Dem Goldhamster auf der Spur

Zoologische Exkursion nach Syrien

Ein kleines Pelztier eroberte in den fünfziger und sechziger Jahren im Sturm die Kinderzimmer Deutschlands. Auch heute ist der genügsame und tagsüber schläfrige Goldhamster als geduldiges Streicheltier und vor allem als Labortier beliebt. Der possierliche Nager stammt aus Syrien und kommt heute in seiner Heimat nur noch vereinzelt vor. Professor Dr. Rolf Gattermann erforscht am Institut für Zoologie der halleschen Universität unter anderem das Verhalten dieses Tiers. Der Wissenschaftler hat vom 14. bis 27. März 1999 mit einer zehnköpfigen Studentengruppe und zwei Mitarbeitern eine Exkursion nach Syrien, Aleppo, geplant, um dort nach wilden Goldhamstern zu suchen. Die Expedition wird mit Mitteln der Universität Halle, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Universität von Aleppo unterstützt. Studierende und Wissenschaftler der Universität Aleppo werden sich aktiv an der Groß-Exkursion beteiligen. Die Hallenser erhielten nach Vorlage des Programms eine offizielle Einladung des Präsidenten der syrischen Universität.

Aus unterschiedlichen Quellen ist bekannt, daß der Hamster nur auf einem eng begrenzten Gebiet der aleppinischen Hochebene in freier Wildbahn vorkommt. Untersuchungen über seine genaue Verbreitung existieren bislang nicht. „Wir haben vor, eventuell einige Wildfänge für vergleichende ethologische und genetische Untersuchungen mit nach Deutschland zu bringen", erklärt Gattermann. Am Zoologischen Institut der Universität Aleppo existiert eine kleine Zuchtkolonie, deren Stammeltern vor drei bis vier Jahren in der Umgebung gefangen wurden. Obwohl es immer wieder Hinweise auf Gradationen (Massenvermehrungen) gab, so in den Jahren 1985 und 1995 beobachtet, ist der Goldhamster als eine „seltene und gefährdete" Art einzustufen. Bereits 1997 führten hallesche Zoologen (Gattermann, Fritzsche, Hussein) eine erfolgreiche Exkursion nach Aleppo durch, die dem vom Aussterben bedrohten Goldhamster galt. Sie konnten den Nachweis der Existenz einer Wildpopulation erbringen.

Der Syrische Goldhamster ist eines der wenigen Labor- und Streicheltiere, dessen Kulturgeschichte man lückenlos nachzeichnen kann. Er wurde erstmals 1796 in der 2. Auflage des Buches „The Natural History of Aleppo" von Patrick Russel, Pestarzt in Aleppo, erwähnt. 1839 erfolgte die wissenschaftliche Beschreibung durch George Robert Waterhouse, einem Freund von Darwin und Kurator der Londoner Zoologischen Gesellschaft. Im April 1930 schließlich grub Israel Aharoni, Zoologe von der Hebräischen Universität Jerusalem, bei Aleppo einen Bau aus und fand ein Weibchen mit elf Jungen. Von diesen Jungtieren überlebten nur ein Weibchen und drei Männchen, mit denen in Jerusalem erfolgreich eine Zucht begann. Bereits ein Jahr später wurden Nachzuchttiere von der Hebräischen Universität nach England und Frankreich gebracht, 1938 in die USA und dann nach Indien und Ägypten. In Deutschland tauchte der Goldhamster erst 1948 auf. Ein Münchener Pelztierhändler hatte ihn aus den USA importiert. „Die Literaturrecherchen zeigen, daß Wildexemplare nur viermal – 1962, 1971, 1978 und 1986 – gefangen wurden", betont Gattermann. „Sie wurden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht für die Zucht genutzt. Das bedeutet, daß sich alle weltweit in den Laboratorien und Kinderzimmern gehaltenen Goldhamster auf die 1930 in Jerusalem erfolgte Geschwister-Verpaarung zurückführen lassen!"

Im Gebäude des Zoologischen Instituts der Universität Halle am Domplatz 4 leben zur Zeit rund 300 Goldhamster. Für welche Forschungen sind die Nager im Labor interessant? Vor allem geht es um Verhaltensbiologie, Tierökologie und -physiologie sowie Verhaltenstoxikologie. Derzeit ist der Goldhamster für genetische Untersuchungen von Interesse: Wie groß ist die genetische Variabilität bei Labor- und Freilandtieren? Treten Inzuchtdepressionen auf? Oder: Sind durch die langjährige Haltung in Laboratorien Verhaltensweisen verlorengegangen? Auch für die Chronobiologie spielt der Hamster eine wichtige Rolle. So werden die Mechanismen und die Funktionen der „inneren Uhren" für das Verhalten untersucht. Außerdem ist der Goldhamster ein interessantes Modelltier für die Erforschung der Auswirkungen von sozialem Streß.

In ihrem gemeinsamen Projekt wollen nun die halleschen Zoologen mit den Wissenschaftlern von Aleppo Biologie, Verhalten, Populationsdynamik, Genetik der Wildpopulation erforschen und mit den Daten und Erfahrungen aus den umfangreichen Laboruntersuchungen am Goldhamster vergleichen.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Rolf Gattermann, Dekan des Fachbereichs Biologie,
Universität Halle, Institut für Zoologie, Tel.: 0345/5526450, e-mail: gattermann@zoologie.uni-halle.de

Ute Olbertz, 11. 3. 1999


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