In allen Lebensphasen unterhalten Menschen vielfältige
Beziehungsgefüge. Diese Strukturen spiegeln wider, wie
Individuen das eigene Leben mit seinen verschiedenen Herausforderungen
und oftmals komplexen Aufgaben gestalten und meistern. Ausgehend
von zwei Lebensbereichen, der Familie und dem Beruf, analysiert
Prof. Dr. Frieder Lang vom Institut für Psychologie mit
einem Team die Wechselwirkungen dieser beiden Komplexe unter
dem Aspekt gesellschaftlichen Wandels.

Prof. Dr. Frieder Lang, Foto: Paolo Schubert
"Beruf und Familie haben sich schon immer gegenseitig
beeinflusst", erklärt Lang. Doch könne man
seit einigen Jahren beobachten, dass sich die Zusammenhänge
zwischen ihnen stark verändern. Heutzutage gewichte
man anders als noch vor 20 oder 30 Jahren. Zwar seien Menschen
im Beruf oft erfolgreicher, wenn sie eine intakte Familie
hinter sich wissen, doch habe der Beruf für viele Menschen
mittlerweile einen höheren Stellenwert, so dass sich
vor allem junge Menschen häufig für einen Job
und gegen Kinder entscheiden.
Gerade in Politik und Gesellschaft sind aufgrund der demographischen
Entwicklung Deutschlands viele Diskussionen zur Vereinbarkeit
von Familie und Beruf und der Finanzierbarkeit von Kindern
zu finden. "Sicherlich sind deren Erkenntnisse nicht
falsch. Natürlich hat die Entwicklung etwas mit dem
Faktor Geld zu tun und viel mit der Sicherung der Überlebens."
Aber aufgrund dieser eher allgemeinen Thesen lasse sich
keine allumfassenden Aussage treffen. "Wir forschen
nach Erkenntnissen, die über diese Hypothesen hinaus
gehen", meint Lang.
Fragenkatalog an 2 500 Haushalte verschickt
Dazu verschickte das Team einen neu entwickelten Fragenkatalog
an 2 500 hallesche Haushalte, in denen junge Menschen leben.
Von 25 Prozent der angefragten Personen hat das Team eine
Rückmeldung erhalten. "Die Fragen beziehen sich
in erster Linie auf das soziale Umfeld, auf Vertraute, Freunde,
Eltern. Teilweise haben wir die Verwandten oder Freunde
der Probanten direkt befragt", erläutert der Psychologe.
Man wolle analysieren, ob Probanten, die Angaben zu anderen
Personen gemacht haben, auch in deren Netzwerken zu finden
sind. Die gesellschaftlichen Hintergründe seien für
eine Analyse sehr wichtig. "Heutzutage verzichtet ein
Teil der jungen Frauen auf eine Schwangerschaft, weil sie
keinen Rückhalt in ihren Familien finden." Dazu
müsse man die soziale Einbettung und die Größe
des Netzwerkes untersuchen. "Wir vermuten auch, dass
die Größe eines Netzwerks Auswirkungen auf die
Umsetzbarkeit von Lebenszielen hat." Außerdem
sei anzunehmen, dass sich berufliche und familiäre
Netzwerke zunehmend überlappen, so dass ein strikt
getrennter Übergang zwischen beiden Bereichen kaum
noch wahrnehmbar ist.
Vergleichsstudie in Bielefeld
Weiterhin soll eine andere Behauptung bestätigt werden.
"Wer bei der Arbeit Stress und Ärger hat, belastet
damit seine Familie", stellt Lang in den Raum. Hierbei
handle es sich um sogenannte Spill-over-Effekte. Diese könnten
sich nachhaltig auf das Wohlbefinden und den Zusammenhalt
zwischen den Familienmitgliedern auswirken.
Gleiche Erhebungen wurden parallel in Bielefeld durch Prof.
Dr. Martin Diewald vom Institut für Soziologie der
ansässigen Universität erhoben. "Wir brauchen
Vergleichsdaten und Bielefeld bot sich für uns an,
da in dieser Stadt ein ähnlicher Strukturwandel zu
beobachten ist, wie in Halle."
Die Erhebungen werden in den kommenden Wochen ausgewertet.
Erhält das Team daraus verwertbare Ergebnisse, wird
es in zwei bis drei Jahren eine deutschlandweite Längsschnittstudie
geben, an denen sich bis zu 10 000 Familien beteiligen sollen.
Hier könne dann mit einheitlichen Erhebungsmethoden
ein weitaus repräsentativeres Ergebnis erzielt werden.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Frieder R. Lang
Dipl.-Psych. Verena Wendt
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Psychologie
Brandbergweg 23c, 06120 Halle (Saale)
Telefon: 0345 55-24376
E-Mail: v.wendt@psych.uni-halle.de
(Paolo Schubert, 16. Mai 2006)