"Jugendgewalt Ausmaß, Ursachen und Prävention im internationalen Vergleich"


Forschungsprojekt am halleschen Seminar für Japanologie

Gibt es in Japan mehr Gewalt unter Jugendlichen als in Deutschland? Diese Frage wurde Ende Juni bei einer Tagung initiiert vom Seminar für Japanologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Japanisch-deutschen Zentrum Berlin (JDZB) von mehr als vierzig Teilnehmer und Referenten diskutiert.

In Halle läuft, gefördert von der Volkswagen-Stiftung, seit Februar 1998 (und bis Februar 2000) das Projekt "Jugend in Japan heute Bedingungen für Konformität und Devianz". Unter der Leitung von Gesine Foljanty-Jost wird diese Problematik von Manuel Metzler, Annette Erbe, Anne Metzler und Johanna Schilling analysiert.

Zwischen Experten aus Theorie und Praxis, Vertretern von Schulverwaltung, Jugendpolitik, Kriminologie, Bildungsforschung, Japanologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft und Psychologie ergab sich in Berlin ein Austausch über angepaßtes bzw. abweichendes Verhalten jugendlicher Japaner(innen). Zu Beginn wurden Zwischenergebnisse des halleschen Projektes vorgestellt. Eine aufwendige Bestandsaufnahme des tatsächlichen Ausmaßes von Jugendgewalt in Japan zeigte, daß
· die Kriminalitätsbelastung japanischer Jugendlicher im internationalen Vergleich verschwindend gering ist,
· Jugendkriminalität zu 75 Prozent aus Bagatelldelikten wie Ladendiebstahl besteht,
· Schüler bei schwereren Delikten relativ zu ihrem Anteil an der Altersgruppe (ca. 97 Prozent) deutlich unter-, erwerbstätige und arbeitslose Jugendliche aber überrepräsentiert sind.

Im Gegensatz zur japanischen Forschung, die nach Ursachen der als bedrohlich ansteigend dargestellten Jugenddevianz fragt, konzentrierte sich die ForscherInnen in Halle darauf, wie es den Schulen gelingt, die meisten japanischen Jugendlichen stabil zu integrieren. Erforscht werden Strukturen, konkrete Verfahren und Rituale im schulischen Kontext, die dem Aufbau von sozialen Bindungen und der Integration von Jugendlichen dienen.

Nach einer unveröffentlichten Längsschnittstudie zur Gewaltbelastung an bayrischen Schulen sind zwischen 1993 und 1999 bis auf eine leichte Zunahme verbaler Gewalt an allen Schultypen und einer Verschiebung hin zu jüngeren Altersgruppen kaum Veränderungen feststellbar. Ein Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gewalt-, Sex- und Horrorfilmen und Gewalt ist nachgewiesen. Körperliche Gewalt ist bei Jungen und an Hauptschulen besonders hoch. Von einem drängenden Gewaltproblem sollte man dennoch, so Siegfried Lamnek (Soziologe an der Katholischen Universität Eichstätt), angesichts des ermittelten gewaltbereiten Potentials von nur drei Prozent der Schüler nicht sprechen. Er fordert mehr Verantwortungsbewußtsein der Medien, die Ächtung von Gewalt in der Familie und das Überdenken von Rollenstereotypen.

Im Projekt des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen wurden von Andreas Böttger und Mirja Silkenbeumer mit Hilfe rekonstruktiver Interviews Biographien gewalttätiger deutscher und chinesischer Jugendlicher ermittelt. Das deutsche Teilprojekt zeigte, daß Gewalt aus Schülersicht eher verharmlost wird und sich vornehmlich außerhalb der Schule abspielt. Ursache ist oft soziale Desintegration in Familie und Schule sowie der Versuch, mit Gewalt (!) Aufmerksamkeit zu erlangen. Bei chinesischen Jugendlichen scheinen schulischer Ehrgeiz Bildung als Aufstiegschance für Kinder aus sozial schwachen Familien! und starke Kontrolle durch autoritäre Lehrer Gewalt in der Schule zu verhindern, jedoch nicht außerhalb. Ein interkultureller Vergleich der Forschungsergebnisse steht noch aus.

Soziale Ursachen von Jugendgewalt identifizierte Roland Eckert, Soziologe an der Universität Trier, in drei gesellschaftlichen Bereichen:
· Die Schule kann zunächst als Selektionsinstanz die Marginalisierung Jugendlicher bewirken. Das Gewaltvorkommen an einer Schule ist nachweislich eng mit der Zusammensetzung der Schüler verknüpft.
· Lehrstellenmangel, Auslagerung von Niedriglohntätigkeiten ins Ausland und Spezialisierung der Arbeit sind ein von der Wirtschaftspolitik zu lösendes Problem.
· Schließlich bewirkt der Wertewandel in der Gesellschaft, daß körperliche Stärke im Gegensatz zu Intelligenz nicht mehr anerkannt wird: was früher als "mutig" galt, ist heute "gewaltbereit". Schule und Gesellschaft soll(t)en Jugendlichen Erfolgserlebnisse, soziale Identität und Konfliktkompetenz vermitteln.

Daß Schülerzusammensetzung und Schulformen das Gewaltpotential entscheidend beeinflussen, ergab auch eine Studie des Sonderforschungsbereiches zu Jugend und Gewalt an der Universität Bielefeld. Aus der Schülerperspektive sind demnach psychische Angriffe besonders häufig. Während physische Gewalt nur bei Haupt- und Realschülern zunimmt, ist eine gewisse Annäherung der Schultypen bei verbaler Gewalt festzustellen. Mit hoher Gewaltbelastung korrelieren der Konsum von Gewaltfilmen, restriktive Erziehungsmethoden, die Zugehörigkeit zu gewaltbereiten peer groups sowie soziale Isolation und Schulversagen vor allem in der fünften und sechsten Klasse des Gymnasiums.

Entscheidend zur Gewaltminderung sind, so das Fazit von Heinz Günther Holtappels (Erziehungswissenschaftler an der Hochschule Vechta), weniger gewaltpädagogische Maßnahmen als vielmehr Lernkultur und Sozialklima in der Schule. Gerade deutsche Schulen seien zu wenig Kommunikations- und Integrationsraum, sondern eher eine halbtägige Unterrichtsanstalt, wo Leistungsdruck, entfremdetes Lernen, Restriktivität und Etikettierung vorherrschten und Rollenangebote, soziale Bindungen und Möglichkeiten der Mitbestimmung fehlten. Eine bloße Förderung des Schulklimas erfaßt nach einer Studie an Schulen in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen wirkliche Gewalttäter nicht sie brauchen spezielle Maßnahmen zur Aggressionsminderung und prosoziale Förderung schon an der Grundschule.

Hartmut Knopf (Universität Halle-Wittenberg, Pädagogische Psychologie) meint jedoch, daß die Wirksamkeit einzelner Elemente komplexer Präventionsprogramme kaum feststellbar sei und eher der Synergieeffekt positive Ergebnisse bewirke. Wie Gewaltprävention an japanischen Mittelschulen nach ersten Erkenntnissen einer Feldstudie des o. g. funktioniert, legte Annette Erbe (Universität Halle-Wittenberg, Seminar für Japanologie) dar: Intervention beinhaltet in Japan weniger formale Sanktionen (an Mittelschulen ohnehin nur eingeschränkt möglich), sondern meist Ermahnung und intensive Gespräche, vor allem mit den Eltern. Ziel ist nicht Ausgrenzung, sondern Einsicht, Reintegration und erneute Verpflichtung des "Täters" auf schulische Werte und Normen. Durch Kampagnen, Slogans in den Klassenzimmern, Klassengespräche und Aufsätze werden Gewalt und Mobbing thematisiert und positive Ziele formuliert. Über diese konkreten Präventionsmaßnahmen hinaus weisen japanische Schulen potentiell präventiv wirkende Strukturen auf: eine hohe zeitliche Einbindung, die keine Gelegenheit zu Kriminalität läßt, Schulregeln mit einem gewissen Toleranzbereich, Uniformen, Schulhymne, Schülerclubs und die (nicht immer freiwillige) Partizipation an der Organisation des Schulalltags können zur positiven Identifikation und Integration beitragen und so Gewalt mindern.

Wenn Gewalt sich vor allem außerhalb der Schule abspielt und Schulkultur, Rollenangebote und soziale Bindungen in der Schule entscheidend für die Gewaltprävention sind, kann dann nicht die japanische Ganztagsschule ein Modell für Deutschland sein? Diese provokante Frage stand am Beginn der Abschlußdiskussion. Daß hier eine "kulturelle Übersetzung" der Modelle, Zahlen und Daten aus empirischen Erhebungen notwendig sei, betonte Steffi Richter von der Leipziger Japanologie. Schon die Definition von Gewalt ist kulturell unterschiedlich: während im Westen Gewalt als Bestandteil jeder Gesellschaft und als Jugendphänomen gilt, gingen japanische Pädagogen vom Anspruch einer gewaltfreien Jugend aus.

Als eine Kernfrage in Bezug auf das Ausmaß von Jugendgewalt erwies sich der Einfluß der Medien auf das öffentliche Bewußtsein. Jugendgewalt erscheint weder in Deutschland noch in Japan besorgniserregend hoch, sondern eher durch die Verallgemeinerung von Einzelfällen sensationalisiert. In der Frage der Ursachen von Jugendgewalt in Deutschland kristallisierte sich die soziale Isolation durch Selektionsmechanismen in der Schule und durch inkonsistentes Erziehungsverhalten in der Familie als Grundproblem heraus. Wie wichtig es für die Gewaltprävention ist, marginalisierten Jugendlichen "Wurzeln" zu geben und positive Erfahrungen zu vermitteln, hob Bettina Schubert (Psychologin beim Landesschulamt Berlin) hervor. Konkrete Präventionsmaßnahmen greifen nach Holtappels' Ansicht hier zu kurz: ein klares Regelgefüge und ein positives Schulklima seien gleichermaßen wichtig. Wo allerdings soziale Einbindung und gewalthemmende Handlungsregeln aufhören und Kontrolle und Repression beginnen, ist fraglich. "Selbständigkeit" bedeutet an japanischen Schulen "von sich aus Regeln befolgen" was japanischen Schülern leichter fällt.

Interessant ist die Gegenläufigkeit: während man in Japan Liberalisierung und Deregulierung an den Schulen anstrebt, wird in Deutschland über die Einführung von Regeln und Ritualen nachgedacht. Die Vorträge der Tagung erscheinen im Herbst 1999 in der Publikationsreihe des JDZB. Eine Abschlußtagung des Projektes "Jugend in Japan heute Bedingungen für Konformität und Devianz" mit japanischen Experten ist für den Sommer 2000 geplant.

Nähere Informationen:
Dr. Manuel Metzler, e-mail: m.metzler@japanologie.uni-halle.de

(Dr. Margarete Wein, 14. Juli 1999)


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