Akademie-Projekt kommt an die Universität Halle

Arbeitsgruppe „Zeitstrukturen endokriner Systeme" mit Schwerpunkt „experimentelle Diabetologie" nimmt Arbeit auf

Erstmalig wird ein naturwissenschaftliches Langzeitprojekt der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig in Sachsen-Anhalt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eingerichtet. Der Genehmigung des anspruchsvollen Projektes ging ein intensives wissenschaftliches Evaluierungsverfahren durch das Plenum der Sächsischen Akademie, die Union der Akademien Deutschlands mit Sitz in Mainz, die Bund-Länder-Konferenz und das Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt voraus. Das eigenständige Arbeitsvorhaben „Zeitstrukturen endokriner Systeme" mit dem Untertitel „Zum Einfluß von Indolaminen auf Sekretionsrhythmik und Signaltransduktionsprozesse der Langerhansschen Insel" wird je zur Hälfte vom Bund und vom Land Sachsen-Anhalt finanziert. Es steht unter der Leitung des Ordentlichen Mitgliedes der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. Elmar Peschke, und wird seiner Arbeitsgruppe „Chronoendokrinologie" mit Sitz im Institut für Anatomie und Zellbiologie angegliedert. Die Laufzeit des Projektes umfaßt 15 Jahre bei einem geplanten und bestätigten finanziellen Gesamtumfang von 4 Mio. DM. Durch die Genehmigung können drei Mitarbeiter eingestellt werden. Der Forschungserfolg der Arbeitsgruppe wird aller drei Jahre durch ein Projekt-begleitendes unabhängiges Gutachtergremium sowie die Union der Akademien Deutschlands evaluiert.
Schwerpunktmäßig werden im Rahmen des Akademieprojektes endokrinologische Fragestellungen unter besonderer Berücksichtigung und Charakterisierung biorhythmischer (ultra-, circa- und infradianer) Abläufe untersucht. Im Vordergrund steht die Überprüfung des Einflusses von Indolaminen (Melatonin, Serotonin) auf die pankreatische Insel und ihr Sekretionsmuster. Dazu wurden bisher zahlreiche Voruntersuchungen – vorerst zur Zellaktivität der Insulin-produzierenden B-Zelle – durchgeführt, die mit Hilfe eines effizienten Perifusions-Systems möglich wurden. Dieses in vitro-System erlaubt die Erfassung der Sekretionsdynamik sowohl von Geweben als auch von Einzelzellen. Bisherige Untersuchungen isolierter pankreatischer Inseln von neonaten Wistar-Ratten und Tiermodellen (z. B. hyperglykämisch-hyperinsulinämische obese Mäuse) sollen auf Insulin-produzierende immortalisierte Zellstämme und menschliches Operationsmaterial ausgedehnt werden. Schließlich wird angestrebt, die gewonnenen Befunde unter in vivo-Bedingungen im Hinblick auf zentralnervöse Angriffspunkte der Indolamine und ihre möglicherweise klinische Relevanz zu überprüfen. Diesem letztgenannten Aspekt ist besondere Aufmerksamkeit zu schenken, weil der Diabetes mellitus die häufigste Stoffwechselkrankheit der modernen Industrieländern ist, die Krankenkassen bereits heute jährlich 18 Milliarden DM für diabetesbedingte Sekundärleiden ausgeben und zu erwarten steht, daß sich die Kosten in nur 10 Jahren auf 40 Milliarden erhöhen werden. Bereits 2001 wird ein Anstieg auf bis zu 8 Millionen Diabetiker in Deutschland befürchtet (Der Spiegel 33/1997). Weltweit werden Anstrengungen unternommen, dieser Entwicklung zu begegnen. Das Projekt gliedert sich in diese Zielstellungen ein.
Im Mittelpunkt der geplanten Untersuchungen stehen folgende Schwerpunkte:
1. Charakterisierung circadianer Hormon-Sekretionsrhythmen der isolierten pankreatischen Insel,
2. Analytik kausaler Mechanismen bereits in Vorversuchen nachgewiesener Indolamineffekte auf die Insulinfreisetzung,
3. Nachweis von Melatonin-Rezeptoren bei Inselzellen, aufbauend auf bisherigen positiven funktionellen, autoradiographischen und molekularbiologischen Ergebnissen an pankreatischen Inseln,
4. Erweiterung bisheriger Befunde zum Indolamineinfluß auf intrazelluläre Signaltransduktionsmechanismen der B-Zelle unter Einbeziehung von elektrophysiologischen und Laser-scanning-Analysen,
5. Untersuchungen zur Radikalfänger-Bedeutung von Melatonin an der pankreatischen Insel unter Anwendung von Perifusionstechnik, HPLC und Elektronen-Spin-Resonanzspektroskopie.
Dieser letzte Punkt des Arbeitsprogrammes leitet bereits zu praxisrelevanten Zielstellungen über, die unter Berücksichtigung von in vivo-Untersuchungen die Zielstellungen des langfristigen Arbeitsprogrammes komplettieren und klinische Aspekte berücksichtigen sollen. Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß sich unter besonderer Berücksichtigung biorhythmischer Abläufe das Arbeitsspektrum des Projektes von der experimentellen bis hin zur klinischen Diabetologie spannt.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Elmar Peschke, Universität Halle, Institut für Anatomie und Zellbiologie
Tel.: 0345/557 1709/-1813/-1816
e-mail: elmar.peschke@medizin.uni-halle.de

(Ute Olbertz, 11. Januar 2000)


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