DIE WELTKONFERENZ ARMENIEN 2000
2. bis 10. September 2000 in Halle an der Saale

"Zeugnis für die Zukunft Herausforderung der Moderne"

Im nächsten Jahr begeht die Armenische Apostolische Kirche das 1700-jährige Jubiläum der ersten offiziellen Proklamation einer christlichen Volkskirche in der Geschichte. 301 n. Chr. zwölf Jahre vor dem Ende der römischen Christenverfolgungen erhob König Trdat III. im Lande Hajastan (die armenische Bezeichnung für Armenien) die Armenische Apostolische Kirche zur Religion in seinem Königreich. Damit ist sie die älteste christliche Kirche der Welt, die bestimmend für die eigenständige armenische Kultur als unverwechselbarer Teil der Menschheitskultur geworden ist. Aus diesem Anlass findet im September 2000 unter dem Motto "Zeugnis für die Zukunft Herausforderung der Moderne" die Weltkonferenz Armenien 2000 eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Veranstaltungen dieses Jahres an der Martin-Luther-Universität in Halle statt.

Seit der weltpolitischen Wende von 1989, insbesondere seit der 1991 erlangten Unabhängigkeit der Republik Armenien, haben sich die deutsch-armenischen Kontakte auf den Gebieten der Kultur und Kunst, der Wirtschaft und Wissenschaft äußerst positiv entwickelt und damit an vielfältige alte Traditionen, die bis zum ersten Weltkrieg lebendig und in besonderem Maße auch mit Halle und seiner Universität verbunden waren, angeknüpft. Deshalb wurde das Kultusministerium von Sachsen-Anhalt von der Ständigen Kultusministerkonferenz der Länder mit der Koordination der Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Armenien beauftragt. Schon vor Jahren erwuchs daraus das gemeinsame Arbeitsprogramm einer gemischten Kulturkommission beider Länder, das seither die Grundlage für alle diesbezüglichen Aktivitäten bildet.

Auf dem Gebiet der Armenologie kommt der Martin-Luther-Universität auch dadurch eine besondere Bedeutung zu, dass es dem derzeitigen Dekan der Theologische Fakultät, Prof. Dr. Hermann Goltz, bereits 1981 gelang, den Nachlass des evangelischen Theologen Dr. Johannes Lepsius nach Halle zu holen und so seine systematische Erfassung und wissenschaftliche Auswertung zu ermöglichen. Literaturkennern ist Lepsius als (authentische) Gestalt aus Franz Werfels weltberühmtem Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" bekannt. Er ist keine fiktive Romanfigur Werfels, sondern eine reale historische Persönlichkeit, die sich während des Genozids an den Armeniern in der Türkei 1914/15 gegen die offizielle Außenpolitik des Deutschen Kaiserreichs wirksam für das armenische Volk eingesetzt hat. Sein konkretes Engagement für Toleranz und Menschlichkeit ist in seinen nachgelassenen Schriften vielfach belegt. Das Johannes-Lepsius-Archiv wird seit einigen Jahren mit großzügiger finanzieller Hilfe der VW-Stiftung sachthematisch erschlossen. Ein anderes großes Projekt an der Theologischen Fakultät ist, unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Übersetzung und armenisch-deutsche Edition des tausendseitigen armenischen Scharaknótz so heißt das uralte, bis in die Gegenwart benutzte Hymnarium der Armenischen Kirche, das auch die heutige Spiritualität und tiefe Poesie des armenischen Volkes prägt.

Die legendäre Kulturlandschaft zwischen Europa und Vorderasien spielte schon in der Bibel eine wichtige Rolle: Nach der Sintflut ließ sich die Arche Noah "auf den Bergen Ararat" nieder, dem von allen Armeniern verehrten, heiligen Berg, der indes nicht im heutigen kleinen Rest-Armenien, sondern der armenischen Republik gegenüber auf türkischem Staatsgebiet zu finden ist. Heute gibt es weltweit etwa 8 Millionen Armenier, von denen knapp die Hälfte in der Republik Armenien lebt, der Rest weithin verstreut in der Diaspora. Zentren armenischer Kultur, Wissenschaft und Kunst außerhalb des Ursprungsgebietes entstanden im Lauf der Zeit u. a. im Libanon, in Frankreich, in den USA (vor in allem Kalifornien), in Argentinien und Kanada. Sprache, Kultur und Religion bilden das einigende Band für alle Armenier.

Die Fläche der Armenischen Republik umfasst mit rund 30.000 km2 ein Zwölftel Deutschlands und ist etwa anderthalbmal so groß wie Sachsen-Anhalt. In Deutschland leben derzeit rund 30.000 Armenier, ungefähr 150 davon in Sachsen-Anhalt, die meisten in Halle. In den letzten Jahren hatten die Bewohner der Saalestadt schon häufig Gelegenheit, sich mit der Geschichte und Kultur Armeniens vertraut zu machen: Die Staatliche Galerie Moritzburg stellte vor zwei Jahren wunderschöne jahrhundertealte armenische Kirchenschätze aus; im Marktschlösschen war eine beeindruckende Fotodokumentation über die leidvolle Geschichte und das gegenwärtige Leben des armenischen Volkes zu sehen; in der Buchhandlung Jacobi & Müller fanden gut besuchte Buchlesungen zum Thema Armenien statt; jüngst präsentierte die Stadt- und Saalkreissparkasse in der Rathausstraße das mit ihrer Unterstützung erworbene Facsimile des prächtigen Evangeliars von Etschmiadzin. Parallel zur Konferenz wird im Landeskunstmuseum Sachsen-Anhalt in der Moritzburg vom 3. September bis Anfang November die Ausstellung "Der gerettete Schatz der Armenier aus Kilikien" gezeigt.

So stellt Armenien einen interessanten Forschungsgegenstand für Wissenschaftler vieler Disziplinen dar: Armenologen, Theologen, Philologen, Soziologen, Historiker, Politik- und Kunstwissenschaftler werden während der Weltkonferenz Armenien 2000 Gelegenheit haben, interessante und zukunftsweisende Gespräche sowohl untereinander als auch mit Vertretern der armenisch-apostolischem, der evangelischen und der katholischen Kirche, mit deutschen und armenischen Politikern zu führen. Schirmherren der Konferenz sind der Präsident der Republik Armenien, Robért Kocharián, Seine Heiligkeit Garegín II., Katholikos Aller Armenier, sowie Seine Heiligkeit Arám I.. Katholikos des Großen Hauses von Kilikien und Moderator des Weltkirchenrates, von deutscher Seite Bundespräsident Dr. h. c. Johannes Rau.

Die Martin-Luther-Universität darf mit Recht stolz darauf sein, dass die deutsche UNESCO-Kommission die Weltkonferenz Armenien 2000 in die Liste der offiziellen deutschen Beiträge zum Internationalen Jahr für eine Kultur des Friedens aufgenommen hat.

(Dr. Margarete Wein, 21. August 2000)

Nähere Informationen:
Prof. Dr. Hermann Goltz, Tel.: 0345 / 552 30 00, Fax: 0345 / 552 70 89
E-Mail: goltz@theologie.uni-halle.de
Dr. Vazrik Bazil,
Tel.: 03491 / 46 61 41, Fax: 03491 / 46 62 32
E-Mail: mesrop@uni-halle.de
Dr. Margret Hempel, Tel.: 0345 / 552 14 26, Fax: 0345 70 66
E-Mail: hempel@rektorat.uni-halle.de


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