Kränkung und Krankheit


Internationales Symposium zur KiP
(Katathym-imaginativen Psychotherapie)
vom 30. Juni bis 2. Juli 2000 in Halle an der Saale

Kränkungen und Krankheiten gehören leider ebenso zum Leben wie Wohlbefinden und Gesundheit. Doch heißt dies nicht, dass man sie widerstandslos hinnehmen muss. Besonders die Gilde der Psychotherapeuten beschäftigt sich mit der Erfassung, Linderung und Heilung nachweisbarer Zusammenhänge zwischen Kränkung und Krankheit, deren Wurzeln oft bis in unbewusste Tiefen frühester Kindheit reichen. Der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg kommt seit langem eine Vorreiterrolle in den Bereichen Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie zu.

Sigmund Freuds Psychoanalyse wurde in der DDR offiziell als "bürgerlich" abgelehnt obwohl ärztliche Psychotherapeuten und Psychologen auch damals ohne deren Kenntnis weder klinisch noch wissenschaftlich erfolgreich arbeiten konnten. Findige Psychotherapeuten, zuerst die halleschen, nahmen Zuflucht zur KiP (Katathym-imaginativen Psychotherapie). Das klang im Vergleich zur verpönten Psychoanalyse für fachunkundige Entscheidungsträger harmlos. Doch so konnte bereits in den 70er und 80er Jahren die Psychotherapie in der DDR so weit entwickelt und angewandt werden, dass die führenden Wissenschaftler in Halle Prof. Dr. Erdmuthe Fikentscher und Prof. Dr. Heinz Hennig nach der Wende und Wiedervereinigung nicht nur mühelos Anschluss an die bundesdeutsche Psychotherapieszene fanden, sondern vielfach sogar den Ton angeben konnten.

Inzwischen ist Halle das mitteleuropäische Zentrum für die wissenschaftliche Arbeit mit imaginativer Bildtherapie. Das spiegelte sich bereits im Juli 1990 im wissenschaftshistorisch bedeutsamen Kongress "Psychotherapie mit dem Katathymen Bilderleben" wider und erreicht nunmehr, zehn Jahre nach dem Mauerfall und wiederum in Halle, mit dem internationalen Symposium "Kränkung und Krankheit. Katathym-imaginative Psychotherapie (KiP) bei somatischen Erkrankungen und Missbrauchstraumen", zu dem 300 TeilnehmerInnen (darunter 76 ReferentInnen) aus Deutschland, Israel, Italien, den Niederlanden, Österreich, Russland, der Schweiz, der Slowakei und den USA erwartet werden, für Fachwelt und Öffentlichkeit einen neuen Höhepunkt.

Was vermag die medizinische Kunst für die Seele zu tun?

Was ist KiP? Frau Prof. Dr. Erdmuthe Fikentscher, die Direktorin der Universitätsklinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik, fasst den Inhalt dieses Fachterminus kurz und verständlich zusammen: Es handelt sich um ein tiefenpsychologisch fundiertes Psychotherapieverfahren, bei dem bildhafte Vorstellungen (die, meist unbewusst, in jedem Menschen schlummern) angeregt und therapeutisch bearbeitet werden. Mit dieser Tagtraumtechnik kann es gelingen, frühere (unverarbeitete und deshalb oft belastende) Erlebnisse ans Licht zu bringen, ihre Bedeutung gemeinsam mit den PatientInnen zu analysieren und so zu erhöhter Selbstwahrnehmung, vertiefter Selbsterkenntnis und besserer Verarbeitung vorzudringen.

Traumata sind mit körperlichen und/oder seelischen Schmerzen verbunden. Kränkungen können häufig die Folge von beidem sein. Opfer von Gewalt, Lieblosigkeit und sexuellem Missbrauch leiden oft lebenslang unter dieser negativen Erfahrung. Je weiter sie zurückliegt, umso schwieriger ist es, sie mittels KiP zu ermitteln, ihre dauerhafte Bewältigung in Angriff zu nehmen und damit den Weg zu einer neuen, besseren Lebensqualität für die/den Betroffenen zu eröffnen. Damit gehen dann auch die gesteigerte Wahrnehmung und (wiedergewonnene) Akzeptanz des eigenen Körpers einher.

Der leitende Oberarzt Dr. Tom Alexander Konzag zieht einen treffenden Vergleich zur High-Tech-Welt: Szenische Erinnerungen (z. B. an traumatische Ereignisse in der Kindheit) und sinnliche Empfindungen (wie etwas riecht, schmeckt, sich anfühlt usw.) werden so im menschlichen Gehirn aufbewahrt wie ein Computer virtuelle Bilder speichert: Werden die richtigen Befehle eingegeben (oder wird das Unterbewusstsein aktiviert), ist alles wieder abrufbar das eigene Innere wird neu oder gar erstmals erlebt.

Ostdeutsche Spezifika

Die veränderte Wirklichkeit nach der Wende hat die Menschen der ehemaligen DDR neben "allgemeinmenschlichen Problemen", die in Ost und West auftraten mit ganz unerwarteten Konfliktsituationen konfrontiert. Vor allem das Phänomen der Arbeitslosigkeit stellt eine bis dato unbekannte Quelle der Kränkung dar. Hinzu kommt, dass die gesamten individuellen Lebens- und Lerngeschichten plötzlich anders interpretiert und viel weniger oder gar nicht mehr anerkannt werden. All das wird aber in den meisten Fällen als unverschuldet empfunden (etwa Arbeitslosigkeit durch Firmenpleite oder die Nichtanerkennung früher erworbener Berufs- und Bildungsabschlüsse) und so wird die kränkende Lebenserfahrung ein Hindernis für die Anpassung an neue Gegebenheiten. Oft kommen auch negative Folgen des DDR-Alltags zum Tragen: vor allem mangelnde Flexibilität infolge Gewöhnung an gleichförmige Lebensabläufe und vermeintliche "soziale Sicherheit". Es erweist sich auch als sehr langwieriger Prozess, die gesellschaftliche Stigmatisierung derjenigen, die "zur Therapie" gehen müssen, abzubauen.

Sensibilisierung der Öffentlichkeit

Vor dem Symposium findet am Mittwoch, 28. Juni 2000, 20.15 Uhr, ein Gesprächsforum unter dem Motto "Wie Träume der Seele helfen" für die interessierte Öffentlichkeit im halleschen "Haus des Buches" am Markt statt. Die Veranstalter (zugleich DozentInnen der Mitteldeutschen Gesellschaft für Katathymes Bilderleben) Prof. Dr. Erdmuthe Fikentscher, Prof. Dr. Heinz Hennig, Dr. Ulrich Bahrke und Dr. Wolfram Rosendahl nehmen 100 Jahre nach dem Erscheinen von Sigmund Freuds legendärer "Traumdeutung" den aktuellen Umgang mit Träumen und Imaginationen in der Psychotherapie unter die Lupe und geben Auskunft zu diesbezüglich interessierenden Fragen. Außerdem hält die Buchhandlung ein breites Spektrum einschlägiger Literatur für Fachleute und Laien bereit.

Schließlich werden zwei öffentliche Vorträge angeboten: Frau Dr. Hanni Salvisberg aus Bern gibt Antwort auf die Frage "Trägt eine Theorie des Geistes zu psychischer Gesundheit bei?"; Prof. Dr. Dipl.-Psych. Rolf Verres von der Universität Heidelberg stellt "Sehnsucht und Erfüllung eine musikalische Phantasie zur Bedeutung von Kunst und Musik für die Heilkunst" vor. Dazu sind alle Interessenten am Sonntag, 2. Juli 2000, 10.00 Uhr in den Freylinghausen-Saal der Franckeschen Stiftungen herzlich eingeladen.

(Dr. Margarete Wein, 16. Juni 2000)

Nähere Informationen:
Prof. Dr. Erdmuthe Fikentscher
Tel.: 0345 / 557 36 23, Fax: 0345 / 557 36 97
E-Mail: erdmuthe.fikentscher@medizin.uni-halle.de
Dr. Wolfram Rosendahl
Tel.: 0345 / 557 36 41, Fax: 0345 / 557 45 70
E-Mail: wolfram.rosendahl@medizin.uni-halle.de


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