5. Seminar zum Judentum

Weiterbildungsveranstaltung in Coswig/Anhalt

Das Leopold-Zunz-Zentrum zur Erforschung des europäischen Judentums, Stiftung Leucorea, Collegienstraße 62, 06886 Lutherstadt Wittenberg, veranstaltet am Samstag, dem 27. Oktober 2001, von 9 bis 12 Uhr im Evangelischen Pfarramt, Schloßstraße 58, in Coswig/Anhalt das 5. Seminar zum Judentum:

(Teil 1) Hermann Cohens Bibliothek (Referent: Dr. Hartwig Wiedebach, Göppingen)

Es war eine eigenartige Manie der Nationalsozialisten, jüdische Menschen zu töten, ihre Kulturgüter jedoch zum Teil sorgfältig aufzubewahren. Auf verschlungenen Wegen gelangte ein ansehnlicher Teil der persönlichen Bibliothek des bedeutenden deutsch-jüdischen Philosophen Hermann Cohen (18411918), der aus Coswig/Anhalt stammt, schließlich bis nach Jerusalem, wo sie heute aufbewahrt wird.

Der Cohen-Forscher Hartwig Wiedebach stieß bei Recherchen in Jerusalem auf die seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen geltende Privatbibliothek Hermann Cohens. Anhand von Handschriften-Vergleichen, Eintragungen und Widmungen in über 800 Büchern konnte Wiedebach zweifelsfrei nachweisen, dass es sich um die 3500 bis 3800 Bände umfassende Bibliothek von Hermann Cohen handelt. Der Philosoph besaß eine der wertvollsten geschlossenen Bibliotheken zum Neukantianismus und zur Philosophie der Jahrhundertwende. Die Bibliothek befindet sich im Magazin der Jüdischen National- und Universiätsbibliothek. In den Kellern dieser größten israelischen Bibliothek lagern die Bände, die mit Hilfe der Jewish Cultural Reconstruction Organization nach Jerusalem kamen, seit den sechziger Jahren. Sie sind verstaubt, zumeist ohne Signaturen, nicht katalogisiert und stark vom Zerfall bedroht.

Im ersten Teil der Veranstaltung erzählt Hartwig Wiedebach aus der Geschichte dieser Bibliothek. Am Beispiel einiger Bücher der Sammlung stellt er Grundzüge von Cohens Persönlichkeit und Leben anschaulich dar.

Hartwig Wiedebach studierte Philosophie, Judaistik und Germanistik in Berlin, München und Jerusalem. Er promovierte in Zürich mit der Arbeit "Die Bedeutung der Nationalität für Hermann Cohen". Seit 1994 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der historisch-kritischen Ausgabe sämtlicher Aufsätze und kleinerer Schriften von Hermann Cohen und u.a. Autor des Bandes Die Hermann-Cohen-Bibliothek (2000).

(Teil 2) Hermann Cohens Konzept der sozialen Demokratie und das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (Referent: Dr. Dieter Adelmann, Bonn)

Hermann Cohen (18411918) war einer der wichtigsten Vertreter des aus religiösen Gründen sozial orientierten jüdischen Bürgertums im Europa des 19. Jahrhunderts. Unmittelbar nach dem Abschluss seiner jüdisch-theologischen und seiner philosophischen Studien am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau und an den Universitäten in Breslau und Berlin wandte er sich Friedrich Albert Lange (18281875) in Marburg zu. Langes Bücher über Die Arbeiterfrage in ihrer Bedeutung für Gegenwart und Zukunft (1865) und Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart (1866) regten ihn an, sich auf die Kritik der reinen Vernunft (1781/1787) von Immanuel Kant (17241804) zurückzubesinnen und auf Kants Begründung der Ethik. Cohen wollte so einige Grundsätze der sozialen Sittenlehre der jüdischen Tradition in die akademische Philosophie und in deren universitären Studien- und Lehrbetrieb übertragen und für sozial-liberal orientierte politische Schriftsteller und Journalisten seiner Zeit nutzbar machen.

Aus diesen Bemühungen ist ein Kreis von Schülern hervorgegangen, deren Diskussionen bis weit in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts das Bewusstsein von der geschichtlichen Bedeutung der sozialen Demokratie mit bestimmt haben. Durch die verheerende Wirkung der NS-Zeit sowie durch die marxistische Geschichtsdeutung leninscher Ausrichtung und den Neomarxismus der europäischen Linken während der Nachkriegszeit sind die geistigen Beziehungen zu den Traditionen der sozialen Demokratie in der Philosophie des "Marburger Neukantianismus" dessen herausragendster Vertreter Hermann Cohen war allerdings unkenntlich geworden. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland ist auf der prinzipiellen Annahme aufgebaut, dass die sozialen Wirkungen der Gesetze nicht aus "Kampf" (weder aus dem "Kampf der Völker" und dem "Klassenkampf", noch aus einem "Recht" des Stärkeren oder den "Gesetzen der Geschichte") hervorgehen, sondern aus "Vereinbarungen", die von Fall zu Fall getroffen werden. Und dieses Prinzip wurzelt u. a. in Hermann Cohens "Marburger Philosophie".

Dieter Adelmann, 1936 geboren in Eisenach, hat an der Freien Universität Berlin Philosophie, Literaturwissenschaft und Soziologie studiert und 1968 über "Die Bedeutung der 'Einheit des Bewusstseins' bei Hermann Cohen" promoviert. Er war für 10 Jahre Landesgeschäftsführer der SPD in Baden-Württemberg, zuständig unter anderem für Bildungspolitik. Seit 1980 beschäftigt er sich wieder vor allem mit der Philosophie Cohens und der Bedeutung von Cohens jüdischem Hintergrund für seine Philosophie.

Anmeldung zum Seminar bis zum 25. Oktober 2001 bei:
Annette Winkelmann, Tel.: 03491 /46 62 41/42 oder 0345 / 552 40 64 (Fax: 0345 / 552 72 00)
E-Mail: winkelmann@LZZ.uni-halle.de
Leopold-Zunz-Zentrum, Stiftung Leucorea, Collegienstr. 62, 06886 Lutherstadt Wittenberg

Das Seminar ist eine anerkannte Lehrerfortbildungsveranstaltung.

Weitere Informationen im Internet: http://www.LZZ.uni-halle.de

(Annette Winkelmann / Dr. Margarete Wein, 19. Oktober 2001)


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