Karl Gutzkow:
Elektronische Werkausgabe im Internet


Deutsche und englische Wissenschaftler tagen in Wittenberg

Wer war Karl Ferdinand Gutzkow? Ein deutscher Schriftsteller – er lebte von 1811 bis 1878 – und bis vor kurzem kaum bekannt. Literaturwissenschaftler jedoch schätzen ihn als einen Autor, der zu Unrecht vergessen wurde und dessen Werk im Rahmen des 19. Jahrhunderts wegen seiner großen Vielfalt, seiner Zeitungsberichte aus Paris und seiner einst außerordentlich erfolgreichen Theaterstücke unschätzbare Bedeutung besitzt. In den letzten Jahren hat daher geradezu eine Gutzkow-Renaissance eingesetzt. Erstmals liegt seit zwei Jahren ein umfassendes Verzeichnis seiner Werke vor. Mehrere Veröffentlichungen beschäftigen sich mit seinem Gesamtwerk.

Seit 1997 existiert die in dieser Form weltweit erste Initiative zur Edition literarischer Werke im Internet. Eine deutsch-englische Arbeitsgruppe unter der Leitung von Martina Lauster (Universität Exeter, England) und Thomas Bremer (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) will eine möglichst umfangreiche kommentierte Ausgabe der Werke Gutzkows zu edieren und trifft sich seit nunmehr vier Jahren jeweils im Frühjahr an der Stiftung Leucorea in Wittenberg. Vom 7. bis zum 10. März 2002 geht es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Editionsprojektes Karl Gutzkow vor allem darum, die Arbeit der nächsten Jahre in einem Editionsplan zu formulieren. Daneben werden Erfahrungsberichte ausgetauscht und weitergehende Konzepte für die Homepage der Ausgabe diskutiert.

Da bei dem großen Umfang von Gutzkows Werk eine Buchausgabe im herkömmlichen Sinn (über 50 Bände) keine Chancen auf Verwirklichung und Verkauf hätte, werden neue Wege der wissenschaftlichen Textedition beschritten. Die „Kommentierte digitale Gesamtausgabe" der Werke und Briefe Karl Gutzkows wird als Text und Kommentar im Internet publiziert (http://www.gutzkow.de). Gleichzeitig gibt für alle, die doch lieber ‚schmökern' mögen, der Münsterische Oktober-Verlag Textbände heraus. Diese enthalten auch den jeweiligen Stand der kompletten Internetfassung als CD-ROM. Soeben erschien der von Gert Vonhoff (gleichfalls Universität Exeter) und Martina Lauster herausgegebene Eröffnungsband. Er bietet neben einführenden Aufsätzen, die das Projekt vorstellen, Lese- und Kommentarproben aus verschiedenartigen Werken des Autors und gibt so einen guten Einblick nicht nur in die Arbeitsweise der Edition, sondern ebenso in die Vielfältigkeit des Gesamtwerkes von Karl Gutzkow.

Gegenüber einer gedruckten historisch-kritischen Ausgabe hat die Internet-Ausgabe den Vorzug, dass sie ständig auf den neuesten Erkenntnisstand gebracht werden kann. Sie ist also niemals abgeschlossen und zementiert nicht den Erkenntnisstand eines bestimmten Zeitpunktes, der schon nach wenigen Jahren überholt sein kann. Gerade dies ist im Fall von Gutzkows Werken besonders wichtig, denn viele Anspielungen wird man in den nächsten Jahren erst noch zu erforschen haben. Listen mit bislang ungeklärten Fragen, die im Internet einsehbar sind, schaffen die Möglichkeit eines Kontakts zwischen Herausgebern und Lesern und erlauben so die Mitwirkung der Öffentlichkeit an der entstehenden Ausgabe. Eine ständig fortschreitende Edition (‚editing as process' / ‚edition in progress') hat durch die Verwendung der elektronischen Medien darum einen hohen Benutzungswert. Die Werkteile sowie der Kommentar werden durch Links vernetzt, so dass jederzeit eine gewünschte Parallelstelle aufrufbar bzw. der Kommentar einer entsprechenden Stelle eines anderen Werkes durch einfachen Tastenklick präsent ist. Ergänzt werden die Kommentarteile durch umfangreiche Bildmaterialien zu Autor und Zeit sowie durch ein Gutzkow-Lexikon. Außerdem nutzt die Internet-Edition die komfortablen und umfassenden Suchfunktionen elektronisch erfasster Texte.

„Es ist gut, bei all der Virtualität sich einmal im Jahr wirklich zu treffen", meinen Martina Lauster und Gert Vonhoff von der Universität Exeter. „Dass dies in Wittenberg geschehen kann, ist ein besonderer Glücksfall, denn wir fühlen uns hier sehr wohl. Wir kennen den Ort inzwischen genau und wissen, was wir an Technik vorfinden. So kann die Arbeit zügig voranschreiten." Seitdem die Anfänge der Ausgabe im Januar 2001 ins Netz gestellt wurden, haben schon über 1300 Personen aus aller Welt die Homepage besucht. Für eine deutschsprachige Edition ist das ein beachtlicher Erfolg.

(Prof. Dr. Thomas Bremer / Dr. Margarete Wein, 7. März 2002)

Nähere Informationen:
Prof. Dr. Thomas Bremer
Telefon: 0345 5523530, Fax: 0345 5527045
E-Mail: bremer@romanistik.uni-halle.de


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