Hornhautbank in Halle

Neue Aspekte der Universitäts-Augenklinik

Oft ist in den Medien die Rede von Transplantation innerer Organe wie Herz, Niere oder Leber. Aber von einer Übertragung der Hornhaut des Auges ist seltener zu hören. Prof. Dr. Gernot Duncker, Direktor der Universitäts-Augenklinik in Halle, forscht und lehrt auf diesem Gebiet. Nachdem er 1997 dem Ruf auf eine Professur für Augenheilkunde von der Universität Kiel nach Halle folgte, richtete er in der Saalestadt eine Hornhautbank (Corneabank) ein. Im April 1998 wurde diese Bank eröffnet. Die Mitteldeutsche Corneabank (MCH) setzte sich zum Ziel, Patienten mit Schäden an der Augenhornhaut ein passendes Hornhaut-Transplantat zu verschaffen. Vor dem Aufbau der Cornea-Bank verpflanzte Gernot Duncker in Halle bereits 20 Hornhaut-Transplantate von "Bio Implant Services/Eurotransplant" aus dem niederländischen Leiden. Über 120 Transplantationen folgten schließlich mit Sachsen-anhaltischen Hornhäuten.

Bei welchen Augenkrankheiten empfiehlt es sich nun, Hornhaut zu verpflanzen? "Es gibt bereits bei jungen Menschen vererbte, also angeborene Hornhauttrübungen oder -verkrümmungen, die sich erheblich auf die Sehkraft auswirken und bis zur Erblindung führen können", erklärt Professor Duncker. "Bei Trübung der Hornhaut gelangt nicht genügend Licht in das Auge. Doch eine normale Sehschärfe kann sich nur entwickeln, wenn das Licht ungehinderten Zugang erhält. Darüber hinaus sind erworbene Entzündungen und Infektionen zu nennen, zum Beispiel mit dem Herpesvirus. Aber auch Verletzungen und extreme Verdünnungen der Hornhaut können eine Transplantation notwendig machen. Die getrübte bzw. geschädigte Cornea wird bei den Patienten entfernt und durch die gesunde, klare Hornhaut eines Spenders ersetzt." Eine Hornhautspende bedeutet neues Augenlicht für den betroffenen Patienten. Viele können nach der Transplantation überhaupt zum ersten Mal sehen. Andere sind nach der Operation endlich schmerzfrei, erlangen erstmals volle Sehschärfe bzw. sind möglicherweise auch vor einer endgültigen Erblindung bewahrt.

Wissen sollte man auch, daß jeder nach seinem Tode Hornhaut spenden kann. Im allgemeinen gilt: Jeder Verstorbene, der zu Lebzeiten einer Organentnahme zugestimmt hat und einen Organspendeausweis besitzt, kann für jeden anderen spenden. Selbst eine Hundertjährige kann einem Kind ihre gesunde Hornhaut zur Verfügung stellen. Bei etwa 80 Prozent der Transplantate kommt es nicht auf die Blutgruppe an, weil die Cornea normalerweise keine Blutgefäße hat. Nur bei komplizierteren Fällen, zum Beispiel, wenn die Hornhaut nach Verletzungen mit Gefäßen durchzogen ist, sind annähernd identische Merkmale erforderlich. Die gespendete Hornhaut wird vor einer Transplantation unter dem Mikroskop geprüft. Infektionen des Spenders können jedoch zum Ausschluß einer Verpflanzung führen, das betrifft Krankheiten wie Hepatitis B oder C, Syphilis oder Aids. Solche "ungeeigneten" Hornhäute können aber dann noch wertvolle Dienste für die wissenschaftliche Arbeit leisten.

Bei Herz- und Nieren-Transplan-tationen ist bekanntlich größte Eile angesagt. Dagegen sind Hornhäute viel länger "haltbar". Nach dem eingetretenen Tod durch Herz-Kreislauf-Versagen haben die Augenärzte drei Tage Zeit, die Cornea bzw. die Augäpfel zu entnehmen. Entnommene Hornhäute können anschließend in der Cornea-Bank noch bis zu vier Wochen im Brutschrank bei 37° Celsius aufbewahrt werden, bevor eine Transplantation erfolgt. Die Erfolgsrate nach einer Hornhautverpflanzung sei enorm hoch, betont Duncker. Die Cornea-Transplantation sei die erfolgreichste Verpflanzung eines Gewebes überhaupt. "Der menschliche Organismus toleriert die fremde Hornhaut meist Jahrzehnte lang. Medikamente als Augentropfen gegen eine Abstoßungsreaktion müssen nur vorübergehend genommen werden", erklärt der Wissenschaftler. Jedoch gebe es eine Warteliste, weil nicht genügend Hornhäute da seien. Die Bereitschaft zur Organspende steigt zwar an, ist aber leider immer noch zu gering. Es gilt viel Überzeugungsarbeit zu leisten. In Deutschland warten derzeit rund 5000 Patienten auf eine Hornhaut-Spende.

Zu den schweren Augenkrankheiten gehören auch Netzhautablösungen. In Halle wurden im vergangenen Jahr über 540 komplizierte Netzhautablösungen operiert. Erstmals in Deutschland veranstaltete die Uni-Augenklinik in Halle im Januar 1999 zur Netzhaut- und Glaskörperchirurgie ein Symposium mit direkter Videoübertragung von Operationen in den Hörsaal der Augenklinik. Professor Gernot Duncker moderierte die chirurgischen Eingriffe für die Zuschauer mittels einer Konferenzschaltung, während in drei OP-Sälen gleichzeitig operiert wurde. Die Eingriffe nahmen Ärztinnen und Ärzte aus Bremen, Frankfurt/Main und Halle vor. Zu diesem Symposium trafen sich rund 150 Ärzte und Wissenschaftler, niedergelassene Kollegen, Kliniker und Assistenten aus ganz Deutschland, Österreich und Polen. Die technischen Voraussetzungen für diese Deutschland-Premiere wurden erst vor kurzem geschaffen.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Gernot Duncker, Direktor der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde der Universität Halle,
Tel.: 0345/5571881 oder -1878, Fax: 0345/5571848, e-mail: gernot.duncker@medizin.uni-halle.de

Ute Olbertz, 30. April 1999


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