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„DÖS ATMET G'SCHICHTE!“
Große (Ver-)Sammlung beim akademischen Abschied
von Prof. Dr. Dieter Lübbe in der Universitäts-Hautklinik Halle
 
Fast tausend Euro kamen zusammen für Wassilij Kornejewitsch Stoll im fernen Borowaja! Anstelle der üblichen Blumen und Geschenke hatte sich Prof. Dr. Dieter Lübbe nämlich zu seiner akademischen Verabschiedung am 28. Januar 2003 Spenden für den ehemaligen russischen Zwangsarbeiter, der heute im Kiewer Gebiet in der Ukraine lebt, gewünscht. Herr Stoll, Jahrgang 1925, hatte vor drei Jahren in einem Brief an die hallesche Universitäts-Hautklinik um Hilfe bei seinem Antrag auf Wiedergutmachung gebeten. Vom Sommer 1943 bis Ende des Krieges gehörte er sozusagen zum Klinikpersonal - zwei Jahre seiner Jugend, die sein Leben bis heute prägten! Höherer Schulbesuch oder ein Studium waren Wassilij Stoll als „Kulaken“-Sohn von vornherein verwehrt. Aber es kam noch schlimmer: Nachdem er 1941/42 - unter deutscher Besetzung - an einem Medizinischen Technikum eine Ausbildung zum Arzthelfer erhalten hatte, wurde er 1943 zwangsweise nach Deutschland verbracht. Vom 8. Juni 1943 bis zum Einzug der Amerikaner in Halle im April 1945 arbeitete er als Krankenpfleger in den Hofbaracken der Universitäts-Hautklinik in der Ernst-Kromayer-Straße 5. Dann begann ein jahrelanger Leidensweg - weite Strecken zu Fuß! - von Torgau (wo er mit vielen anderen der Roten Armee übergeben wurde) über Breslau, Timkowitschi in Weißrussland, Tscherdyn im Ural bis in die sibirischen Lager ... Der Verhaftung im Frühjahr 1946 folgte im Sommer desselben Jahres der perfide Urteilsspruch: Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte, Beschlagnahme des persönlichen Eigentums, Einweisung in sibirische Lager wegen „antisowjetischer Agitation“ (§ 58). Zwar wurde er 1952 entlassen, jedoch hatte er kein Wohnrecht in Gebieten und Ortschaften mit mehr als 10 000 Einwohnern. Und er wurde bis zum Ende der Sowjet-Ära als Kulak, Faschist und Deutschenfreund denunziert, so dass ihm nicht die kleinste Chance auf ein normales (Erwerbs-)Leben blieb.

Dieter Lübbes Engagement für diesen ihm persönlich unbekannten Fremden ist exemplarisch für sein Verhältnis zu Welt und Menschen: Unrecht, wo immer es geschieht, nicht dulden; den Finger auf die Wunde legen, bis ein Heilmittel gefunden ist; die Augen nicht schließen, auch wenn es schmerzt, was man da sieht. Zwar kann weder Vergangenheit „bewältigt“ noch ein begangenes Verbrechen „wieder gut gemacht“ werden - aber Gesten wie diese Sammlung prägen sich ein als Zeichen gegen das Vergessen.

Dieter Lübbe (rechts)
im Gespräch
mit Thomas Fuchs;
in der Mitte:
Universitätszeichenlehrer
a. D. Ullrich Bewersdorff

(Foto:
Anette Weyershäuser)


Im Hörsaal in der Ernst-Kromayer-Straße war kein Platz mehr frei, als zum Auftakt der akademischen Verabschiedung von Professor Lübbe Händels Largo erklang. Zahllose Gäste aus nah und fern: Mediziner, Naturwissenschaftler, Philosophen, Juristen, Theologen; Künstler, Staatssekretäre, Schüler, Kollegen, Freunde, die Familie ... Namen zu nennen, hieße zugleich, Namen wegzulassen, deshalb soll es hier ganz unterbleiben (sicher kann man bei Bedarf in der Hautklinik die komplette Liste sehen).

Prof. Dr. Wolfgang Christian Marsch, seit 1993 Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie, hob in seiner Begrüßung die Leidenschaft des Laureaten für die „Gestaltung der Gesellschaft im Umbruch und danach“ hervor und lobte die „fantastische Kooperation zwischen Autochthonen und Zugereisten“ - Beispiel: Lübbe und Marsch! Doch nicht nur, weil nun das famose Zusammenspiel dieses Duos im Rahmen der halle­schen „Viererbande“ in gar nicht ferner Zeit enden muss, lag der Gedanke an das Damoklesschwert der neuen Strukturen nahe. - Prof. Dr. Reinhardt Neubert, Prorektor für Forschung, wissenschaftlichen Nachwuchs und internationale Beziehungen, der die Grüße des Rektors überbrachte, betonte, dass er diesen Abschied mit zwei weinenden Augen betrachte - was sich wohl auf den Mittelteil seiner Amtsbezeichnung und damit auf die absehbaren Folgen der finanz- und kultusministeriellen Pläne bezog.

Prof. Dr. Hans-Dieter Göring, wie Lübbe ein „alter Dessauer“, ließ - nach Reminiszenzen an den Dessau-Wörlitzer Kulturkreis und seinen geistigen Hintergrund, mit Namen wie Moses Mendelsohn, Franz von Anhalt, Wilhelm Müller, Johann Bernhard von Basedow und vielen anderen - in seiner Laudatio (später eindrucksvoll kommentiert von Lübbes „persönlichen Bemerkungen“) ein ungewöhnliches Leben Revue passieren: vom sehr guten Schüler, der weder „Pionier“ noch FDJ-Mitglied war, über den Bausoldaten für 1,24 Mark Stundenlohn in der Filmfabrik Wolfen zum Medizinstudenten und missliebigen Büttenredner, Doktoranden, Schiffsarzt, Ehemann einer erfolgreichen Kinderärztin, zweifachen Vater (und Gegner der Erziehung von Kindern mit zwei Gesichtern), Wissenschaftler und Hochschullehrer von gefürchteter Eloquenz, Journalist und Poet, 1989 Montagsdemonstrant, 1990 Mitbegründer der Initiativgruppe „Pro Halle“ und einer der „Macher“ der neuen Medizinischen Fakultät, Teil der schon erwähnten halleschen „Viererbande“ und Aktivist der legendären „Dermatologisch-Kulturhistori­schen Nach­mittage“, deren Anziehungskraft seit 10 Jahren stetig wächst und bei deren einem einmal ein bayerischer Kollege in der Lutherstadt Wittenberg den denkwürdigen Ausspruch tat: „Dös atmet G'schichte“.

Schließlich kamen die FachkollegInnen auf ihre Kosten: mit dem Festvortrag „Allergologie: Tour d’horizon“ von Prof. Dr. Thomas Fuchs von der Georg-August-Universität Göttingen - der in Wort und Bild kaum Wünsche offen ließ. Das erste Zusammentreffen mit Dieter Lübbe erinnernd, bemerkte der Referent: „Es traf uns der Schlag der Sympathie!“ Und seither wuchs diese Verbindung immerfort, fachlich wie kollegial.

Die letzte Hürde vor dem kalten Buffet bestand in den mit Spannung erwarteten „persönlichen Bemerkungen“ des einstigen Klassenprimus, dem man zwar eine „entwickelte Urteilskraft“, doch zu­gleich „mangelnde parteiliche Haltung gegenüber unserer sozialistischen Gesellschaft“ bescheinigte ... Erlebnisse mannigfacher Art mit dem vormaligen Chef Klaus-Dieter Wozniak und der „roten Waltraud“, mit Rektor Isbaner, der von jedem „künftigen Hochschullehrer ein dringendes persönliches Interesse an der Beherrschung des Marxismus-Leninismus“ erwartete, bei den ungarischen „Deutschlandtreffen ohne Wanzen“, in der bewegten Nachwendezeit, als er sich nachhaltig engagierte an Runden Tischen, bei Bürgerinitiativen und in verschiedensten Kommissionen, Begegnungen mit dem „wuselnden Kustos der Universität“, der ihm bei der Verleihung der Ehrensenatorwürde an Hans-Dietrich Genscher das Barett von Theodor Grünberg aufstülpte ... und hundert andere Mosaiksteinchen eines randvoll prallen Lebens, dessen überlegtes und überlegenes Wirken weithin spürbar war und ist und auch in Zukunft sein wird - all das mit Familienfotos und anderen Bilddokumenten, Tonkonserven, Zitaten und Bonmots in unnachahmlicher Weise dekoriert.

Nähere Informationen:
Sekretariat der Universitäts-Hautklinik
Telefon: 0345 55-73925
 
  Dr. Margarete Wein, 30.01.2004
 
     
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