Hallesche Initiative:
Europäisches Museumsprojekt
Academic Heritage and Universities
Responsibility and Public Access

I. Akademische Sammlungen und Museen der "Cinderella"-Komplex

Europäische Universitäten verfügen über Museen und Sammlungsbestände, in denen seit Jahrhunderten Artefakte für Forschung und Lehre zusammengetragen werden. Viele dieser Sammlungen sind nicht nur für die Wissenschaft, sondern aufgrund ihrer kulturellen Bedeutung und Ausstrahlung auch für die breitere Öffentlichkeit von großem Wert. Sie bezeugen in hervorragender Weise den Beitrag der Universitäten zum Verständnis des europäischen Kulturerbes.

Der museale Alltag hingegen offenbart eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Denn wer Zugang zu universitären Sammlungen sucht, muss vielerlei Beschwernisse in Kauf nehmen: Hochschulmuseen mangelt es an ausreichender Personal-, Infrastruktur- und Finanzausstattung. Besucher können folglich nur unzureichend betreut werden, wertvolle Sammlungsbestände sofern sie denn überhaupt erfasst sind werden nicht ausgestellt, sondern verwittern in unzugänglichen Kellerräumen oder Dachgeschossen. Darüber hinaus existieren grundsätzlich weder in Europa noch in Deutschland zufriedenstellende, unmittelbar abrufbare Gesamtverzeichnisse von akademischen Sammlungen oder Museen, so dass ihr Bekanntheitsgrad im Regelfall nicht über die jeweilige Universität hinausreicht. Die Sammlungen fristen buchstäblich ein Schattendasein, für das die museale Fachsprache den Begriff der "Cinderella-Collections" geprägt hat.

II. EU-Museumsprojekt: Bündelung der Kräfte im europäischen Verbund

Das von der Europäischen Union geförderte Museumsprojekt "Academic Heritage and Universities Responsibility and Public Access" (N° 2000-0801 CLT-CA1A) hat sich daher zum Ziel gesetzt, Konzepte und Aktionsprogramme zur langfristigen Lösung dieser Probleme zu erarbeiten. Ein Netzwerk von renommierten, "altehrwürdigen" europäischen Universitäten soll dazu beitragen, die vielfältigen Sammlungen unter einheitlichen Gesichtspunkten zu erfassen, miteinander zu verbinden sowie unter Nutzung der neuen Medien öffentlich besser zugänglich zu machen. Durch Bündelung der einzelnen Ressourcen (Austausch von Fachpersonal, Ausrichtung von Workshops und gemeinsamen Ausstellungen) soll nicht zuletzt ein gesteigertes öffentliches Bewusstsein für die besondere Situation der Hochschulmuseen geschaffen werden.

Das Hauptgebäude
der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg

Initiiert und koordiniert wurde bzw. wird das EU-Projekt von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Vom 14. bis 16. April 2000 wurde mit Unterstützung der Stadt Halle und des British Council eine internationale Tagung mit dem zum Thema "Academic Heritage and Universities Responsibility and Public Access" durchgeführt, aus der schließlich die "Declaration of Halle", eine programmatische Aktions-Plattform für den EU-Antrag, hervorging. Die Erklärung legte den Grundstein für eine Zusammenarbeit von bisher einem Dutzend Universitäten von internationalem Renommee:
· Universiteit van Amsterdam (NL)
· Humboldt Universität Berlin
· Università di Bologna (IT)
· University of Cambridge (UK)
· Rijksuniversiteit Groningen (NL)
· Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
· Universität Leipzig
· Museum of the Royal College of Surgeons of England, London (UK)
· University of Oxford (UK)
· Università di Pavia (IT)
· Uppsala Universitet (S)
· Universiteit Utrecht (NL)

Auf europäischer Ebene wurde das Projekt als so bedeutend eingestuft, dass es seit Januar 2001 im Rahmen des Kultur-2000-Programms der Europäischen Union für die Dauer eines Jahres umfassend gefördert wird.

Wandgemälde von Gustav Adolph Spangenberg (1882/83) im Hauptgebäude
der Martin-Luther-Universität

III. Drei Pilotprojekte innerhalb eines EU-Projektes

Das Vorhaben selbst umfasst drei Schwerpunkte: die Vernetzung der Sammlungen durch eine europäische Datenbank, die Ausrichtung von herkömmlichen Ausstellungen, der Aufbau einer virtuellen Galerie.
1. "Europäische Datenbank der akademischen Sammlungen und Museen"
Die einzelnen Sammlungen und Untersammlungen der Projektpartner sollen erstmals in standardisierter Form im Rahmen einer zentralen europäischen Datenbank erfasst werden. Hierbei wird in Anlehnung an den AAT ("Arts and Architecture Thesaurus") eine gemeinsame Terminologie für die medizinischen Sammlungen auf die das Pilotprojekt vorerst begrenzt ist entwickelt. Die Datenbank soll über das Internet bzw. eine eigene Projekt-Homepage zugänglich sein.
2. "Monat des europäischen Universitätsmuseums" (November 2001)
Im Herbst 2001 werden die Projektpartner anlässlich des "Monats des europäischen Universitätsmuseums" vielfältige Ausstellungen zum Thema "Wissensverbreitung in Europa" eröffnen. Um die jahrhundertealten Verbindungen zwischen Universitäten in Europa sei es durch berühmte Persönlichkeiten oder bedeutende Ideen und deren Bedeutung zum Verständnis europäischer Identität zu verdeutlichen, werden die ausstellenden Universitäten nicht nur ausgewählte Exponate aus ihren eigenen "Schätzen", sondern auch aus denjenigen der Partner ausstellen. Ein gemeinsamer Katalog sowie eine ergänzende Posterausstellung sollen das gesamtkünstlerische Konzept, aber auch das europäische Netzwerk selber vorstellen.
Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wird eine Sonderaustellung über den renommierten halleschen Gelehrten und Weltreisenden Johann Reinhold Forster (17291798) ausrichten; diese soll die weitreichenden historischen Verbindungen der halleschen Alma Mater zu den Projektpartnern in Großbritannien, Schweden und Holland aufzeigen.
3. "Virtuelle Galerie"
In Vernetzung mit den beiden vorgenannten Pilotprojekten soll ein Konzept für die virtuelle Darstellung ausgewählter Exponate und Themen im Internet erarbeitet werden. So könnte die Galerie beispielsweise eine besonders gelungene Projekt-Ausstellung mitsamt Posterpräsentation enthalten; oder, alternativ, einige ausgewählte Spitzen-Exponate und eine Verknüpfung zu bereits bestehenden virtuellen Museumsrundgängen einzelner Projektpartner. Darüber hinaus soll die Virtuelle Galerie als elektronische Visitenkarte des Projektes fungieren, indem sie nicht nur Zugänge zu den Sammlungen europaweit schafft, sondern auch direkt für die einzelnen Standorte wirbt.

Magribinisches Astrolabium
(arabisch-islamische Arbeit
aus dem 13. Jahrhundert) in der Bibliothek
der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft
in Halle an der Saale

IV. Das EU-Projekt at Work

Ganz im Sinne der europäischen Netzwerk-Idee wird ein erheblicher Teil der inhaltlichen und organisatorischen Arbeit unmittelbar über das Internet abgewickelt. Die Projekt-Homepage http://www.universeum.de sowie eine eigene Diskussions-"Mailinglist" bieten eine schnelle und effiziente Kommunikationsplattform, die rege genutzt wird. Darüber hinaus finden während des gesamten Projektjahres europaweit Arbeitstreffen oder Konferenzen statt, in denen wahlweise einzelne Netzwerkpartner oder aber sämtliche am Projekt beteiligten Arbeitsgruppen zusammenkommen.
Die bedeutendsten Zusammenkünfte: das Gründungstreffen in Halle (April 2000), die EU-Projekttreffen in Berlin (Februar 2001), London (April 2001) und Amsterdam (Juli 2001); die Abschlusskonferenz in Utrecht (November 2001). Das Utrechter Treffen wird der Öffentlichkeit die Ergebnisse und Schlussfolgerungen des EU-Projektes vorstellen.

V. Perspektiven und weitere Förderansätze für das Netzwerk

Die Projektpartner stimmten bereits auf dem Berliner Treffen im Februar 2001 darin überein, dass das Netzwerk "Academic Heritage and Universities Responsibility and Public Access" nicht nur vertieft fortgesetzt, sondern auch durch Partner aus Frankreich und Osteuropa erweitert werden soll.

(Prof. Dr. Thomas Bremer / Patrice Wegener / Dr. Margarete Wein, 25. Juli 2001)

Nähere Auskünfte:
Prof. Dr. Thomas Bremer, Prorektor für Studium und Lehre (ab 20.08.01)
Tel.: 0345 / 552 14 90, Fax: 0345 / 552 72 31
E-Mail: bremer@rektorat.uni-halle.de
Patrice Wegener, EU-Referent
Tel.: 0345 / 552 13 83, Fax: 0345 / 552 70 79
E-Mail: p.wegener@verwaltung.uni-halle.de
Dr. Ralf-Torsten Speler, Leiter der Zentralen Kustodie und des Universitätsarchivs
Tel.: 0345 / 552 17 32, Fax: 0345 / 552 71 62
E-Mail: r.-t.speler@kustodie.uni-halle.de


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