Der heimatlose „homo poeticus" Danilo Kiš:
Jugoslavischer „Emigrant mit Rückfahrkarte",
Literat und Kosmopolit

Kennen Sie Kiš? Nein, nicht Egon Erwin, sondern Danilo, dessen Familienname sich ein wenig anders schreibt – obwohl man ihn genauso spricht wie den des „rasenden Reporters", der ein halbes Jahrhundert früher seinen Lebensweg begann.

Also Danilo Kiš, den „letzten jugoslavischen Schriftsteller" (so sah er sich selbst), der 1989 mit 54 Jahren starb und heute zusammen mit Milan Kundera und György Konrád zu den drei großen K der osteuropäischen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt.

Erst nach seinem Tod wurden die Werke von Danilo Kiš zum Gegenstand von Forschungsprojekten und Konferenzen. Die letzte große Tagung, begleitet von einer informativen Ausstellung von Fotos, Fakten und Faksimiles, fand im Mai 1997 im Literaturhaus Frankfurt am Main zum Thema „Den Kreidekreis Europas beschreiben" statt und wurde 1998 im Literaturmagazin 41 dokumentiert.

Nun steht vom 4. bis 6. Juli 1999 erneut eine internationale Veranstaltung bevor: Unter dem Motto „Entgrenzte Repräsentationen // Gebrochene Realitäten. Danilo Kiš – im Spannungsfeld von Ethik, Literatur und Politik" werden zahlreiche Wissenschaftler und interessierte Gäste in der Lutherstadt Wittenberg über Leben und Werk eines großen Literaten von Weltrang disputieren.

Das internationale Moment der Tagung – der ersten, die von einer deutschen Universität ausgerichtet und zudem von der Fritz Thyssen Stiftung, von der LEUCOREA Stiftung und vom Kultusministerium Sachsen-Anhalt gefördert wird – zeigt sich nicht zuletzt darin, daß man in deutscher, serbischer und englischer Sprache konferieren wird. ReferentInnen werden aus Belgrad, Berlin, Frankfurt am Main, Göttingen, Jena, Klagenfurt, Leipzig, Ljubljana, Mannheim, Marburg, Melbourne, Münster, New York, Paris und Skopje erwartet. Die Bandbreite der Themen reicht von der Politik des Gedenkens und der Literarisierung von Fakten über unkonventionelle Dokumente und die enigmatische Natur des Menschen bis hin zur Suche nach der eigentlichen Heimat, zu Reminiszenzen an Dostoevskij und zum „unterirdischen Fluß zur kosovo-albanischen Literatur".

Danilo Kiš (22.2.1935–15.10.1989), Sohn eines ungarischen Juden und einer Montenegrinerin, entgeht dem Holocaust, weil seine Eltern den Vierjährigen taufen lassen. Der Vater wird 1944 in Auschwitz umgebracht. Danilo kehrt zwar nach dem ungarischen Exil 1947 mit Mutter und Schwester nach Montenegro zurück, empfindet aber von Kindheit an sein Anderssein und eine Heimatlosigkeit, die sich später, als er Heimat nur noch in der Sprache zu finden vermag, unübersehbar in seinen literarischen Werken niederschlagen. 1954 bis 1958 studiert er in Belgrad Literaturwissenschaft; zur gleichen Zeit wird er als Übersetzer, Publizist, Herausgeber und Dramaturg und Lektor tätig.

Vor allem in den 60er und 70er Jahren überträgt er eine Vielzahl von Gedichten, modernen und klassichen, aus dem Ungarischen (Endre Ady, Sandor Petöfi, Attila Jozsef u. a.), dem Russischen (Andrej Belij, Marina Cvetajeva) und dem Französischen (z. B. Charles Baudelaire, Jaques Prévert, Paul Verlain); über zehn Jahre lang arbeitet er als Lektor für Serbokroatisch an den Universitäten in Straßbourg, Bourdeaux und Lille.

Ebenfalls seit Anfang der 60er Jahre erscheinen eigene literarische Werke (das Debüt: „Die Dachkammer", 1962, dt. 1992). Da er aber jegliche totalitären Denk- und Machtstrukturen ablehnt, dies nicht verbirgt und außerdem nach neuen ästhetischen und moralischen Idealen sucht, bleibt Kiš weitgehend unverstanden. Sein Versuch einer poetischen Symbiose von Literatur, Ethik und Politik, vor dem Hintergrund seiner jüdischen Herkunft, rückt ihn in die Nähe der Wertsysteme des mitteleuropäischen Romans, etwa bei Hermann Broch, Robert Musil und Franz Kafka. Die immer wieder artikulierten Warnungen vor Nationalismus, der für ihn nichts anderes als „kollektive und individuelle Paranoia" und eine „Ideologie der Banalität" darstellt, lassen ihn schließlich zum absoluten Außenseiter werden.

Nach den zermürbenden politischen Kontroversen um den zeitkritischen Roman „Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch" (1976, dt. 1983) verläßt Danilo Kiš 1979 sein Vaterland und siedelt sich in Frankreich an. Dort, zuletzt in Paris, führt er die kritische Befragung der Authentizität von Geschichtsschreibung und den Versuch der Annäherung an Vergangenheit durch Erinnerungsarbeit bis an sein Lebensende fort.

(Dr. Margarete Wein, 24. Juni 1999)

Nähere Auskünfte:
Prof. Dr. Angela Richter, Institut für Slavistik, FB Sprach- und Literaturwissenschaften, Gimritzer Damm 2, Tel.: 552 35 50, Fax: 552 70 46, e-mail: richter@slavistik.uni-halle.de

Weitere Informationen unter der Internetadresse:

http://www.slavistik.uni-halle.de/kiskonferenz.html


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