischen Feldes an den Schwingquarz mechanische Schwingungen mit einer charakteristischen Resonanzfrequenz hervorgerufen werden. Die Zugabe einer Probe führt aufgrund der Massenänderung auf der Quarzoberfläche zu einer messbaren Verschiebung der Resonanzfrequenz.

Schwingquarz mit Alkanthiol- und Langmuir-Blodgett-Schicht

Schwingquarz mit beidseitig aufgedampften Goldelektroden

Neben der vorrangig medizinischen Anwendung (besonders in der Transplantationsmedizin), deren weitere Entwicklung auch durch Tierversuche im Biozentrum unterstützt wird, kann die QMB-Technik in fernerer Zukunft eventuell auch für kosmetische Zwecke genutzt werden. Mehrere Firmen der Pharma-Industrie haben bereits ihr Interesse an der Übernahme der konkreten Ergebnisse dieser Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Vehikeloptimierung in ihre Produktionslinien signalisiert. Trotz der damit verbundenen Kosten wird deshalb auch schon die Anmeldung entsprechender Patente vorbereitet.

(Dr. Margarete Wein, 22. Februar 2000)

Nähere Informationen:
Prof. Dr. Reinhard Neubert
Prodekan des Fachbereichs Pharmazie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie
Wolfgang-Langenbeck-Straße 4
06099 Halle (Saale)
Telefon: 0345 / 552 50 00, Fax: 0345 / 552 72 92
e-mail: neubert@pharmazie.uni-halle.de


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