"Auf dem Arbeitsmarkt entscheidet sich die Zukunft Sachsen-Anhalts"

zsh-Direktor Burkart Lutz erhält Ehrendoktorwürde

Der Forschungsdirektor des Zentrums für Sozialforschung Halle (zsh), Prof. Dr. Burkart Lutz, erhält am Dienstag, 1. Februar 2000, die Ehrendoktorwürde der Universität Halle. Der akademische Festakt beginnt um 18:00 Uhr im Hörsaal 1, Tschernyschewskij-Haus, Moritzburgring 10. Die Auszeichnung wird ihm verliehen für seine Leistung als Soziologe, seine Arbeiten im Rahmen der Transformationsforschung und für den Aufbau des ZSH.

Burkart Lutz, Jahrgang 1925, war von 1965 bis 1990 geschäftsführender Direktor des 'Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung' (ISF) in München.. Neben vielen Ehrenämtern hatte er von 1983 bis 1986 auch das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Soziologie inne. Was treibt ihn dazu, nach Erreichen des Ruhestandes, noch einmal von vorne anzufangen und als über siebzigjähriger ein neues Forschungsinstitut aufzubauen? "Über den ostdeutschen Arbeitsmarkt wird seit einigen Jahren fast nicht mehr geforscht. Wir wissen nicht, was sich seit 1994 geändert hat. Der Politik fehlen wichtige Informationen, um die Zukunft des Landes zu sichern. Es hat mich gereizt, einen Beitrag zu leisten damit diese Wissenslücken geschlossen werden können. Deshalb bin ich hier", sagt Lutz, "aber schreiben Sie nicht so viel über mich, das zsh ist viel wichtiger." Freilich ist er mit dem Forschungsinstitut so eng verwoben, dass auch in einem Bericht über das ZSH immer die Person Lutz im Mittelpunkt stehen wird.

Die Demografische Falle

Vor einigen Wochen erst hat er mit seiner These von der 'Demografischen Falle' bundesweit für Aufsehen gesorgt. Sie ergibt sich daraus, dass einerseits durch die starke 'Altersentlastung' mit rund 1 Million Frühverrentungen Beschäftigungsstrukturen entstanden, in denen es bis zur Mitte dieses Jahrzehnts fast keinen Ersatzbedarf und Platz für Nachwuchskräfte gibt. Gleichzeitig drängen aber besonders starke Jahrgänge, die um 1980 geboren wurden, auf den ostdeutschen Arbeits- und Ausbildungsstellenmarkt. Um 2005 wird diese Situation in kurzer Zeit in ihr Gegenteil umschlagen: Dann brauchen die Unternehmen dringend Nachwuchskräfte, um die ausscheidenden Leistungsträger zu ersetzen, sie werden aber wegen des starken Geburtenrückganges keinen Nachwuchs mehr finden. Gerade die vielen Kleinbetriebe im Osten haben ohne rasche Unterstützung durch die Politik unter diesen Bedingungen kaum eine Überlebenschance", erklärt Lutz. Was kann getan werden? "Wir bilden im Augenblick zu viele Jugendliche in den falschen Berufen aus. Baugewerbe und Einzelhandel sind keine zukunftsträchtigen Berufsfelder. Was wir brauchen, um die wirtschaftliche Zukunft Ostdeutschlands zu sichern, sind Industriefacharbeiter, Dienstleistungskaufleute und Fachkräfte in technischen Handwerksberufen." Gerade diese Ausbildungsplätze sind für Kleinbetriebe kaum bezahlbar und deshalb rar. Die öffentliche Förderung müßte hier ansetzen und alle Maßnahmen unterstützen, die sich der Mittelstand aus eigener Kraft nicht leisten kann oder will. "Wenn es uns nicht gelingt, den Jugendlichen in den nächsten Jahren eine vernünftige Lebensperspektive zu geben, dann fliegen uns die Fetzen um die Ohren", warnt Lutz. "Sicherlich ist die These, dass arbeitslose Jugendliche zu Gewalt und politischem Extremismus neigen, zu einfach. Wenn aber der Generationenwechsel auf dem Arbeitsmarkt nicht reibungslos funktioniert, wenn Jugendliche über Jahre hinweg in unsicheren Lebensverhältnissen alleine gelassen werden, dann hat ganz Ostdeutschland seine wirtschaftliche und politische Zukunft verspielt." Es kommt also darauf an, schon heute in viel stärkerem Maße Arbeitskräfte in qualifizierten und aussichtsreichen Berufen auszubilden. "Wenn wir damit erst in fünf Jahren beginnen, wenn der Arbeitskräftemangel virulent wird, ist es zu spät. Dann sind die Jugendlichen für den Arbeitsmarkt und für die Gesellschaft verloren", so Lutz weiter.

Prof. Dr. Reinhard Kreckel, der seinen Einfluß als Fachkollege und als Rektor der Martin-Luther-Universität eingesetzt hat, um Burkart Lutz an Halle zu binden, fügt hinzu: "Wir müssen auch alles dafür tun, dass die jungen Leute, die das Abitur in der Tasche haben, ein Hochschulstudium aufnehmen. Ein Studienabschluß ist immer noch die beste Garantie, um im Erwerbsleben bestehen zu können. Außerdem braucht Sachsen-Anhalt viele kluge Köpfe". So stehen das zsh und die Martin-Luther-Universität Seite an Seite im Kampf für eine bessere Qualifikation der jungen Generation.

Das zsh

Das zsh wurde 1997 als Institut an der Universität Halle gegründet. Gegenwärtig sind dort zwölf Mitarbeiter und sechs studentische Hilfskräfte beschäftigt. Seit dem die Sozialwissenschaftler ihre Arbeit vor drei Jahren aufgenommen haben, wurden über 5 Mio DM für mehr als 20 Einzelprojekte eingeworben. Unter dem Titel 'Bildung, Arbeitsmarkt und Beschäftigung in postsozialistischen Gesellschaften' finanziert die VW-Stiftung das größte Einzelprojekt mit einem Gesamtvolumen von 1,2 Mio DM. "In nächster Zeit werden wir Forschungsaufträge in Höhe von weiteren 2 Mio DM übernehmen", erzählt Lutz, "damit ist das zsh bis etwa 2003 finanziell gesichert."

Zwei Schwerpunkte mit Praxisbezug

Das Institut hat zwei Arbeitschwerpunkte. Mit den Forschungsprojekten zur betrieblichen Organisation und zur Qualifikation von Arbeitskräften orientieren sich die Sozialforscher im zsh am Bedarf der Unternehmen. Der zweite Schwerpunkt 'Arbeitsmarkt und Berufsbildung’ fällt in den Bereich der Politikberatung. Das zsh ist darüber hinaus gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universitäten Jena und Halle an der Vorbereitung eines Sonderforschungsbereiches mit dem Titel ‘Langzeitfolgen des Systemumbruchs’ beteiligt.


Stefan Schwendtner, 28.01.00

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