Neuer Sonderforschungsbereich für die Universitäten Halle und Jena:

Großvorhaben untersucht die Folgen
des Systemumbruchs in Ostdeutschland

(Halle/Bonn, 01.06.01) Einen gemeinsamen Sonderforschungsbereich (SFB) hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Universitäten Halle und Jena bewilligt. Das Groß-forschungsvorhaben ist perspektivisch auf zehn bis zwölf Jahre angelegt und untersucht die Auswirkungen - insbesondere die Langzeit-folgen - des Gesellschaftswandels in Ostdeutschland nach der politischen Wende 1989/90. Für die erste, dreijährige Bewilligungsphase stellt die DFG insgesamt rund sechs Millionen Mark zur Verfügung. Der SFB 1811, mit dem Titel "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch. Diskontinuität, Tradition und Strukturbildung", umfasst zunächst zehn Teilprojekte, von denen zwei sich noch in einer Nachantragsphase befinden.

"Lange Zeit glaubte man, das westdeutsche Sozialsystem werde nach der politischen Vereinigung der beiden Teilstaaten binnen kürzester Zeit auf Ostdeutschland eins zu eins übertragbar sein und entsprechend funktionieren", erläutert der Jenaer Soziologe Prof. Dr. Rudi Schmidt als Sprecher des neuen SFB. "Das war aber ein verhängnisvoller Irrtum". Vielmehr werde nun offenkundig, dass viele der neuen staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen in Ostdeutschland bei weitem nicht dieselbe Akzeptanz genießen wie im Westen.
Dazu Schmidt weiter: "Besonders deutlich wird das etwa bei den Gewerkschaften, Arbeitgeber-Verbänden oder bei Wohlfahrtseinrichtungen. Die Forscherkollegen in Jena und Halle werden nun in einem umfassenden Ansatz die stattgehabten Transformationsprozesse analysieren, den Ist-Stand bewerten und Prognosen für die Zukunft treffen. Dabei gehen sie davon aus, dass diese Transformationsprozesse sehr lange andauern und es nicht zu einer völlig deckungsgleichen Übernahme des westdeutschen Systems in absehbarer Zeit kommt, sondern dass es vermutlich in manchen Bereichen einen 'Dritten Weg' geben wird".

Soziologen, Politikwissenschaftler, Ökonomen, Juristen und Historiker arbeiten bei diesem grundlegenden Forschungsansatz in drei Schwerpunkten interdisziplinär zusammen: Der erste Projektbereich "Struktur und Handlungsorientierung von Führungsgruppen" befasst sich mit den Funktionseliten in Ostdeutschland, die sich zum großen Teil noch aus dem alten Führungspersonal der ehemaligen DDR rekrutieren. Der zweite Projektbereich ist ganz dem Themenfeld "Beschäftigung und Arbeitsmarkt" gewidmet. Schmidt: "Wir müssen nicht das alte Schlagwort von den 'blühenden Landschaften' bemühen, um zu erkennen, dass die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen längst nicht die erhoffte Wirkung erzielt haben". Vielmehr klaffe inzwischen die Ost-West-Schere wieder weiter auseinander als noch zu Ende der 90er Jahre. Im dritten Projektbereich geht es um "Akteure und Institutionen im sozialen Sektor", womit zum Beispiel das Gesundheitswesen, das Umfeld von Familie und Erziehung, aber auch die politische Kultur und das bürgerschaftliche Engagement gemeint sind.

Wesentlich für die Vergabe des neuen Sonderforschungsbereichs nach Jena war die erfolgreiche Arbeit einer Wissenschaftler-Gruppe um Prof. Rudi Schmidt und Prof. Burkart Lutz (Halle) für die "Kommission zur Erforschung des sozialen und politischen Wandels in den Neuen Bundesländern" (KPSW) von 1992-96. "Wir haben aber bereits damals festgestellt, dass damit der wissenschaftliche Erkenntnisbedarf bei weitem noch nicht gedeckt ist, sondern dass wir die gesellschaftlichen Umbrüche weiter begleiten müssen", erläutert Schmidt. "Umso mehr freue ich mich, dass die DFG unsere Auffassung teilt und uns mit dieser voluminösen Projektbewilligung die Möglichkeit dafür schafft". Für die beiden Universitäten bedeutet der "warme Regen" aus Bonn einen erheblichen Renommee-Gewinn und eine spürbare Erweiterung des Personalbestands aus Drittmitteln.

(1. Juni 2001)

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Rudi Schmidt
Friedrich-Schiller-Universität Jena (derzeit als Gastwissenschaftler an der Universität Lyon)
Tel.: 0033 47 2001950
Fax: 0033 47 2001999
E-Mail: rudi.k.schmidt@t-online.de

Prof. Dr. Ursula Rabe-Kleberg
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Fachbereich Erziehungswissenschaften
Institut für Pädagogik
06099 Halle/Saale
Tel. 0345-5523830
Fax: 0345-5527064
E-Mail: rabe-kleberg@paedagogik.uni-halle.de


  Zurück zum Index