Gab es Steuersünder in der Antike?

Studierende entschlüsseln antike Papyri

Nicht nur literarische Schriftstücke sind eine ergiebige Quelle, aus der Wissen über das Leben in der Antike, über die gesellschaftlichen Verhältnisse, Gesetze und ähnliches geschöpft werden kann. Auch ganz „alltägliche" Dokumente bieten hierfür reichlichen Stoff.
PD Dr. Bukhard Meißner, Oberassistent am Fachbereich Kunst-, Orient- und Altertumswissenschaften – Institut für Klassische Altertumswissenschaften – der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg arbeitet seit zwei Jahren gemeinsam mit einer Gruppe Studierende an der Entschlüsselung alter Papyri, und zwar unter Zuhilfenahme modernster technischer Verfahren. Inzwischen liegen interessante Ergebnisse vor, die einen Blick in das Alltagsleben der Antike ermöglichen.

Der Gegenstand
Die Papyri sind die einzige Textart der Antike, die regelmäßig neues Material für die Forschung liefert. Das Besondere: Anders als die Stein- und Bronzeinschriften, wurden sie nicht immer bewusst für die Nachwelt geschrieben, sondern es sind Dokumente des Alltags wie Rechnungen, Steuerlisten, aber auch private Briefe. Diese blieben erhalten, weil sich der Beschreibstoff, den man aus den Blättern der Papyrusstaude gewann, im trockenen Sand Ägyptens erhalten konnte. Zum Besitz der Martin-Luther-Universität gehört eine der wichtigsten Zusammenstellungen von Gesetzen, Verordnungen und Präzedenzfall-Entscheidungen aus der hellenistischen Zeit. Außerdem befinden sich in der Sammlung noch wertvolle griechische, ägyptische und koptische Papyri – ungehobene Schätze, die für die Nachwelt erschlossen werden müssen.

Das Ziel
Erreicht werden soll die Wiederherstellung der Papyrustexte und ihre Zuordnung zu bestimmten Sorten: Rechnung, Quittung, Arbeitsvertrag, Ausbildung, Steuerliste etc. Danach werden die im Dokument angesprochenen Vorgänge rekonstruiert. Auf diese Weise konnte beispielsweise der Inhalt eines auf Papyrus geschriebenen Briefes, der von einem Steuereintreiber im 4. Jh. nach Christi Geburt verfasst wurde, inhaltlich erschlossen werden.

Das Verfahren
Antike Tinten enthalten Ruß in einem leimartigen Bindemittel. Sie bleichen zwar kaum aus, doch im Laufe der Zeit verringert sich der Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund. Seine Erhöhung ist notwendig, um das Schriftstück besser lesen zu können. Kontrastveränderungen sind bei einem digitalen Bild leichter zu bewerkstelligen als bei fotografischen Aufnahmen. In Halle wird dabei ein anderes Verfahren angewandt als bisher üblich. Der schwarz-weiße Scann wird dabei in drei Kanäle geteilt (rot, grün blau). Der rote Kanal invertiert, d. h. dunkle Partien erscheinen daher rot. Der blaue Kanal bleibt unverändert. Der grüne Kanal enthält ein Maximum im mittleren Grauwertbereich. Der Punkt dieses Maximums kann verschoben und dadurch an die Grundhelligkeit der einzelnen Partien des Papyrus' angepasst werden. Dieses Verfahren macht es möglich, dass sich die Schrift deutlich in Rot vom blauen Hintergrund abhebt.

Die Rekonstruktion
Wie in heutigen Amtsschreiben auch, wurden in der Antike immer wieder ähnliche Wendungen benutzt, die man bei Vergleichen der Texte miteinander erkennen kann. Dafür liegt an der Duke University für die Hauptmasse der griechischen Papyri einen Textdatenbank vor, die weltweit genutzt werden kann. Allerdings fehlen dafür spezielle Rechercheprogramme. Deshalb wurde am Institut für Klassische Altertumswissenschaften der Martin-Luther-Universität zunächst Software entwickelt, die inzwischen von vielen anderen Instituten des In- und Auslandes eingesetzt wird. Sie verfügt über eine komplizierte aber flexible Abfragesprache für die Suche nach vergleichbaren Texterzeugnissen und erlaubt darüber hinaus die graphische Darstellung ungewöhnlicher Zeichen.
Der besondere Reiz der Arbeit an der Papyrussammlung besteht für die Studierenden vor allem darin, dass sie bei der Entschlüsselung der griechischen Papyri an originärem Material lernen können – also „mitten drin" sind im alltäglichen Leben der Antike – und dass sie dabei aktiv in die Forschung einbezogen werden.
Inzwischen liegen erste bemerkenswerte Ergebnisse vor: Noch in diesem Jahr erscheint im Archiv für Papyrusforschung eine Publikation mit dem Titel „Brief über Steuereintreibung (P. Berol. 11818)".

Dr. Monika Lindner / PD Dr. Burkhard Meißner, 4. August 2000

Ansprechpartner:
PD Dr. Burkhard Meißner
Institut für Klassische Altertumswissenschaften
Fachbereich Kunst-, Orient- und Altertumswissenschaften
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Tel.: 0345/552 4021
Fax: 0345/552 7069
E-Mail: meissner@altertum.uni-halle.de


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