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WIEDER AMPHIBIENSCHUTZZÄUNE IN HALLE
BiologiestudentInnen der Uni Halle forschen für den Naturschutz
 
Auch in den Märztagen dieses Jahres vertauschen wieder einige BiologiestudentInnen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ihre Hörsaalplätze mit der feuchtkalten Saaleaue und kontrollieren die Wanderungen der Grasfrösche, Teichmolche und Erdkröten auf der Peißnitzhalbinsel und im Bereich der Talstraße/Kreuzer Teiche. Im Rahmen eines feldherpetologischen Fachpraktikums, unter Leitung von Privatdozent Dr. Wolf-Rüdiger Grosse, Institut für Zoologie, werden seit Jahren Daten zu Phänologie der Amphibienwanderung im Stadtgebiet erhoben. Untersucht wird an dieser Stelle die tierökologische Wirkung der Straßen als abiotische Barrieren, die Populationen nahezu vollständig voneinander isolieren und damit möglicherweise zum Aussterben bringen können. Daneben forschen die Studenten nach weiteren Ursachen der Populationsveränderungen im urbanen Raum.

Die Praktikumuntersuchungen der Jahre 1998 bis 2003 haben gezeigt, dass die Amphibien der zentralen halleschen Saaleaue nur zum Teil auf der Peißnitz leben. Die Untersuchungen der Biologiestudenten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg erbrachten 1998 erstmals den Beweis, dass im März ein Teil der Erdkröten und Grasfrösche die Wilde Saale ab der Peißnitz-Halbinsel durchschwimmt und trotz der Strömung sicher am Talstraßenufer landet. Woher kommt nun der Rest der Kröten und Frösche? Zur Klärung dieser Frage wurden in den letzten Jahren weitere Fangeinrichtungen in Richtung Feuchtwiese Talstraße, am Saaleufer Richtung Weinbergweg und Universitätsgelände und auf der Peißnitz errichtet. Über zwischengeschobene Fangeimer werden die anwandernden Amphibien abgefangen.



Studierende des Fachbereiches Biologie
beim Errichten des Schutzzaunes

Im Jahr 2004 steht ein Fangzaun auch an dem Nordufer des Unteren Kreuzer Teiches. Die Studenten bergen nicht nur die Amphibien und tragen sie sicher über die Straße. Die Tiere werden auch biometrisch erfasst. Die Messdaten geben später detaillierte Auskunft zu Wanderungen, Alter und Kondition der Tiere. Ein Teil der Amphibien bleibt seit 1999 auch direkt in den Feuchtstellen der Amselgrundwiese neben der Talstraße und laicht dort. Leider war in den letzten Jahren Ende Mai die Wiese ausgetrocknet und alle Kaulquappen tot. Deshalb wurde mit Hilfe der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Halle die Wasserzuleitung zur Wiese durch einen Graben verbessert. Das Monitorring dieser Artenhilfsmaßnahme ist eine weitere Praktikumsaufgabe im Jahr 2004. Derzeit sind die Tümpel mit Wasser gefüllt.

Technische Daten
Praktikumsdauer: 23.2. bis 19.4.2004
Beginn der Feldarbeiten:Montag, den 1.3.2004 um 9.00 Uhr Talstraße, Höhe Amselgrundweg
Kooperationen: Wasserwerk Beesen, Stadt Halle (Saale) Fachbereich Umwelt
Wissenschaftliche und technische Leitung: Priv. Dozent Dr. Wolf-Rüdiger Grosse
Weitere Informationen: http://www.biologie.uni-halle.de/zool/coll/spez_main.htm
und
http://www.amphibienschutz.de/zaun/zaun_index.html

Ansprechpartner:
Priv. Dozent Dr. Wolf-Rüdiger Grosse
Tel.: 0345 55-26 438
Fax.: 0345 55-27152
E-Mail: grosse@zoologie.uni-halle.de

Globales Anliegen des Praktikums - weltweites Aussterben der Amphibien?

Aus globaler Sicht bedeutend das Aussterben einer Art oder wie bei den Amphibien einer ganzen Wirbeltierklasse ihr völliges Verschwinden von der Erde. Betrachtet man diese Vorgänge über erdgeschichtlich kürzere Zeiträume, dann vermindert das Aussterben die biologische Mannigfaltigkeit (Biodiversität). Die Schätzungen aktueller Aussterberaten für Amphibien weisen weltweit auf den dramatischen Rückgang der Diversität und damit auf eine kritische Situation der Biosphäre hin. Deshalb kann man auch schon in absehbaren Zeiträumen von einer Biodiversitätskrise sprechen. (Die Abbildung zeigt den heimischen Grasfrosch)
In der von der World Conservation Union (IUCN) 1996 veröffentlichten Roten Liste der gefährdeten Tierarten sind immerhin 212 Amphibienarten (von derzeit auf geschätzten 4800 bekannten Arten) aufgelistet. Davon wiederum gelten 127 Arten in ihrem Gesamtbestand gefährdet. Über das Schicksal von 24 Arten (die bereits ausgestorben oder in dem letzten Jahrzehnt verschollen sind) ist derzeit nichts bekannt. Die Größenordnung der mittleren natürlichen Aussterberate liegt nach paläontologischen Untersuchungen für Amphibien bei 105-107 gleichzeitig lebenden Arten, d.h. eine Amphibienart pro 1000 Jahre. Das Aussterben („amphibian decline“) ruft derzeit die Wissenschaftler weltweit auf den Plan.

„amphibian decline“ - Ursachen und Hintergründe

Lurche besitzen sehr komplexe Habitatansprüche, ihr Jahreslebensraum zerfällt dabei in mehrere Aktionszentren. Sie suchen für eine unterschiedlich lange Zeit Gewässer auf, um hier zu reproduzieren und die Larvalentwicklung zu vollziehen. Dabei besitzen einige Arten eine bemerkenswerte Ort-Treue. Die Sommer- und Win­terlebensräume befinden sich dagegen in der Regel an Land. Zwischen den ein­zelnen Standorten finden oft ausgeprägte saisonale Wanderungen statt, dabei sind die Wanderstrecken art- und standortabhängig. Die Lebensraumansprüche der meisten Arten werden in der Kulturlandschaft - und dabei vor allem im urbanen Be­reich - in immer stärkeren Maße beschnitten, so dass die Lurche zu den gefährdet­sten Tiergruppen überhaupt gehören. Alle Arten unterliegen dem gesetzlichen Schutz durch die Bundesartenschutzverordnung und stehen auf der Roten Liste der be­drohten Tierarten Sachsen-Anhalts (Buschendorf/Uthleb 1992). Nicht zuletzt wegen der hohen Sensitivität dieser Tiere gegenüber anthropogenen Einflüssen sind ver­schiedene naturschutzfachliche und raumwirksame Planungen unverzichtbar.

Amphibienvorkommen in Halle

Die Lurche stellen eine der am besten untersuchten Artengruppen des Stadtgebietes von Halle dar. Historische Übersichtsdarstellungen des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beinhalten punktgenaue Fundortangaben. Deren Wert als Referenz­daten für Aussagen zur aktuellen Bestandsentwicklung bestimmter Arten wird jedoch dadurch geschmälert, dass oft der quantitative Bezug fehlt. Eine wesentliche Daten­quelle neuerer Art stellen die ehrenamtlich erhobenen Messtischblattquadrantenkar­tierungen (Bezirksfachgruppen für Feldherpetologie) dar, die 1984 in Form einer Übersichtsdarstellung auf Messtischblatt-Ebene auswertet wurde. Ab Anfang der 90-er Jahre wurde die Kartierungsintensität durch den Landesfachausschuss Feldher­petologie Sachsen-Anhalt erhöht, damit verbesserte sich auch der Kenntnisstand über einige sensitive Gebiete der Stadt Halle. Mit der Veröffentlichung des Arten- und Biotopschutzprogramms der Stadt Halle wird eine aktuelle Übersicht zur Verbreitung der Arten vorgestellt. (Foto: Gruppenpaarung von Erdkröten)
Größere Erfassungslücken bestehen in der Bergbaufolgelandschaft im Ostteil der Stadt sowie in Teilbereichen der Elster-Saale-Aue einschließlich des Planenaer Teichgebietes. Aufgrund der schlechteren Erfassbarkeit sind einige Arten (beide Molcharten, Knoblauchkröte) sicherlich quantitativ unterrepräsentiert. Bedingt durch Bautätigkeit in der Stadt wie auch in den Stadtrandgebieten verändern sich die Le­bensraumstrukturen der Amphibien ständig. Ein Monitoring-Programm für sensible Bereiche ist deshalb mit Unterstützung der Naturschutz-Studenten des Fachbereiches Biologie der Universität in Arbeit. Dazu werden dieses Jahr die Daten zum Vorkommen der Erdkröte und des Teichmolches zusammengestellt und aktualisiert.

Per "huckepack" zum Laichgewässer - die ökologischen Grundlagen

Sobald es Frühjahr wird, erwacht bei Kröten und Fröschen die Wanderlust. Sie wan­dern einmal im Jahr im März oder Anfang April zu ihrem Laichgewässer, wo sie für Nachwuchs sorgen. Erdkröten sind „Traditionslaicher“. Über Generationen hinweg wandert ein Großteil der geschlechtsreifen Tiere zu dem Ort, an dem sie vor Jahren aus den Laichschnüren schlüpften. Nur dort legen sie ihre Eier ab. Selten sucht ein Tier ein neues unbekanntes Laichgewässer auf, sofern überhaupt in der intensiv genutzten Kulturlandschaft ein freies Gewässer im Angebot ist. Für viele der Kröten bedeutet das eine kilometerlange Wanderung durch unwegsames Gelände. (Das Foto rechts zeigt ein Krötenpaar auf seiner Wanderung) Zahlreiche Weibchen wandern sogar mit „Rucksack”. Besonders eifrige Krötenmänner sichern sich nämlich schon unterwegs eine Partnerin. Mit beherzten Griffen von oben unter die Achseln der Partnerin lassen sie sich von ihnen „huckepack“ zum Laichgewässer tragen. Ein cleverer Schachzug, wie sich dann bald herausstellt: Denn Weibchen sind rar im Erdkrötentümpel. Das liegt daran, dass unerklärlicherweise nicht alle erwachsenen Weibchen jährlich am Laichplatz auftauchen. Sofort nach der Eiablage verlassen die Weibchen das Laichgewässer wieder in Richtung ihres Sommerquartiers. Die Männchen hingegen bleiben für die Dauer der gesamten Laichzeit (ein bis zwei Wochen) in Gewässernähe. Es könnte ja noch ein verspäteter weiblicher „Single“ am Ufer erscheinen!

Perspektiven für den Amphibienschutz im Praktikumsgebiet

Verkehrsopfer unter den Amphibien waren seit 1998 in der Talstraße kaum mehr zu verzeichnen, was den Aufwand des Krötenzauns jederzeit rechtfertigt. Trotzdem ist er nicht das Rezept für die Zukunft, da der Zaun nicht über Jahrzehnte betreut werden kann. Sinnvoll wäre es, über dauerhafte bauliche Maßnahmen für die wandernden Amphibien Durchlässe zu schaffen. Denkbar ist auch, über weitere Gewässerneuanlagen und Habitatmanagement die Raumbeziehungen der Amphibienpopulation schrittweise zu verändern. Zu ersterem Vorschlag existiert bereits eine Konzeptstudie des NABU Halle zur Errichtung von Querungsmöglichkeiten für wandernde Amphibien (Reptilien und andere Kleintiere) im Bereich von Amselgrund und Talstraße. Derartige Tunneleinrichtungen haben sich in Kombination mit dauerhaften Amphibienleitwänden in der Praxis bewährt. Diese müssten saaleseitig und auch wiesenseitig (Amselgrund) installiert werden, um rückwandernde Amphibien zu schützen. Zum zweiten Vorschlag laufen derzeit an der Universität Halle ökologische Vorplanungen zu einer Pilotstudie zur Gewässerökologie auf der Feuchtwiese und im Amselgrund. Die gewonnenen Daten werden dem Umweltamt der Stadt Halle übergeben und außerdem in die Kartierung der Herpetofauna Sachsen-Anhalts eingefügt.

Am 13. März 2004 findet eine Tagung der Herpetologen Sachsen-Anhalts unter Beteiligung der Spezialisten des Institutes für Zoologie, statt. Die Ergebnisse aller Untersuchungen gehen in die weitreichenden Datennetze der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources - World Conservation Union (IUCN) ein. In dieser weltweit agierenden Gesellschaft haben sich Wissenschaftler, Umweltorganisationen und ehrenamtliche Mitarbeiter zu einer internationalen amphibienspezifischen Arbeitsgruppe/Kooperation zusammengefunden (Special Survival Commission). Ziel dieser Spezialistengruppe ist es, Art, Ausmaß und Ursachen des weltweiten Amphibienrückganges zu erfassen und Maßnahmen des Schutzes zu initiieren.

(PD Dr. Wolf-Rüdiger Grosse, Ingrid Godenrath, 25. Februar 2004)
 
  Ingrid Godenrath, 24.02.2004
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