Interdisziplinäre Konferenz vom 7. Juni bis 9. Juni 2001 an der Universität

Wahn und Wirklichkeit

DFG-Rundtischgespräch vom Juni 1999 wird fortgesetzt

Zur aktuellen Problematik von Sucht und Rausch fand im Juni 1999 an der Martin-Luther-Universität eine dreitägige interdisziplinäre Konferenz "Recht auf Rausch und Selbstverlust durch Sucht" statt, die vom Institut für Philosophie der Universität ausgerichtet und unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt unterstützt wurde. Die zweite dreitägige Auflage, die teilweise das Gespräch vom Juni 1999 fortsetzen, jedoch auch neue Aspekte und fachliche Querverbindungen eröffnen möchte, beginnt am 7. Juni 2001, 13:00 Uhr, und beschäftigt sich mit der Thematik "Wahn und Wirklichkeit - Multiple Realitäten". Von der DFG gefördert, zeichnet als Veranstalter das Institut für Philosophie verantwortlich. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Prof. Dr. Matthias Kaufmann. Konferenzort ist der Hörsaal XV, Melanchthonianum, Universitätsplatz 8/9, in Halle (Saale).

Zum Thema
Jemandem Realitätsverlust zu bescheinigen hat nach wie vor disqualifizierende Wirkung. Insbesondere im medizinisch-diagnostischen Kontext kann es sogar dazu führen, dass der betreffenden Person gegen ihren Wunsch die Patientenrolle aufgedrängt und darüber hinaus weitere Beschränkungen ihrer Autonomie damit begründet werden. Dies scheint verwunderlich angesichts der in Philosophie und Kulturwissenschaften seit einem Jahrhundert geführten Diskussion, ob es "die Wirklichkeit" überhaupt gibt, ob nicht viele (gleichberechtigte?) Wirklichkeiten nebeneinander existieren.
Die Problematik wirft viele Fragen auf, mit denen sich die Konferenz auseinandersetzen will: Ist das alltagspraktische Festhalten am Gedanken einer Wirklichkeit bloße Halsstarrigkeit gegenüber den scharfsinnigen philosophischen, soziologischen, ethnologischen und psychologischen Argumenten, die dagegen sprechen? Oder gibt es auch für dieses Festhalten Argumente, wie etwa den drohenden Zusammenbruch der Verständigung? Stellt die Wirklichkeit letztlich doch das Diktat der Mächtigen dar, die durch ihren Einfluss auf die Begrifflichkeit und das Begreifen, das Gelingen der zwischenmenschlichen Kommunikation und den Erhalt ihrer Macht sichern? Oder bietet sie einen Weg der Kontrolle von Macht? Wäre es denkbar, dass sich die Menschheit jederzeit, oder zumindest "letztendlich" über eine Wirklichkeit, in der sie lebt, verständigt oder gibt es viele verschiedene Wirklichkeiten. Leben verschiedene Kulturen, lebt am Ende jeder Mensch in einer eigenen Wirklichkeit? Doch wie und worüber ist dann Verständigung möglich?

Hier findet man sich inmitten der seit W.V.O. Quines Word and Object (Cambridge /Mass. 151985) in der analytischen Philosophie geführten Diskussion. Diese Diskussion dreht sich um die Frage, ob es zwischen verschiedenen Begriffsschemata, in welchen die Individuen ihre "konstruierte" Wirklichkeit ausdrücken, (wie z.B. bei verschiedenen Kulturen), so etwas wie Inkommensurabilität (Nichtvergleichbarkeit) geben kann, eine verbleibende Unbestimmtheit der Übersetzung. Donald Davidson (z.B. On the Very Idea of a Conceptual Scheme, 1974, in: Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford 1984) hatte dagegen gehalten. Bereits die Rede über Wirklichkeit und über Begriffsschemata setzt also den sprachlichen Zugriff und damit die Übersetzbarkeit "im Prinzip" voraus.

In der Soziologie, Ethnologie und anderen Wissenschaften widmet man sich seit längerem mit anderem methodischen Rüstzeug vergleichbaren Fragen. Inzwischen gibt es jedoch auch Ansätze, die das in der analytischen Philosophie für einige Zeit in geradezu esoterischer Weise, ohne intensiveren Bezug auf empirisches Material, erarbeitete Handwerkszeug auf empirische Probleme anwenden. Natürlich bedienen sich die verschiedenen Wissenschaften auch anderer Verfahren zur Bearbeitung dieser Probleme. Möglicherweise bietet das durch die analytische Philosophie bereitgestellte Instrumentarium aber besonders gute Chancen, die auftretenden Fragestellungen zu behandeln, die sich aus den genannten Problemen ergeben.

Was also soll die Rede vom Realitätsverlust einerseits, von verschiedenen Realitäten andererseits genau besagen, falls man hypothetisch unterstellen will, dass "die" Wirklichkeit des Alltags, möglicherweise so etwas wie die Verknüpfung verschiedener Alltagswirklichkeiten, nicht nur eine schlechte Fiktion ist? Wie lassen sich gelungene von misslungenen Wirklichkeitsbezügen unterscheiden? Für die Psychiatrie heißt das im Klartext: Wo hört eine Sicht der Dinge auf, bloß eigenwillig zu sein, und beginnt, wahnhafte Züge anzunehmen, so dass ärztliches Eingreifen erforderlich wird? Oder lässt es sich im Zeitalter der Virtualisierung vielleicht ganz auf Bemühungen der Auszeichnung einer herausragenden Wirklichkeit bzw. der Unterscheidung von Wirklichkeit und Nicht-Wirklichkeit verzichten, wie es in einigen postmodernen Theorien den Anschein hat?

Die Konferenz soll sich im interdisziplinären Gespräch der Frage zuwenden, wie viel von der Alltagsintuition der einen Wirklichkeit nach einigen Jahrhunderten des Zweifels noch - oder wieder - zu retten ist und/oder wie viel gerettet werden sollte. Durch das gemeinsame Auftreten von WissenschaftlerInnen der verschiedenen Fachrichtungen erhoffen sich die Veranstalter innovative Impulse. Nach Beendigung der Konferenz werden die Ergebnisse aufbereitet, und in einem Handbuch der Öffentlichkeit vorgestellt.

Im Internet ist der ausführliche Programm- und Tagungsablauf unter http://www.phil.uni-halle.de/noframes/ aufzurufen.

(Prof. Dr. Matthias Kaufmann, 1. Juni 2001)

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Matthias Kaufmann
Tel.: (0345) 55 243 93
Fax: (0345) 55 271 54
E-Mail: kaufmann@phil.uni-halle.de

Dozent Dr. Roland Strauss
Tel.:( 0345) 1 20 05 73
E-Mail :strauss@phil.uni-halle.de


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