Publikation

Verbot familialer Gewalt
gegen Kinder

Zur Einführung rechtlicher Regelungen
sowie zum (Straf-)Recht als Kommunikationsmedium

Die gegenwärtige Diskussion über ein Verbot von Anwendung von Gewalt gegen die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, hat die Bundesregierung veranlasst, eine gesetzliche Regelung vorzubereiten, die Gewalt gegen Kinder unter Strafe stellt. Bundesfamilienministerin Dr. Christine Bergmann erläutete im Rahmen einer öffentlichen Vortragsveranstaltung anlässlich der Pädagogischen Woche vom 10. bis 13. Oktober 2000 an der Martin-Luther-Universität in Halle, Inhalt und Hintergründe des neuen Gesetzes.

Mit der brisanten Problematik hat sich Prof. Dr. Kai-Detlef Bussmann, seit Oktober 1999 Lehrstuhlinhaber für Strafrecht und Kriminologie an der Juristischen Fakultät der Martin-Luther-Universität, beschäftigt. In seinem kürzlich erschienenen Buch "Verbot familialer Gewalt gegen Kinder" Zur Einführung rechtlicher Regelungen sowie zum (Straf-) Recht als Kommunikationsmedium werden Forschungsergebnisse der Universität Bielefeld (Projektleitung Prof. Dr. Detlev Frehsee) zu Umfang und Ursachen von Gewalt in der Erziehung aus dem Sonderforschungsbereich "Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter" vorgestellt.

Zur Untersuchung der möglichen Wirkung eines absoluten Verbots familialer Gewalt gegen Kinder wurden 3000 Erwachsene und 2400 Jugendliche bundesweit befragt. Die Studie kommt zu dem Schluß", daß 20% der bundesdeutschen Familien in ihrer Erziehung als schwer gewaltbelastet gelten müssen, weil es bislang nicht gelungen ist, den Kreislauf der Gewalt und die unsichtbare Mauer des Schweigens zu durchbrechen.
Über 10% der bundesdeutschen Kinder haben Mißhandlungserfahrungen gemacht. Dabei schlägt die Mehrheit der Eltern ihre Kinder allerdings mehr aus Hilflosigkeit und Überforderung denn aus pädagogischer Überzeugung, ist sich aber zugleich auch über die rechtlichen Grenzen sehr unsicher, so daß es zu gewalttätigen Entgleisungen und gar Eskalationen kommt. Der bisher eingeschlagene Weg einer pädagogischen Aufklärung reicht deshalb nicht aus, weil es an einem klaren und eindeutigen rechtlichen Verbot fehlt.

In dieser Studie wurden daher verschiedene rechtliche Lösungen empirisch auf ihre möglichen Wirkungen untersucht. Im Ergebnis sprechen die sehr positiven Erfahrungen mit dem seit 1979 in Schweden geltenden absoluten Körperstrafenverbot für die in der Bundesrepublik bevorstehende Einführung eines Gesetzes zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung. Die Meinungen in der Bevölkerung sind für eine derartige Rechtsänderung sehr günstig, da die meisten Eltern ohnehin Kindern generell mehr Rechte einräumen wollen, um sie besser gegen elterliche Übergriffe schützen zu können.

Allerdings zeigen die Ergebnisse auch, so Kriminologe Bussmann, dass es zur Unterstützung einer solchen Rechtsreform unbedingt einer groß angelegten Aufklärungskampagne durch Massenmedien und andere Multiplikatoren bedarf. Der Sinn einer Ächtung familialer Gewalt gegen Kinder muss von vielen Disziplinen und Organisationen in die Familien hinein kommuniziert werden. Hierzu zählen vor allem auch die in der Studie ebenfalls untersuchten Schulen. Ihnen kommt aufgrund des dort bereits seit den siebziger Jahren geltenden und konsequent eingehaltenen Verbots von Körperstrafen eine wichtige Vorbildfunktion zu. Nur in diesem Verbund, so die Studie, wird ein allmählicher Bewusstseinswandel eintreten, dem ein Absinken des familialen Gewaltniveaus innerhalb weniger Jahre folgen wird.

Professor Dr. iur. Kai-D. Bussmann
2000, 490 Seiten, Leinen DM 298.-, Carl Heymanns Verlag, ISBN 3-452-24556-X

Lebensdaten des Verfassers
Prof. Dr. Kai-D. Bussmann
geb. 1955 in Flensburg
1976-1986Studium der Soziologie und Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg, Studienaufenthalt in Kanada sowie Referendariat am OLG Hamburg.
1991Promotion an der Universität Bremen
1991-1997Projektkoordinator im Sonderforschungsbereich "Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter" der Universität Bielefeld
1998Habilitation für Kriminologie, Rechtssoziologe und Strafrecht an der Universität Bielefeld
Seit
Oktober 1999
Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie an der Martin-Luther-Universität

Aktuelle Forschungsthemen und Schwerpunkte:
Wirkung von (Straf)Rechtsnormen und Sanktionen, Familiale Gewalt gegen Kinder, Evaluation von Kriminalprojekten in der Praxis, Kriminalprävention im Bereich der klassischen sowie Wirtschaftskriminalität

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Kai-Detlef Bussmann
Tel.: (0345) 55 231 15
Fax: (0345) 55 270 70
e-mail: bussmann@jura.uni-halle.de oder KBussm@aol.com

(Prof. Dr. Kai-D. Bussmann, Ingrid Godenrath, 16. Oktober 2000)

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