Das Kind in der Kunst – Vom Jesuskind zur Barbiepuppe

Ausstellung im Museum Universitatis

„Was: für Kinder" – unter diesem Motto steht „Ein Kinderjahr in Halle" mit interessanten Veranstaltungen, an denen sich viele Institutionen der Stadt, unter ihnen die Franckeschen Stiftungen, die Hochschule für Kunst und Design und die Martin-Luther-Universität beteiligen. Das Ziel: die Menschen mit dem Thema „Kind" zu konfrontieren und damit zu einem kinderfreundlichen Klima beizutragen.

Eines der ausgestellten Kunstwerke
Robert Strange (1721–1792):
„Die Kinder Karls I. von England",
Kupferstich (seitenverkehrte Kopie) nach einem Gemälde von Anthonis van Dyck (1599–1641, Dresden, Staatl. Kunstsammlungen);
Zentrale Kustodie / Kupferstichkabinett

Die Ausstellung „Das Kind in der Kunst – Vom Jesuskind zur Barbiepuppe" im Universitätsmuseum, die am 11. Mai eröffnet wird, ist ein Angebot der Universität zu diesem „Kinderjahr". Sie spannt einen Bogen von der Antike bis zur Gegenwart und macht mit den unterschiedlichsten Bildfindungen in Graphik, Malerei, Plastik, Medaillenkunst, Malerei und Photographie bekannt. Dabei erhebt sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern möchte durch ausgewählte Beispiele dazu anregen, den Blick konzentriert auf das Wichtigste einer jeden Gesellschaft zu lenken: die Kinder! Die Exponate zeigen das Verhältnis der jeweiligen Kultur zur Kindheit und machen dadurch ihren Umgang mit dem Kindsein nachvollziehbar. Grundlage der Ausstellung ist die umfangreiche Sammlung an graphischen Blättern im Kupferstichkabinett der Universität.

Das Kind in der Antike
Aus dem reichen Fundus von Reproduktionsstichen nach Gemälden wird in einem ersten Ausstellungsteil zum „Kind in der Antike" eine Graphik vorgestellt, die nach dem bekannten Werk „Ganymed in den Fängen des Adlers" von Rembrandt (1606-1669) gestochen wurde. Gipsnachbildungen antiker Skulpturen aus dem Archäologischen Museum im Robertinum (wie z. B. der Dornauszieher) oder das lebensnahe römische Porträt eines Mädchens runden diesen ersten Komplex ab.

Das Kind als Putto und als „kleiner Erwachsener"
Ein zweiter Teil der Ausstellung widmet sich Darstellungen von Putti, in denen sich die kindliche Daseinsfreude oft sehr ausgelassen widerspiegelt. Der Putto – eine kindliche Knabenfigur, die nackt oder nur spärlich bekleidet und oft mit Flügeln versehen ist – bietet eine gute Möglichkeit, die verspielte Gestalt eines Kleinkindes bei den verschiedensten Tätigkeiten in Bewegung und somit von unterschiedlichen Seiten darzustellen. Die Kunstwerke zeigen, dass in Zeiten, in denen das Kind wenig gilt, sein Bild typisiert wird – etwa als „kleiner Erwachsener". In Epochen, in denen Kinder innerhalb der Gemeinschaft eine stärkere Bedeutung erlangen, gibt ihnen auch die Kunst eine individuellere und kindgerechtere Gestalt.

Das Jesuskind
Das Kind wurde über die Zeiten hinweg immer als Träger der Zukunft angesehen. Dies trifft par Excellenze auf das lange Zeit einzige kindliche Thema in der Kunst zu: das Jesuskind. Es ist fast die Kindergestalt in der mittelalterlichen Kunst, die als Prototyp, als Urmotiv des Kindlichen, die Art der Kinderdarstellung allgemein bis ins 15. Jahrhundert hinein festlegt. Erst später gesellen sich Engelknaben und weltliche Kinder hinzu. Ein feststehender Themenkreis ist mit der Lebensgeschichte Jesu vorgegeben: die Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten und der Anbetung der drei Könige, die Darstellung Christi im Tempel; der Kindermord zu Bethlehem unter Herodes, die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten, der zwölfjährige Jesus im Tempel. Eines bekanntes Gemälde Raffaels (1483-1520) ist als ein französischer Nachstich aus dem Jahre 1804 ebenfalls in der Sammlung vorhanden und bezieht in die Gruppe von Madonna mit Jesuskind Johannes den Täufer als Knaben ein.

Das Kind in Porträt und Genrebild
Das höfische Kinderporträt und seine bürgerlichen Abwandlungen sowie die genrehafte Kinderdarstellung erweitern die Bildmöglichkeiten über die religiöse Thematik hinaus. Seit der Zeit um 1400 erhält die Darstellungen von Menschen porträthafte Züge; im Rahmen der kirchlichen Kunst ist dies zunächst an den Stifterbildnissen erkennbar, was in der Ausstellung an einem Blatt des Niederländers Jacob Matham (1571–1631) nachvollziehbar sein wird. Als höfisches Kinderporträt gibt der Engländer Robert Strange (1721–1792) die Kinder Karls I. von England in einem Kupferstich wider, der nach der Vorlage des Gemäldes von Anthonis van Dyck (1599–1641) aus den Dresdener Kunstsammlungen seitenverkehrt entstand. Diesen Teil der Ausstellung vervollständigen auch Gemälde mit Kinderbildnissen – u. a. ein Mädchenbildnis des Gründers der Kupferstichsammlung Adam Immanuel Weise – die uns dankenswerterweise die Gemäldesammlung der Moritzburg ausleiht. Überhaupt wäre diese Ausstellung ohne die zahlreichen öffentlichen und privaten Leihgeber nicht möglich gewesen! Nicht nur in den oft allegorischen Puttenbildern, sondern auch in den Genredarstellungen gelingt es den Künslern, typische Eigenheiten von Kindern ins Bild zu setzen. Hierzu gehört ein Punktierstich von William Nutter (1754–1802), der eine Familie mit ihren Kindern verschiedenen Alters schildert.

Das Kind als Persönlichkeit
Erst im 19. Und 20. Jahrhundert wird das Kind als Persönlichkeit wahrgenommen und dargestellt. Von den betenden Waisenkindern Christian Daniel Rauchs (1777–1857) über Graphiken des 18. bis 20. Jahrhunderts aus dem Kupferstichkabinett reicht der Blick bis hin zu „Vater mit Kind" von Carl Hofer (ehemals Galerie Henning) oder der ganz neu entstandenen Gemäldeserie „Josefine" des halleschen Malers Uwe Pfeifer. Möge es der Ausstellung gelingen, über den Weg des Rückblicks die BesucherInnen für „Das Kind" zu sensibilisieren, einen geschärfteren Blick auf die Kinder der heutigen Zeit zu richten und sich ihnen verstärkt zuzuwenden. Denn – wie es Novalis formulierte – „Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter!"

Ulrike Graul / Monika Lindner (2. Mai 2000)

Eröffnung der Ausstellung:
11. Mai, 16 Uhr
Öffnungszeiten und Führungen

11. Mai bis 15. Juli 2000 Dienstag bis Sonnabend 10 bis 13 und 14 bis 16 Uhr
Zentrale Kustodie, Museum Universitatis,
Universitätsplatz 11 (Löwengebäude, 1. Etage) 06108 Halle (Saale)
Tel.: 0345-55 21733 Zentrale Kustodie), 55 21041 (Museum Universitatis)
Fax: 0345-55 27 162
E-Mail: kustodie@uni-halle.de

Führungen:
Sonnabend, den 20. Mai, 0.00 Uhr:
„Das Kind in der Kunst" – Mitternachtsführung durch die Ausstellung
anlässlich der „1. Halleschen Museumsnacht"

Donnerstag, den 25. Mai, 10 Uhr:
„Das Kind in der antiken Kunst"
Dienstag, den 6. Juni, 10 Uhr:
„Das Kind in der christlichen Kunst"
Donnerstag, den 22. Juni, 10 Uhr:
„Die Entdeckung des Kindes in der Kunst des 18. Jahrhunderts"

Dienstag, den 4. Juli, 10 Uhr:
„Das Kind in der Kunst des 20. Jahrhunderts"
Sonnabend, den 15. Juli, 14 Uhr:
„Das Kind als Musikant im Bild"
– Führung durch die Ausstellung am letzten Öffnungstag –
Finissage mit musizierenden Kindern


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