Praktischer Theologe
und doppelter Jubiläumsrektor:
Willibald Beyschlag (1823–1900)

Am 25. November 2000 gedenkt der über hundertjährige Evangelische Bund in seiner Jahresversammlung in den Franckeschen Stiftungen, gemeinsam mit halleschen Theologen, des 100. Todestages eines Wissenschaftlers, der jahrzehntelang in Halle tätig war: Professor Dr. Willibald Beyschlag, von 1840 bis 1900 ordentlicher Professor für Praktische Theologie und Neues Testament an der Vereinigten Fridericiana in Halle. Im Süden der Stadt ist seit 1903 eine Straße nach ihm benannt. Zwei große Jubiläen erlebte die Alma Mater unter seinem Rektorat: 1867 die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Vereinigung der Universitäten Halle und Wittenberg; 1894 die 200. Wiederkehr des Tages der Gründung der halleschen Universität.

Professor Dr. Willibald Beyschlag
(5. September 1823, Frankfurt am Main – 25. November 1900,
Halle an der Saale),
von 1860 bis 1900 Universitätsprofessor für Praktische Theologie und Neues Testament,
Rektor der Fridericiana Halensis 1866/67 und 1893/94

1823 in Frankfurt am Main geboren, ging Willibald Beyschlag in den 40er Jahren zum Theologiestudium nach Bonn und Berlin. In seiner Heimatstadt fand er danach keine Anstellung, aber wenig später in der Evangelischen Kirche des Rheinlands und von 1851 bis 1856 als Pfarrer und Religionslehrer in Trier. Dort lebten die Protestanten in der Diaspora und hatten unter der Intoleranz des katholischen Klerus zu leiden. Das ging so weit, dass die Beerdigung von Protestanten nur im Selbstmörderwinkel des Friedhofs zugelassen war – für Beyschlag Anlass genug, eine literarische Auseinandersetzung mit der römisch-katholischen Hierarchie zu beginnen. So schrieb er 1852 in seiner ersten Streitschrift: "Wir lieben die Katholiken, aber wir hassen den Katholizismus als das kunstvollste und eben darum machtvollste Gewebe von Wahrheit und Lüge, Gottesreich und Weltfürstentum, welches die Geschichte der Menschheit je hervorgebracht hat". Wegen Hass und Verachtung gegen die katholische Kirche wurde er daraufhin zu vier Monaten Gefängnis verurteilt – er legte Berufung ein und erwirkte einen Freispruch.

Von 1856 bis 1860 war Willibald Beyschlag Hofprediger des Großherzogs von Baden in Karlsruhe und geriet dort in innerprotestantische Querelen hinein. Die theologische "Linke", auch liberale Theologie genannt, warf ihm in Fragen kirchlicher Verfassung eine reaktionäre Haltung vor. Das Kuriose daran ist, dass er wenige Jahre später in Halle von konservativer Seite als liberal verschrieen wurde. Beyschlag verstand sich zeitlebens als Mann der Mitte und wollte – wie sein Vorbild Philipp Melanchthon – vermeintliche Gegensätze unter Glaubensbrüdern auf biblisch-reformatorischer Grundlage zusammenführen. Dennoch sah er, der stets auf Ausgleich und Harmonie Bedachte, sich immer wieder in Auseinandersetzungen verstrickt. Um bestehende Spaltungen im Protestantismus zu überwinden, trat er u. a. entschieden für eine Union von Lutheranern und Reformierten ein und wollte die protestantischen Kirchen gegen den so genannten "Romanismus" stärken. Scharf kritisierte er – als viel zu romfreundlich – die preußische Kirchenpolitik. All sein Streben war stets auf die Stärkung des protestantischen Glaubens und seiner Anhänger orientiert. Von 1862 bis zu seinem Tod leitete Willibald Beyschlag den Gustav-Adolf-Verein in der Kirchenprovinz Sachsen, dessen Hauptanliegen in der Unterstützung evangelischer Diaspora-Gemeinden bestand. 1886 gründete er in Erfurt einen "Evangelischen Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen", der starke Resonanz in der evangelischen Öffentlichkeit fand und bis heute besteht.

Doch all das war nur die Kür neben der beständigen Pflicht, die er vierzig Jahre lang als Hochschullehrer der Alma Mater Halensis erfüllte. Berufungen nach Göttingen, Hamburg und Berlin lehnte er ab und blieb Halle treu. Deshalb mag er es wohl als Undankbarkeit der Regierung empfunden haben, als das Ministerium für Geistliche, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten 1888, ohne ihn vorher zu informieren, als zweiten Ordinarius für Neues Testament Professor Dr. Erich Haupt nach Halle berief. Zwar war Willibald Beyschlag damals schon 65 Jahre alt, aber er leitete noch immer und mit Erfolg die Abteilung Neues Testament der Theologischen Fakultät. Vierhundert Studenten schrieben sich pro Semester in die Hörerlisten seiner Vorlesungen ein!

Selbst im Alter von 77 Jahren denkt er nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen, und kann nur von Krankheit und Tod am weiteren Wirken gehindert werden. Auf dem Lautentius-Friedhof, wo viele hallesche Gelehrte ihre letzte Ruhestätte fanden, sieht man noch heute sein Grab.

Die Jahresversammlung des Bundes beginnt um 8.30 Uhr mit einer Führung durch die Franckeschen Stiftungen (es führt Prof. Dr. theol. Helmut Obst) und wird um 10 Uhr im Amerika-Zimmer (Haupthaus der Stiftungen) mit einer Gedenkveranstaltung, bei der Prof. Dr. theol. Eberhard Winkler über Leben und Werk von Willibald Beyschlag spricht, fortgesetzt.

Nähere Informationen:
Prof. Dr. theol. Eberhard Winkler
Telefon/Fax: 034606-20463


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