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24. April 1915 bis 24. April 2003
88 Jahre regierungsamtliches Schweigen in Deutschland und Österreich
zum VÖLKERMORD AN DEN ARMENIERN IN DER TÜRKEI
  04.05.2003
 
Am 24. April 2003 hielt Prof. Dr. Hermann Goltz, Leiter des Dr. Johannes-Lepsius-Archivs – Armenologische Arbeitsstelle an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – und Direktor des Mesrop Zentrum für Armenische Studien an der Stiftung Leucorea (Lutherstadt Wittenberg), auf Einladung der Wiener Armenischen Gemeinde die unten gekürzt wiedergegebene Ansprache im Rahmen der jährlichen Gedächtnisfeier für die Opfer des Armenier-Genozids.
An der von dem Wiener armenischen Erzbischof Prof. Dr. Mesrob Krikorian geleiteten Veranstaltung nahmen auch die Botschafter Armeniens und Libanons sowie Vertreter österreichischer Parteien teil, ebenso der Abt des Wiener armenischen Mechitharistenklosters, das mit den seltenen Materialien seiner berühmten wissenschaftlichen Bibliothek den jüdischen Dichter und Schriftsteller Franz Werfel bei der Abfassung seines großen, in alle Weltsprachen übersetzten Armenier-Epos "Die vierzig Tage des Musa Dagh" unterstützt hatte.
(Es folgt – mit redaktionellen Hervorhebungen – der Text der Ansprache.)


Ew. Eminenz, Exzellenzen, verehrte Patres, meine Damen und Herren!

Die Regierungen Deutschlands und Österreichs, im 1. Weltkrieg Hauptverbündete der Türkei, weigern sich nach wie vor, der mehr als einer Million unschuldiger Opfer des Völkermords an den Armeniern in der Türkei wenigstens zu gedenken. In diametralem Gegensatz zur französischen Assemblée nationale verweigern auch heute die Parlamente in Berlin und Wien – standfest wie zu Kaiserzeiten und wenigstens in dieser Sache im Schulterschluss mit Washington – die offizielle Anerkennung des Armenier-Genozids als eines historischen Faktums. So werden die hingemordeten Opfer, so wird das überlebende armenische Volk von den an diesem Genozid mitverantwortlichen Regierungen in Berlin und Wien weiterhin faktisch verachtet und verhöhnt. Auch die zahlreichen unwiderleglichen Dokumente der Nothelfer und Völkermord-Zeugen aus Deutschland, der Schweiz, aus Skandinavien, den USA, ebenso die erdrückende Menge der Regierungsdokumente in Berlin und Wien werden bis heute, obwohl zum großen Teil von der Wissenschaft publiziert, bewusst missachtet. Die berechtigte europäische Kritik an US-amerikanischer und britischer Nachrichtenzensur im Golf- und Irak-Krieg muss auch heute noch durch die Kritik an der in Berlin und Wien praktisch nicht aufgehobene Zensur zum Thema Armenier-Genozid ergänzt werden, wenn die europäische Position glaubwürdig und nicht einseitig sein will.


Die unerhörte Klage der über 1 Million Märtyrer des armenischen Volkes klingt als stummer Schrei seit dem Ersten Weltkrieg 88 Jahre lang bis heute durch die Welt. Er wird von vielem übertönt: Wir standen und stehen nicht mehr entsetzt vor diesem Verbrechen, sondern vor dem blutigen Terroranschlag vom 11. September, vor den Opfern der Saddam-Diktatur und des Irak-Krieges. Die Zahl der Opfer des Terroranschlags auf die New Yorker WTC-Türme kann uns jedoch auch die Fürchterlichkeit des Genozids am armenischen Volk in der Türkei wieder näher bringen und helfen, die Dimensionen dieses von vielen bereits verdrängten und vergessenen Armenier-Genozids realistisch zu ermessen: Die internationale Entrüstung über den Völkermord an den Armeniern müsste, so ein armenisches Menschenleben einem amerikanischen bzw. westeuropäischen gleichgeachtet würde, eigentlich um das Fünfhundertfache stärker sein als die weltweite Entrüstung über den Anschlag auf die New Yorker WTC-Zwillingstürme, da sich das Verhältnis auf etwa 1,5 Mio. armenische Opfer zu etwa 3000 Opfern des 11. September beläuft.

Das Verdrängen und Vergessen geschah aber schnell und wirksam. Bereits im August 1939 konnte Adolf Hitler vor seinen Generälen auf dem Obersalzberg in zynischem Triumph das Verbrechen des Schweigens seitens der Großmächte konstatieren: "Wer redet heute noch von der Vernichtung er Armenier?" Statt andauernder Entrüstung herrscht andauerndes Schweigen über den Völkermord an den Armenier. Dies diente bereits einem Hitler nachweislich zur 'Beruhigung' der Gewissen seiner Generalität bei der Vorbereitung der in derselben Obersalzberg-Rede angekündigten Vernichtungspolitik im anbrechenden 2. Weltkrieg. Hitler hatte dort wörtlich gefordert, dass die deutschen Truppen mitleidslos wie Tschingis Khan Frauen, Kinder und Greise in den zu erobernden Gebieten in den Tod schicken sollten.

Der 'Führer' wusste, wovon er sprach, wenn er auf das 'Vorbild' des armenischen Völkermords verwies, war er doch ohne Zweifel von einem seiner wichtigsten politischen Initiatoren und Berater, dem Militär und Diplomaten Dr. Max Ernst von Scheubner-Richter, einem Augenzeugen des armenischen Völkermords in der Türkei, bereits zu Anfang der zwanziger Jahre über das bis dato größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit detailliert in Kenntnis gesetzt worden.

Neben den stummen Märtyrern des Völkermords gibt es aber nicht nur die Aussagen eines solchen unfreiwilligen 'Zeugen' wie Hitler. Wir kennen im Unterschied zu diesem eine ganze Wolke von wahren Zeugen, die gesprochen haben und durch ihre veröffentlichten Zeugnisse bis heute sprechen. Die wahren Zeugen sind nicht Fortsetzer der genozidalen Politik à la Hitler, sondern gehören im Gegenteil zu der bisher in der Genozid-Forschung noch viel zu wenig beachteten internationalen Gruppe der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der internationalen Armenienhilfswerke in der Türkei, die dort seit den großen Armeniermassakern unter Sultan Abdul Hamid II. Ende des 19. Jahrhunderts wirkten.

Diese Männer und Frauen kamen in nicht-staatlichen Hilfsaktionen aus Deutschland und der Schweiz, aus Skandinavien und Österreich, Frankreich, Italien und aus den USA. Nicht zu vergessen sind dabei auch die armenischen Mitarbeiter, Ärzte und Krankenschwestern, die mit dieser internationalen Helfergruppe in Krankenhäusern, Apotheken, Waisenhäusern, Schulen, Manufakturen etc. zusammenwirkten. Allein in der Gruppe der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des bedeutenden Anwalts und Helfers der Armenier, Dr. Johannes Lepsius (1858–1926), befinden sich neben der großen Gruppe der selbstlosen armenischen Helfer auch so bedeutende nicht-armenische Persönlichkeiten und Zeugen wie die Schweizer Dr. med. h. c. Jakob Künzler und Dr. med. Andreas Vischer, die Deutschen Anna Harnack, Martha Anna Friedemann, Franz Eckart, der Österreicher Leopold F. Gaszczyk und viele andere Männer und Frauen. Eine besondere Stellung kommt der Lepsius-Mitarbeiterin und Lehrerin Karen Jeppe aus Dä-nemark zu, die sich nach ihrem physischen und psychischen Zusammenbruch unter den Schrecken des Völkermordes in der Türkei im 1. Weltkrieg später während der zwanziger Jahre wieder dem Lepsius-Hilfswerk unter den armenischen Flüchtlingen im syrischen Aleppo zur Verfügung stellte und energisch am Aufbau ganzer armenischer Flüchtlingsortschaften in Syrien mitwirkte.

Karen Jeppe wurde in Syrien besonders durch ihr rotes "Rettungs-Auto" populär, mit dem sie durch das ganze ehemalige türkische Gouvernement Syrien fuhr und armenische Flüchtlingsfrauen und -kinder aus den arabischen und beduinischen Familien durch ihre in Europa und in den USA populäre "Lösegeld-Arbeit" unter der Schirmherrschaft des Völkerbundes 1924–1931 herauskaufte. Die tatkräftige dänische Lepsius-Mitarbeiterin war in dieser Verbindung mit dem Genfer Völkerbund überdies Mitarbeiterin von dessen erstem Flüchtlings-Hochkommissars, Fridtjof Nansen. Diese Zusammenarbeit lässt auch erkennen, dass die persönliche Initiative einzelner für die Hilfe an den Überlebenden des Völkermords am armenischen Volk einen wesentlichen Schritt zur Flüchtlings- und Menschenrechtsarbeit des Völkerbundes und der UNO darstellt.

Das Leben und Werk dieser Helfer und Zeugen in Wort und Tat stellt ein ganzes Bündel von unwiderleglichen Beweisen für das von den genannten Regierungen negierte Faktum des Genozids am armenischen Volk dar. Sowohl die Leugner des Genozids wie auch die wissenschaftliche Forschung hat diese große Menge der Zeugnisse bis heute viel zu wenig beachtet. Diese Zeugen werden bis heute von den professionellen Leugnern, insbesondere von den entsprechenden Institutionen der türkischen Regierung, als "Lügner" bezeichnet. In einem türkischen Propaganda-Film ("Blut an der Wand") figuriert Johannes Lepsius, bei Werfel der "Engel des Guten", als der "größte Lügner des 20. Jahrhunderts".

Gesetzt den Fall, es träfe zu, dass der Genozid am armenischen Volk tatsächlich eine Lüge sei, so hätten also die zahlreichen Waisenhäuser, die in vielen Ländern von diesen Helfern und Zeugen für die Kinder der ermordeten armenischen Eltern eingerichtet worden waren, einzig und allein dazu gedient, einen Völkermord vorzuspiegeln?

Also sind die Tausenden von armenischen Witwen und Waisen, die damals in den Waisenhäusern und Flüchtlings-Camps in Syrien, Libanon, Griechenland, der Schweiz und anderen Ländern überlebten, von den Helfern und Zeugen dort zusammengeführt worden, um die Lüge vom Völkermord zu konstruieren?

Also sind die Zehntausenden von Menschenknochen, -schädeln, -skeletten in der mesopotamischen Wüste bei Deir-Zor am Euphrat und am Chabur in die Wüste gebracht worden, um einen Massenmord an dem Rest der Armenier vorzutäuschen, die es noch bis an den 'Bestimmungsort' der Deportationszüge geschafft hatten?

Also sind die armenischen Flüchtlinge, die in alle Welt geflohen sind, aus ihrer Heimat in alle Welt gegangen, nur um eine Lüge vom Völkermord an den Armeniern zu verbreiten?

Das Blut der Opfer schreit noch immer zum Himmel und klagt an. Aber auch die unabhängige internationale Forschung deutscher, österreichischer, US-amerikanischer, israelischer und türkischer Wissenschaftler ist Träger dieser Anklage. Es ist ein Skandal und ein schamloser, kontinuierlicher Ausverkauf der eigenen moralischen Standards nicht zuletzt im 'Westen', dass die Regierungen in Deutschland, in den USA, in Österreich und in anderen Ländern – Frankreich ist da seit kurzem eine rühmliche Ausnahme – der Vergewaltigung der Wahrheit, die aufgrund wirtschaftlicher und strategischer Kalkulationen begangen wird, nicht entgegentreten. Durch die Verweigerung der Anerkennung des historischen Faktums des Völkermordes zeihen sie faktisch die Opfer der Lüge. Unerträglicher noch: Die Opfer werden dadurch verachtet und verhöhnt und müssen einen zweiten und dritten Tod durch das schändliche Verschweigen und Verdrängen erdulden.

Müssen denn erst die armenischen Opfer aus ihren Gräbern steigen und ihre Stimme erheben? So sicher einstens das Verbrechen gegen das armenische Volk, so das Jüngste Gericht kommt, dort gesühnt werden wird, so sicher ist es schon jetzt unsere Pflicht, nicht bis dahin zu warten, sondern unsere Stimme mit den Stimmen der früheren Generationen zu vereinen, die dieses unannehmbare, dieses in jeder Hinsicht inakzeptable Verbrechen gegen das armenische Volk bezeugen und verurteilen.

Ich sage bewusst unannehmbar, da es andererseits tatsächlich damals wie heute Stimmen gab und gibt, die zwar dieses magnum crimen als Faktum kannten, aber aus wirtschaftlichen und strategischen Eigeninteressen heraus den Völkermord an den Armeniern akzeptierten, zu deutsch: dieses Verbrechen annahmen und rechtfertigten. Und dazu gehörten in erster Linie die Regierungen in Berlin und Wien, die als Alliierte der osmanischen Türkei krampfhaft verdrängten und wegschauten, um nicht zu sehen, was sie sahen und sogar zum Teil mitangestiftet hatten.

Ausgerechnet am 24. April 2003 standen im Wiener KURIER die Worte des Präsidenten der Tschechischen Republik, Vaclav Klaus, anlässlich seines Besuchs beim Präsidenten der Republik Österreich, Thomas Klestil: Präsident Klaus hatte verlauten lassen, dass die Deportation und die tschechischen Nachkriegsverbrechen an über 3 Mio. Opfern verschiedener Nationalitäten "unannehmbar aus heutige[r] Sicht" sind. Ich habe hier und heute nicht über das Problem der Benesch-Dekrete zu sprechen, aber ich muss hier und heute am 24. April 2003 zu dem Völkermord an den Armeniern betonen, dass die Massaker, die Deportationen und der Völkermord an den Armeniern von 1894 bis in die Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur aus heutiger Sicht unannehmbar sind. Sie waren ebenso damals und dort, wo sie geschahen, auch nach damaliger Ethik, ob christlicher oder islamischer, nicht annehmbar. Und die deutschen und österreichischen Politiker und Militärs, die damals den Völkermord direkt oder indirekt akzeptierten oder sogar logistisch-militärisch unterstützten und damit theoretisch und praktisch als annehmbar deklarierten, haben sich und ihre Regierungen damit mitschuldig gemacht.

Unsere Regierungen, die in Berlin und Wien, stehen somit in dieser unabgetragenen Mit-Schuld und Mit-Verantwortung neben der türkischen Regierung. Und unsere Völker, das deutsche wie das österreichische, haben die Pflicht, unsere Regierungen an diese Verstrickung zu erinnern und entsprechende Taten einzufordern. Ansonsten machen wir uns wegen Verschweigens einer riesigen Straftat mitschuldig. Johannes Lepsius hat nach dem Ersten Weltkrieg nicht – wie heute aus Unkenntnis behauptet wird – die Mitverantwortung Deutschlands verschwiegen. In seiner weitverbreiteten Zeitschrift "Der Orient" hat er vielmehr bereits 1920 klar die "Mitschuld" Deutschlands konstatiert und entsprechende Aktionen eingefordert.

Es gibt nicht nur ein Problem zwischen Türken und Armeniern, wie man sich gern in der deutschen Politik, auch jüngst, seitens des Deutschen Bundestages und des Auswärtigen Amtes anlässlich der Petition zur Anerkennung des Armenier-Genozid, wieder herauszureden versucht hat. Es gibt vielmehr auch ein klares bilaterales Problem zwischen Deutschen und Armeniern und Österreichern und Armeniern, das wir nicht auf die Türkei abschieben können und das uns die Türkei auch nicht abnehmen kann. Wenn der türkische Botschafter in Berlin in einem von ihm anberaumten Gespräch das Vorhaben der Sanierung des Lepsius-Hauses in Potsdam und die Einrichtung einer Gedächtnis-, Forschungs- und Dialogstelle in diesem Hause als Einmischung in die Probleme der Türkei kritisierte, so wurde ihm zu Recht von dem Vorstand des Lepsius-Haus-Vereins geantwortet, dass hier zuallererst die Deutschen und die Armenier die unaufgearbeiteten Probleme zwischen unseren beiden Völkern zu behandeln haben.

In Richtung Deutschland und Österreich muss ich in aller Deutlichkeit sagen: Wir Deutsche und Österreicher werden diese Lasten der Geschichte nicht los, wenn wir sie verleugnen oder 'den Türken' als dem angeblich alleinigen Sündenbock in die Schuhe schieben, zumal es auch im türkischen Volk viele Einsichtige gibt, die selber Verfolgungen und Exil auf sich nehmen, da sie die Wahrheit über den Genozid am armenischen Volk aussprachen und aussprechen.

Wir gedenken 88 Jahre nach dem totgeschwiegenen Völkermord nicht allein der Opfer der 'Deportationen' des armenischen Volkes im Ersten Weltkrieg. Es ist vielmehr historisch angemessen, den Armenier-Genozid als ein in der jüngeren Geschichte langgestrecktes blutiges Ereignis zu kennzeichnen, das spätestens mit den gewaltigen Armenier-Massakern 1894–1896 unter Sultan Abdul Hamid II. in genozidalen Dimensionen seinen Anfang nahm. Ein weiterer Strom von Blut floss bei dem Massaker von Adana (1909), tatsächlich ein großes Massaker nicht nur in Adana, sondern in zwei Gouvernements, Adana und Aleppo. Der Höhepunkt des Mordens wurde 1915/1916 im Ersten Weltkrieg erreicht.

Gewöhnlich wird auf der anderen Seite das Leiden des armenischen Volkes unter dem russischen und sowjetischen Imperium bei der Betrachtung des Schicksals der Armenier in der Türkei vernachlässigt. Richtig wäre vielmehr, dass das armenische Volk vom blutigen Regen in der Türkei in die mörderische Traufe Stalins geriet und gerade in der Periode der stalinistischen Verfolgungen dem armenischen Volk ein wahrer Ethnozid widerfuhr, wobei die zahlreichen Opfer der Säuberungen Stalins in Sowjetarmenien ebenso nicht zu vergessen sind. In der gleichen Zeit – zwischen 1920 und 1940 – wurden in der Türkei die Reste des armenischen Volkes, zumeist die unter dem kurzen Schutz der Westmächte in ihre Heimatorte zurückgekehrten Flüchtlinge, vernichtet oder erneut vertrieben. Der vielleicht noch bekannteste unter diesen unbekannten Vorgängen ist die Flucht der Musa-Dagh-Armenier 1939 in den Libanon, als deren 'Schutzmacht' Frankreich die syrische Musa-Dagh-Region an die Türken als eine Vorausleistung dafür abtrat, dass die Türkei im sich abzeichnenden neuen Weltkrieg nicht wieder das Bündnis mit Deutschland schloss.

Nicht zu vergessen ist ebenso das heutige Schicksal der armenischen Bevölkerung im Nahen und Mittleren Osten, wo sie in Israel, im Libanon, im Iran und im Irak nicht nur hochgefährdet ist, sondern des öfteren zwischen die Fronten geriet und – gemessen an ihrer dezimierten Zahl – wieder einen hohen Blutzoll zu zahlen hatte und hat.

Ich rufe die Politiker unserer beiden Länder auf, deren Ziel Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ist, sich neben der Bewahrung von gefährdeten species des Tierreiches auch der Bewahrung der nun über 100 Jahre lang nicht nur gefährdeten, sondern sukzessive vernichteten menschlichen species der Armenier zu widmen, ihr auch Gerechtigkeit durch Anerkennung des Genozid widerfahren zu lassen und so einen Beitrag zum Frieden zu leisten, der nur auf der Grundlage von Wahrheit und Gerechtigkeit stabilisiert werden kann.

Das armenische Volk ist nicht nur das armenische Volk. Es ist ein exemplarischer Fall, ein Prüffall, wo die westliche Politik, zumal die in Berlin und Wien beweisen kann, dass sie die Wahrheit nicht zur Hure ihrer vermeintlichen eigenen Interessen im Orient macht. Das Gedächtnis des Armenier-Genozids, das wir am 24. April begehen, ist ein Wort der Gerechtigkeit, das zum Tun der Gerechtigkeit herausfordert.

(Dr. Margarete Wein, 4. Mai 2003)

Nähere Informationen:
Prof. Dr. Hermann Goltz
Tel.: 0345 55-23030, Fax: 0345 55-2240
E-Mail: goltz@theologie.uni-halle.de

 
  04.05.2003, Dr. Margarete Wein
 
     
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