Disputation am Reformationstag

Wittenberger Thesen zur Hochschulreform

Zum Auftakt der 500-Jahr-Feier der Universität Halle-Wittenberg diskutiert am 31. Oktober 2001, 15:00 Uhr, im Auditorium Maximum der Stiftung LEUCOREA, Collegienstraße 62, in der Lutherstadt Wittenberg, der Akademische Senat der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit Detlef Müller-Böling, Direktor des Bielefelder Centrums für Hochschulentwicklung, und Volker Bigl, Rektor der Universität Leipzig, über 12 Thesen zur Hochschulreform. Der Verfasser der Thesen, Reinhard Kreckel, von 1996 - 2000 Rektor der Martin-Luther-Universität und heute Direktor des Instituts für Hochschulforschung in Wittenberg, ist in der hochschulpolitischen Diskussion als Befürworter der klassischen Volluniversität bekannt. In Kreckels Wittenberger Thesen geht es darum, das klassische Universitäts-modell zu erhalten und gleichzeitig die Reform der Hochschulen voranzubringen.

Mit der Wittenberger Disputation, die bewusst an traditionelle Formen des akademischen Meinungsstreites anknüpft, soll mehr Sachlichkeit und Augenmaß in die hektische Hochschulreformdebatte hineingetragen werden, die zur Zeit in Deutschland stattfindet. An Stelle aktueller Reformvorschläge, wie etwa "Juniorprofessur", "Gebühren für Langzeitstudierende", "Bachelor- und Masterstudiengänge", "Kennziffersystem für die Hochschulfinanzierung" u.a., die eher am Symptom zu kurieren versuchen, sollen in der Disputation einige grundlegende Strukturfragen der deutschen Hochschulen angesprochen werden.
Dabei wird davon ausgegangen, dass für die Hochschulen in Deutschland ein unabweichbarer Reformbedarf gegeben ist, und zwar vor allem wegen drei allgemeiner Entwicklungen, die nicht mehr umzukehren sind:

1. die Vervielfachung der Studierendenzahlen in den letzten Jahrzehnten,
2. die andauernde Unterfinanzierung der Hochschulen,
3. die beginnende Internationalisierung des Hochschulsystems.

Die 12 Wittenberger Thesen wollen zeigen, wie mit diesen Herausforderungen umzugehen ist und welcher Weg aus der verfahrenen Diskussion um die Zukunftsfähigkeit der Hochschulen führen könnte:
These 1: Durch die Veränderung von strukturellen Rahmenbedingungen werden bewährte Handlungsmuster der Hochschulen problematisch.
These 2:Das deutsche Hochschulsystem hat auf die Expansion der Studierendenzahlen mit der Ausprägung von drei Hochschultypen reagiert: Klassische Volluniversität, moderne Schwerpunktuniversität, Fachhochschule.
These 3:Die klassischen Volluniversitäten sind durch die zahlreichen Hochschulneu-gründungen gegenüber den beiden anderen Hochschultypen in die Minderheit geraten.
These 4: Die Volluniversität ist als Regelhochschule überholt, nicht aber als gültiges Leitbild
für die deutsche Hochschullandschaft.
These 5: Die funktionale Differenzierung zwischen Fachhochschulen und Universitäten ist in den letzten Jahrzehnten
nur unvollkommen vollzogen worden.
These 6: Eine klare funktionale Differenzierung zwischen "praktischen" Fachhochschulen und "theoretischen" Universitäten
ist heute nicht mehr zu verwirklichen.
These 7: Der Übergang von der funktionalen zur vertikalen Differenzierung durch radikale "Verwettbewerblichung" des Hochschulsystems ist eine gefährliche Alternative.
These 8: Universitäten und Fachhochschulen können durch das Angebot von
theorie- und von anwendungsorientierten Bachelor- und Masterstudiengängen
zu einer komplementären Arbeitsteilung mit gegenseitiger Durchlässigkeit kommen.
These 9:Die Gleichheitsfiktion zwischen Universitäten und zwischen Fachhochschulen
trägt auch zur Qualitätssicherung bei.
These 10: Reformbedarf besteht - aber vor revolutionärer Ungeduld wird gewarnt.
These 11: An den drei Hochschultypen "klassische Volluniversität", "moderne Schwerpunktuniversität" und "Fachhochschule" soll festgehalten werden.
These 12: Ohne eine von allen respektierte innere Gliederung
wird das deutsche Hochschulsystem nicht zu einer Reform aus eigener Kraft kommen.

Die 1502 gegründete Universität Wittenberg, der Ort der humanistischen Bildungsreform Philipp Melanchthons, war die deutsche Reformuniversität des frühen 16. Jahrhunderts. Knapp zwei Jahrhunderte später, 1694, wurde unter dem Einfluss des Frühaufklärers Christian Thomasius die Universität Halle gegründet. Sie wurde zur deutschen Reformuniversität des frühen 18. Jahrhunderts. Die heutige Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg trägt somit das Erbe zweier Reformuniversitäten in sich, die bleibende Impulse für die deutsche Universitätsentwicklung gegeben haben. Seit ihren Anfängen gehört es zu ihrer historischen Erfahrung, dass Universitäten sich - angesichts veränderter externer Umstände und interner Erstarrungsten-denzen - immer wieder erneuern müssen und dass sie dazu auch fähig sind. Im 20. Jahrhun-dert hat die Martin-Luther-Universität dann allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass radikale Reformversuche, die alles "auf einmal und gleichzeitig" verändern wollten, vieles Erhaltenswerte gefährdet haben.

Am 18. Oktober 2002 jährt sich zum 500. Mal der Gründungstag der Universität in Wittenberg. Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie die Städte Halle (Saale) und Lutherstadt Wittenberg begehen gemeinsam dieses Jubiläum mit einem Akademischen Festjahr. Das Festjahr beginnt mit der traditionellen Disputation des Akademischen Senats in Wittenberg am Reformationstag, dem 31. Oktober 2001, und endet ein Jahr später, am 31. Oktober 2002.

Den vollständigen Text mit ausführlichen Erläuterungen zu den einzelnen Thesen finden Sie unter: http://www.500jahre.uni-halle.de/aktuelles
und als PDF-Dokument unter:
http://www.soziologie.uni-halle.de/kreckel/docs/disput01.pdf

Kontakt: Prof. Dr. Reinhard Kreckel
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Soziologie
Tel.: (03 45) 5 52 42 50
E-Mail: kreckel@soziologie.uni-halle.de
http://www.soziologie.uni-halle.de/kreckel/


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