Bienen an der Universität?

Seit 136 Jahren Lehrbienenstand für Ausbildung und Forschung

Wenn sich Studierende der Landwirtschaftlichen Fakultät mit der Bienenkunde und der Blütenbestäubung landwirtschaftlicher Nutzpflanzen beschäftigen, so geschieht dies nicht nur theoretisch in Vorlesungen oder Seminaren. Sie können sich vielmehr in der Universität selbst praktisches Wissen über die Honigbienen aneignen. In Lettin, auf dem Gelände der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt (Lufa) des Landes Sachsen-Anhalt steht zu diesem Zweck der Lehrbienenstand der Landwirtschaftlichen Fakultät. Er ist eine ihrer ältesten Institutionen. Bereits im Jahre 1864 wurde er in Zusammenarbeit mit dem „Verein der halleschen Bienenväter" eingerichtet. Er sollte sowohl der Ausbildung der Studenten als auch der Weiterbildung der Imker dienen. Einer der Präsidenten des halleschen Imkervereins war Julius Kühn, der 1862 den ersten landwirtschaftlichen Lehrstuhl an der Universität leitete. 1889 wurde dieser gemeinsam betriebene Bienenstand dann der Universität übergeben und stetig ausgebaut.

Nach der Gründung der Landwirtschaftlichen Fakultät 1947 entstand in der Folgezeit auf dem Gelände der Domäne Lettin, das zum Institut für Kleintierzucht gehörte, ein sehr komfortabler Lehrbienenstand. 1953 wurde ein neues Bienenhaus nach modernsten Erkenntnissen errichtet. In den zwei Seitenflügeln waren die Bienenvölker, Wabenschränke und Zubehör untergebracht. In der Mitte befand sich der Schleuderraum. Hinzu kamen ein Wirtschaftsgebäude, ein Schauraum, der Garten mit Gehölzen und Bienenweidepflanzen sowie eine Wetterstation. Damals lebten zeitweise bis zu 80 Bienenvölker in der Anlage. Doch sie wurde schließlich das Opfer der dritten Hochschulreform, die der halleschen Landwirtschaftlichen Fakultät eine Spezialisierung auf die Pflanzenproduktion „verordnete". Das führte zur Schließung und zum teilweisen Abriss des Lehrbienenstandes Anfang der 70er Jahre. Der Garten verschwand bei der Umgestaltung des Geländes ebenfalls.

Im Herbst 1993 wurde der Lehrbienenstand zu neuem Leben erweckt und konnte im Juni 1994 wiedereröffnet werden. Seitdem geht es mit ihm stetig „bergauf". Inzwischen können wieder zehn bis fünfzehn Bienenvölkergehalten werden – sowohl in den amerikanischen Magazinbeuten (Beuten nennt man die einzelnen „Bienenwohnungen") als auch in den für die traditionelle deutsche Bienenzucht typischen Hinterbehandlungsbeuten. Neben seiner Nutzung für die Lehre – hier vor allem für StudentInnen der Landwirtschaft und der Biologie – steht der Bienenstand auch allen Interessierten aus anderen Fachbereichen und Fakultäten offen. Aber nicht nur dem Nutzen der Tiere als „Honigproduzenten" oder für die Bestäubung blühender Pflanzen gilt die Aufmerksamkeit. Da sich Bienen leicht beobachten lassen, kann man beispielsweise gut ihr interessantes Sozialverhalten untersuchen.

Zukünftig soll der Lehrbienenstand noch mehr für die Forschung genutzt werden. Angedacht sind Themen wie „die Biene als Umweltindikator im ehemals ökologischen Krisengebiet um Halle", „Nutzung von Trachtmöglichkeiten auf Stillegungsflächen" und nicht zuletzt neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Imkern und Landwirten unter den nach der Wende entstandenen Strukturen in der Landwirtschaft. Geplant ist auch die Einbeziehung des Bienenstandes in die Weiterbildung von Imkern. Das ist wichtig, weil deren Zahl in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen ist – ein großes Problem für die Bestäubung der blühenden Pflanzen.

Dr. Axel Dietzsch / Dr. Monika Lindner (20.07.2000)

Ansprechpartner:
Dr. Axel Dietzsch
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Landwirtschaftliche Fakultät
Institut für Agrarökonomie und Agrarraumgestaltung
Tel.: 0345/55 22392
Fax: 0345/55 27111
E-Mail: dietzsch@landw.uni-halle.de


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