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WISSENSCHAFT VERÄNDERT - IM PRO UND CONTRA
Erste Disputation am 29. Januar 2006: „Hirnforschung und Gedankenfreiheit“
 
Im überfüllten Saal des halleschen Stadthauses - mindestens 250 Personen waren da - wurde die erste Veranstaltung der Reihe zum 1 200-jährigen Stadtjubiläum am letzten Sonntag ein uneingeschränkter Erfolg.

Am Anfang stand eine ausführliche Einführung des sachsen-anhaltischen Kultusministers Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz. Mit Blick auf die Interdisziplinarität zwischen Neurowissenschaften und Philosophie verwies er auf die leistungsstarke Forschungslandschaft Sachsen-Anhalt, insbesondere auf das Exzellenzzentrum Neurowissenschaften (Medizinische Fakultät, Fakultät für Naturwissenschaften) an der Otto von Guericke-Universität Magdeburg. Hinsichtlich des Anliegens dieser exklusiven Veranstaltungsreihe, die auch und gerade die breite Stadtbevölkerung von Halle ansprechen will, schloss er sich ausdrücklich Karl Poppers Forderung an die Wissenschaftler an, entweder „klar und deutlich zu sagen“, was sie bei ihren Forschungen herausgefunden haben oder solange zu schweigen, bis sie es klar und deutlich zu sagen imstande sind ...
Das Thema des Nachmittags habe, so der Minister, auch etwas mit der Kategorie der Moralität zu tun, indem es sowohl das wollende als auch das erkennende Subjekt berühre: „Wollen wir, was wir tun - oder tun wir, was wir wollen?“

Anschließend betonte Prof. Dr. Josef Lukas, der Moderator der Disputation, es gehe um eines der wichtigsten Themen überhaupt: das Bild von uns selbst - einerseits das je individuelle, andererseits das von der Wissenschaft vermittelte - und schlug damit den Bogen zum Motto der Veranstaltungsreihe. Denn Wissenschaft, bekräftigte er, verändere gleichermaßen unser Weltbild und das Bild von uns selbst!
Die beiden Disputanten apostrophierte Lukas als „zwei der profiliertesten Protagonisten“ auf den zur Diskussion stehenden Forschungsfeldern und nannte als ihre jüngsten Publikationen:
    --- Wolf Singer (2005): Das Gehirn - ein Orchester ohne Dirigent
    --- Thomas Metzinger (2004): Being No One The Self-Model Theory
    of Subjectivity

    --- Elger, C. E., A. D. Friederici, C. Koch, H. Luhmann, C. von der Malsburg,
    R. Menzel, H. Monyer, F. Rösler, G. Roth, H. Scheich and W. Singer (2004): Das Manifest. Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. Gehirn & Geist 6, 30-37
Dann endlich hatten die Professoren Singer und Metzinger selber das Wort und gaben ihre Statements ab:

Für Wolf Singer (Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main) ist zunächst der Expertenkonsenz: „Anders-können gibt es nicht!“ wichtig. Darüber hinaus stellte er die Fragen nach der Definition „freier Entscheidungen“ und nach der Existenz einer zentralen ordnenden Instanz im Gehirn in den Raum und gab zu bedenken, dass Freiheit immer graduell sei - denn alle Regeln kommen von außen!

Thomas Metzinger (Institut für Philosophie der Johann-Gutenberg-Universität Mainz) antwortete mit sieben Thesen zur Debatte der Willensfreiheit. Deren wichtigste Aspekte waren das Verständnis von Willensfreiheit als „auch eine soziale Institution“, der eklatante Widerspruch zwischen wissenschaftlicher Redlichkeit und eigener geistiger Gesundheit, die von ihm so genannte „Willensfreiheits-Illusion“, die Aussage, Hirnforschung depersonalisiere uns - und schließlich die Vermutung, die Hirnforscher ahnten noch gar nicht, was ihre Forschung nach sich ziehen werde ...

In der anschließenden Disputation erklärten beide, von Vertretern des jeweils anderen Fachgebiets - allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz - viel gelernt zu haben. Einig waren sie sich aber wohl in der Einschätzung, die gesellschaftliche Entwicklung von den Anfängen bis heute wäre ohne die Vorstellungen von individueller Willensfreiheit und von Gott und ohne die Annahme der Kategorie der Verantwortlichkeit ganz anders verlaufen als es tatsächlich der Fall war und ist.

Die aktuelle Diskussion bzw. ihre Ergebnisse werde vor allem für die forensische Medizin von Bedeutung sein - Knast oder Klinik, das ist die Frage, die von der Antwort auf das Problem des „Nicht-anders-könnens“ abhängt.

Dass in diesem Kontext der Neurobiologe von „Ehrfurcht“ (vor der Natur), „Würde“ und „Seele“ sprach, stufte der Philosoph als „historisches Ereignis“ ein!

Für Laien unerwartet und befremdlich war der Gedanke: Wenn selbstbestimmtes Tun als nicht oder nur schwer möglich erkannt werden sollte, gelte dies nicht nur für Verbrecher wie Jack the Ripper als erklärendes Moment, sondern für professionelle „Gutmenschen“ wie Mutter Theresa ebenso ...

Dabei werde, resümierte der Moderator, die öffentliche Meinung auch von Modeerscheinungen in den Wissenschaften bestimmt: Beispielsweise stellten sich die 68-er noch Kinder als Tabula rasa vor, die man nahezu beliebig prägen kann; vor fünf Jahren hingegen dachten viele, durch die Gene sei einfach alles vorherbestimmt - jetzt aber schwingt das Pendel langsam wieder der Mitte zu ...

Am Ende standen die wechselseitige Erkenntnis „Wir haben uns überhaupt nicht geeinigt!“ und ein so lange anhaltender Beifall, wie man ihn bei öffentlichen Diskussionen wissenschaftlicher Themen nur ganz selten erlebt.

Nähere Informationen:
Prof. Dr. Josef Lukas
Telefon: 0345 55-24350
E-Mail: josef.lukas@psych.uni-halle.de
 
  Dr. Margarete Wein, 01.02.2006
 
     
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