Sonderausstellung im Geiseltalmuseum

Toru Ajgyr -
Wiederentdeckung einer Fossilfundstelle

Eine Sonderausstellung des Institutes für Geologische Wissenschaften und Geiseltalmuseum ist ab 1. März 2001 in der Domstraße 5 in Halle für die Öffentlichkeit zugänglich. Gezeigt werden Knochen von Säugetieren aus dem frühen Tertiär - einer Zeit vor 50 bis 40 Millionen Jahren. Die Fossilien stammen aus Toru Ajgyr, einer kleinen Ortschaft im Nordosten von Kirgisistan nahe der Grenze zu Kasachstan und China.

Die Schau ist vorausichtlich bis März 2002 von Montag bis Freitag 9:00 Uhr bis 12:00 Uhr und 13:00 Uhr bis 17:00 Uhr und jeden zweiten und vierten Samstag und Sonntag im Monat von 9:00 bis 13 :00 Uhr (außer Ostern und Weihnachten) geöffnet.

Informationen zur Ausstellung
Im Rahmen eines Kooperationsvertrages der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Kirgisischen Akademie der Wissenschaften wurden dort im Sommer 1997 und 1998 Ausgrabungen durchgeführt. Die Fundstelle wurde 1964 von Wokmintsev, einem russischen Geologen, entdeckt. Danach gab es mehrere Expeditionen der Russischen und Kasachischen Akademie der Wissenschaften, die auch das Gebiet von Toru Ajgyr tangierten. Besonders zu erwähnen sind die Ausgrabungen durch das Paläontologische Institut in Moskau unter Leitung von Akademiemitglied Prof. Dr. Walerij J. Reshetov in den 70er Jahren. Heute, nach dem Tode des bekannten Wissenschaftlers ist viel des damals geborgenen Materials nicht mehr auffindbar. Direkte Vergleiche zu neuen Funden Nordamerikas und Europas sind somit kaum möglich. Da auch die ursprünglichen Beschreibungen der Funde von Toru Ajgyr in der Literatur lückenhaft sind, war es Ziel der Ausgrabungen des Institutes für Geologische Wissenschaften und Geiseltalmuseum von den alten Fundstellen neue Fossilien zu sammeln.

Diese Funde sind wichtig, da sie einen grundlegenden Abschnitt der Entwicklung der Säugetiere wiederspiegeln. Im frühen Tertiär findet deren Aufspaltung in verschiedene Ordnungen wie Fledermäuse, Raubtiere und Primaten statt. Vertreter der Paarhufer und Unpaarhufer waren zu dieser Zeit noch sehr ähnlich. Angesichts der heute deutlich unterschiedlichen paarhufigen Schweine und Hirsche einerseits sowie unpaarhufigen Nashörner, Tapire und Pferde andererseits eine ungewohnte Vorstellung. Die Ursache liegt darin, das Paarhufer und Unpaarhufer sich von gemeinsamen Vorfahren ableiten. Fossilien die diese Entwicklungsreihe belegen, sind auch aus Deutschland bekannt. Hierzu gehören die Funde aus den Braunkohlen des Geiseltales bei Halle oder die Funde aus den Ölschiefern von Messel bei Darmstadt. Besonders interessant ist es, die verschiedenen Entwicklungsstufen der Säugetiere über Kontinente hinweg zu betrachten. Kamen in unteren Tertiär Europas, Nordamerikas und Asiens identische Tierarten vor?

Ein Vergleich der zentralasiatischen mit den mitteleuropäischen Fossilfundstellen kann zur Beantwortung dieser Frage beitragen. Wenn die in Toru Ajgyr gefundenen Landsäugetiere andere sind als jene, die man aus Europa kennt, würde hieraus eine Unterbrechung der Ausbreitungswege zwischen diesen Kontinenten resultieren. Im frühen Tertiär war Europa durch Meeresarme zergliedert. Eine Verbindung zu Asien bestand nicht dauerhaft. Auf den getrennten Landmassen entwickelten sich Säugetiere über Zeiträume von einigen Millionen Jahren unter-schiedlich. Erst als die Europäische Platte mit der Asiatischen zusammenstieß, konnten Landtiere von Asien nach Europa und umgekehrt gelangen. Hierzu gehörten auch Vertreter der Ordnung der Paarhufer, die sich vermutlich in Asien entwickelten und sich von dort über die Nordhalbkugel ausbreiteten.

Vor allen theoretischen Überlegungen über Fossilien steht jedoch die Praxis diese zu entdecken und möglichst unbeschädigt zu bergen. Von den russischen Expeditionen existierte eine Skizze, in der die Fundpunkte von Toru Ajgyr eingezeichnet waren. Entlang des Gebirgsfußes des Chungai-Alatau, einem Ausläufer des Tien-Shan, wurden durch ein Grabungsteam des Institutes für Geologische Wissenschaften und Geiseltalmuseum 1997 und 1998 die in der Literatur beschriebenen geologischen Schichten gesucht, die die Knochen enthalten sollten.
Nach mehrtätigen Fahrten in teils unwegsamen Gelände wurden rötliche Tonschichten festgestellt, die hierfür in Frage kamen. Nun galt es, direkte Hinweise auf die Fundpunkte in Form von Knochsplittern oder Zähnen zu finden. Dies gelang und nach Fixierung der genauen geographischen Koordinaten konnten gezielte Ausgrabungen beginnen. Insgesamt wurden über 70 kg Knochenmaterial geborgen und als Leihgabe der Kirgisischen Akademie der Wissenschaften nach Halle transportiert und dort präpariert. Besondere Bedeutung haben hierunter relativ vollständige Hand- und Fußskelette von Unpaarhufern, die Einblick in die Entwicklungs-höhe dieser Säugetierordnung geben und Vergleiche zu den Fossilien des Geiseltales erlauben. Eine Auswahl dieser Funde wird in der Sonderausstellung präsentiert und durch Anschauungstafeln sowie ein Kurzvideo erläutert.

Ausschnitte der Exposition sind unter Geiseltalmuseum im Internet unter http://www.geologie.uni-halle.de/gm/ta/ta.html zu finden.

Ansprechpartner:
Dr. Jörg Erfurt
Tel.: (0345) 55 261 18
Fax: (0345) 55 272 15
E-Mail: erfurt@geologie.uni-halle.de


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