Schicksale zweier Völker


Juden und Armenier in der deutschen Literatur

Das Leopold-Zunz-Zentrum zur Erforschung des europäischen Judentums und das Zentrum für Armenische Studien MESROP, beide an der Leucorea (Stiftung öffentlichen Rechts an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) in Wittenberg angesiedelt, haben am 5. Mai 1999 gemeinsam mit der halleschen Buchhandlung Jacobi & Müller eine neue Veranstaltungsreihe aus der Taufe gehoben. Viermal im Jahr werden als „Lesungen in den Jahreszeiten. Jüdisches und Armenisches in deutscher Literatur" bedeutende Bücher zu diesem Thema öffentlich präsentiert.

Der erste Gast, im Frühling vorgestellt von der Orientalistin Dr. Armenuhi Drost-Abgarjan, war Edgar Hilsenrath, Jude, jetzt in Berlin lebender Dichter, in Leipzig 1926 geboren, 1938 mit Mutter und Bruder nach Rumänien geflüchtet, von dort 1941 in ein jüdisches Getto in der Ukraine deportiert, der den Holocaust überlebte, 1945 nach Palästina und 1951 in die USA auswanderte, um erst in den 70er Jahren nach Deutschland – also in das Land seiner Muttersprache, in der er immer schrieb – zurückzukehren. Er las, assistiert von seiner Frau Marianne Boehme, aus dem Roman „Das Märchen vom letzten Gedanken", für den er 1989 mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde. Ein Märchen für Erwachsene: Der rätselhafte Erzähler Meddah entdeckt dem sterbenden alten Armenier Thovma Khatisian, einem Findelkind, das schreckliche Los seiner Familie und seines Volkes. Frau Drost-Abgarjan aber, selbst Armenierin, die seit Jahren in Deutschland lebt, meint, das Buch enthalte viele Passagen, die man auch Kindern vorlesen könne, um ihnen das Schicksal des armenischen Volkes nahezubringen; ihre eigenen Kinder kennen sie schon.

Spätestens seit dem 1977 erstmals veröffentlichten Roman „Der Nazi & der Friseur" ist Edgar Hilsenrath in der deutschen Literatur bekannt. Die Judenvernichtung durch die deutschen Faschisten als Gegenstand einer Satire, ein Massenmörder, der die Identität eines seiner Opfer annimmt, um sich der gerechten Strafe zu entziehen, als Hauptfigur – geht das überhaupt? Ja, es geht, wie die Resonanz seit über zwei Jahrzehnten beweist; allein im Piper Verlag GmbH München ist im vergangenen Jahr bereits die 7. Auflage erschienen. Und auch der Zustrom zu der aktuellen Lesung mit Edgar Hilsenrath – mindestens siebzig Leute drängten sich im Lesezimmer der Buchhandlung, das eigentlich nicht viel mehr als zwanzig Besucher faßt – war sicher zum Teil von dieser Lektüre motiviert.

Die leidvollen Erfahrungen mit seiner eigenen Herkunft, die sich in etlichen seiner Bücher spiegeln (1964 „Nacht", 1980 „Bronskys Geständnis", 1993 „Jossel Wassermanns Heimkehr", 1997 „Die Abenteuer des Ruben Jablonski"), haben Hilsenrath auch für das ebenso traurige Los der Armenier sensibilisiert, das ihm zuerst in Franz Werfels großem Roman aus dem Jahr 1933 „Die vierzig Tage des Musa Dagh" begegnete.

Franz Werfels Kultbuch des jüdischen Widerstands wird im Mittelpunkt der Sommerlesung am 21. Juni stehen; im Herbst und Winter (am 22. November und am 1. Dezember) erwarten die Interessenten Soma Morgensterns Roman „Der Sohn des verlorenen Sohnes" (1936) und die Darstellung jüdischer Lebenswelten in der neuesten Jugendliteratur.

Alle Veranstaltungen finden in der Buchhandlung Jacobi & Müller OHG, Harz 2, 06108 Halle, jeweils um 19.30 Uhr statt.

(11. Mai 1999, Dr. Margarete Wein)

Nähere Informationen:
Tel.: (0345) 290 97 40,
Fax: (0345) 290 97 41,
e-mail: raimund.mueller@metronet.de


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