Rückenschmerz frühzeitig behandeln

Ostdeutsches Forscherteam erhielt 1. Posterpreis

Rückenschmerz?! Jeder ist froh, wenn er wieder nachlässt... 80 Prozent der Bevölkerung haben mindestens einmal im Laufe des Lebens (in der Regel öfter) solche Beschwerden. Bei 20 Prozent aller Rückenschmerz-Patienten nimmt die Krankheit jedoch einen chronischen Verlauf. Epidemiologische Untersuchungen in der Bevölkerung der westlichen Industrieländer machten überdies auf die stark ansteigende Verbreitung von Rückenbeschwerden aufmerksam. Immer häufiger müssen Rehabilitationsmaßnahmen in Anspruch genommen werden. Nicht zuletzt verdeutlichen die wachsenden Ausgaben, dass es sich um ein ernstzunehmendes gesundheitliches Problem handelt: „Für die Behandlung von Rückenschmerzen wurden in der Bundesrepublik allein im Jahr 1998 rund 17 Milliarden DM ausgegeben", zieht die Professorin Erdmuthe Fikentscher, Direktorin der Universitätsklinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik, Bilanz.

Große Verdienste um die Rückenschmerzforschung hat sich ein hallesches Forscherteam um Erdmuthe Fikentscher erworben. Im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung, Forschung und Technologie (BMBF) geförderten Forschungsprojekts zur „Optimierung der Rehabilitationszuweisung beim chronischen Rückenschmerz" führte die Gruppe eine Befragung von 332 Patienten, die gerade einen Antrag zur stationären medizinischen Rehabilitation gestellt hatten, durch. Für die auf einem Poster dargestellten Ergebnisse erhielt das ostdeutsche Forscherteam auf der 51. Arbeitstagung des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin im März in Hannover den 1. Posterpreis. Der Wissenschaftlergruppe gehören außer der Sprecherin Prof. Dr. Erdmuthe Fikentscher noch die Diplom-Psychologinnen Katja Uhlemann, Ute Walliser, die Mathematikerin Dr. Ulrike Bandemer-Greulich, die Ärztin Jeanette Müller-Pfeil und Dr. Ulrich Bahrke (Oberarzt) an. Sie stammen aus der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik sowie aus der Sektion Physikalische und Rehabilitative Medizin der Universität Halle. Auf der Tagung gab es immerhin 179 Posterbewerbungen, von denen durch das wissenschaftliche Vorbereiterteam 120 zugelassen wurden, die dann in acht parallelen Postersessions mit Vortrag jeweils verteidigt wurden. Auf den errungenen, international ausgerichteten 1. Posterpreis kann die sechsköpfige Forschergruppe also mit Recht stolz sein.

Psychosoziale Faktoren spielen eine Rolle

Aufgrund empirischer Untersuchungen ist bekannt, dass neben medizinischen auch psychosoziale Faktoren auf die Entstehung chronischer Rückenschmerzen einen bedeutenden Einfluss haben. Das betrifft Schmerzen durch Verspannungen ebenso wie schmerzhafte Bandscheibenbefunde, die noch nicht operiert werden müssen. „Der Bewegungsapparat reagiert als System auf innere Konfliktspannungen," hebt Erdmuthe Fikentscher hervor, „damit kann das gesamte Funktionieren des Körpers beeinträchtigt sein. Leider kann man beim Patienten nicht – wie bei einem Auto – einfach Ersatzteile auswechseln." Es kommt zu Fehlbeanspruchungen und daraus folgend, zum Beispiel durch „Schonhaltungen", zur Chronifizierung. Deshalb erfolgte in den vergangenen Jahren eine intensivere Entwicklung psychologischer und medizinischer Programme im Rahmen der Rehabilitation chronischer Rückenschmerzpatienten, die außer medizinischen und physiotherapeutischen Maßnahmen auch psychologische Interventionen einbeziehen.
Ein entscheidender psychologischer Faktor, der zur Chronifizierung akuter Schmerzen beitragen kann, ist die Schmerzverarbeitung der Patienten. Es gibt Risikotypen, die zum Beispiel als sogenannte „fröhliche Durchhalter", „depressive Durchhalter" oder „depressive Vermeider" auftreten. Diese ungünstigen Schmerzverarbeitungsstrategien führen zu einem erhöhten Bedarf psychologischer Intervention im Rehabilitationsbereich. Gleichzeitig brauchen aber die „Durchhalter" eine andere multiprofessionelle Behandlung als die „Vermeider". Ziel des BMBF-Projekts, so Fikentscher, ist die Entwicklung einer standardisierten ökonomischen Erfassung von Krankheits- und Beschwerdebildern, die bereits bei der Rehabilitationsantragsstellung von Patienten die Berücksichtigung somatischer und psychosozialer Risikofaktoren einer fortschreitenden Schmerzchronifizierung ermöglicht. Auf dieser Grundlage könne dann eine gezieltere Rehabilitationszuweisung sowie eine individuelle Therapieplanung in der Rehaklinik erfolgen. Das führe insgesamt zu einer Verbesserung des Rehabilitationserfolges und zu einer Kosteneinsparung.

Welche Forschungsergebnisse zeigt das Poster?

In dem preisgekrönten Poster wird ein besonders interessantes Ergebnis deutlich: Die frühe Übernahme von Verantwortung in der Kindheit, zum Beispiel das Versorgen jüngerer Geschwister oder umfangreiche Mitarbeit in der Landwirtschaft und im Haus, kann das Schmerzverhalten der späteren Patienten ungünstig beeinflussen. Sie neigen dann zum sogenannten Durchhaltesyndrom. „Wird aber der Rückenschmerz frühzeitiger behandelt, sind die Heilungschancen besser oder es lässt sich sogar eine Chronifizierung vermeiden", erklärt Erdmuthe Fikentscher. Solche Patienten verdrängen oft den Schmerz, weil sie nicht so „empfindlich" sind und „einiges vertragen" können, bevor sie sich einer Krankheit wirklich hingeben. Erst wenn der Schmerz unerträglich wird, lassen sie sich ärztlich betreuen. „Sie sollten Frühwarnsymtome eher wahrnehmen", betont Fikentscher, „Durchhaltestrategien sind in solchen Fällen nicht zuletzt deswegen falsch, weil in der Folge ein vervielfachter Heilungsaufwand nötig wird." Das wirkt sich wiederum auf Behandlungskosten und daraus erwachsende Folgekosten (Zeit der Krankschreibung, Arbeitsunfähigkeit) aus. Mehr als zwei Drittel der befragten Personen wiesen ein Risikoverhalten im Hinblick auf den Umgang mit Schmerzen auf. Um den Erfolg medizinischer Rehabilitation zu verbessern, ist es erforderlich, solche Faktoren so früh wie möglich zu erfassen und somit eine gezielte Zuweisung zur Rehabilitation und eine der individuellen Problemlage des Patienten angepasste Schmerzbehandlung ohne Zeitverzug zu ermöglichen.

Forschungen werden fortgesetzt

Mit dem wissenschaftlichen Erfolg des Forscherteams stellt sich die Frage, wie es weitergeht? Hängt mit dem Posterpreis eine weitere Förderung der Forschungen zusammen? Gerade befindet sich ein Fortsetzungs-Projekt in der Antragsphase, erklärt die Sprecherin Erdmuthe Fikentscher. Es steht unter dem Thema: „Riskofaktorenspezifische Interventionsprogramme bei Rehabilitanden mit chronischen Rückenschmerzen". Dabei soll in Zusammenarbeit mit verschiedenen Rehabilitationskliniken Sachsen-Anhalts bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen die Behandlung im Rahmen risikoprofilspezifischer Interventionsprogramme differenziert gestaltet und ausgewertet werden. Hauptziel ist wiederum eine Erhöhung des Rehabilitationserfolges und damit Verbesserung der Lebensqualität des Einzelnen sowie eine Senkung des Aufwandes und letztlich der Kosten. Auch die im vorangegangenen Projekt befragten Patienten werden im Hinblick auf den Behandlungserfolg weiterhin wissenschaftlich beobachtet und damit Anhaltspunkte zur Optimierung der Rehabilitation geben.

Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Erdmuthe Fikentscher, Direktorin der Universitäts-Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Tel.: 0345/ 55 73623, E-Mail: erdmuthe.fikentscher@medizin.uni-halle.de

Ute Olbertz, 4. Mai 2000


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