Anlass war die Grablegung für Dorothea Maria von Sachsen-Weimar,
der Schwester Ludwigs von Anhalt-Köthen, am 24. August
1617. Der Bruder, nebst weiteren Angehörigen des mitteldeutschen
Hochadels, erwiesen ihr die letzte Ehre und nutzten die Gelegenheit,
sich auf Schloss Hornstein, dem heutigen Stadtschloss von
Weimar, über die unseligen Zeiten auszutauschen. Nein,
von bereitzustellenden Heeren und möglichen Schlachten
war nicht die Rede, vielmehr sei man geneigt, "bei dem
bluttriefenden Kriegsjammer unsre edle Muttersprache, welche
durch fremdes Wortgepränge wässerig und versalzen
worden, hinwieder in ihre uralte gewöhnliche und angeborne
deutsche Reinigkeit, Zierde und Aufnahme einzuführen,
einträchtig fortzusetzen und von dem fremd drückenden
Sprachenjoch zu befreien". Das waren ungewohnte Töne
kurz vor Ausbruch des verheerenden Dreißigjährigen
Krieges.
Der Weimarer Hofmarschall Kaspar von Teutleben schlug vor,
eine Gesellschaft zu gründen, die sich der Pflege der
deutschen Sprache und Literatur widmen sollte. Bereitwillig
übernahm er auch deren Vorsitz, überließ
diesen jedoch bald dem Köthener Ludwig. Sie nannte
sich die Fruchtbringende Gesellschaft, später
auch Palmenorden, und fand zunächst ihren Sitz am Hof
Ludwigs in Köthen. Ihr Signum war die Kokospalme, ihr
Motto lautete: "Alles Zu Nutzen". Im Kurtzen Bericht
von 1622 wird von jedem Mitglied gefordert, dass es sich
"erbar/ nütz- und ergetzlich bezeigen/ und also
handeln solle", dass es "bey Zusammenkünfften
gütig/ frölig/ lustig und erträglich in worten
und wercken" wirken möge, "keiner dem andern
ein ergetzlich wort für übel auffzunehmen"
und sich "aller groben verdrießlichen reden"
zu enthalten habe. Offen war die Gesellschaft für Mitglieder
aus dem Adel. Sie mussten sich dabei freilich einer Grundbedingung
der Vereinigung unterwerfen, dem Verzicht auf äußere
Ränge und Würden im geselligen Verkehr der Mitglieder
untereinander. Die Aufnahme erfolgte zumeist am Hof des
jeweiligen Vorsitzenden. Hier erhielt das Mitglied eine
sogenannte Gesellschaftsimprese, die sich in drei Teile
gliederte: einer Pflanze, einem Beiwort, das eine Besonderheit
der Pflanze aufgreift und einem Namen, der sich auf die
Pflanze bezieht. Beigefügte Verse sollten die Imprese
erläutern. In sehr beschränktem Maße wurde
die Mitgliedschaft auch bürgerlichen Schriftstellern
und Gelehrten ermöglicht. Um 1650 machten diese sechs
Prozent aus. Insgesamt sind 890 Mitglieder der Gesellschaft
nachweisbar.
Mittlerweile besteht in der Forschung Einigkeit darin,
dass diese Vereinigung nicht lediglich als eine Sprachgesellschaft
anzusehen ist, sondern durchaus umfassendere kulturpolitische
Ambitionen verfolgte. Das weisen auch die Publikationen
aus, die mittlerweile von Mitarbeitern des Forschungs- und
Editionsprojekts "Die deutsche Akademie des 17. Jahrhunderts:
Fruchtbringende Gesellschaft" vorgelegt worden sind.
Institutionell wird das Projekt von der Sächsischen
Akademie der Wissenschaften und der Herzog August Bibliothek
Wolfenbüttel betreut. Als Projektleiter wirkt Claus
Conermann, zum Forscherteam gehören weiterhin Gabriele
Ball, Andreas Herz und Dieter Merzbacher. Gegliedert
ist das Projekt in zwei Reihen, deren erste Briefe, Beilagen
und Akademiearbeiten mitteilt, während die zweite Dokumente
und Darstellungen zur Verfügung stellt. Die Reihen
selbst sind in drei Abteilungen gefächert, die sinnvollerweise
die Amtsperioden der drei Vorsitzenden widerspiegeln, also
die von Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen (der Nährende),
der ihr von 1617 bis 1650 vorstand, die von Herzog Wilhelm
IVON von Sachsen-Weimar (der Schmackhafte), der von 1651
bis 1662 die Gesellschaft von Weimar aus leitete und schließlich
Herzog August von Sachsen-Weißenfels (der Wohlgerathene),
der von Halle aus (1662/67 bis 1680) die fruchtbringende
Arbeit beförderte. Sieben dickleibige und wohlkommentierte
Bände liegen bereits vor.
Präsentation des jüngsten Editionsbandes
Am vergangenen Freitag (8. September 2006) nun wurde der
achte in der Köthener Schlosskapelle bei einem Themennachmittag
der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. Es handelt
sich um den vierten Band der Reihe I (Köthen 1637-1638),
der von Gabriele Ball und Andreas Herz gewissenhaft ediert
wurde. C. Conermann stellte Ludwig als einen von der Florenzer
Renaissance geprägten Fürsten vor, dessen Interesse
am "heilsamen Garten- und Landbau" sich gleichermaßen
auch auf den Bereich der Sprachpflege erstreckte. Dem wohlgeordneten
Landbau müsse eine "Kultur der Sprache" an
die Seite gestellt werden. A. Herz rückte die Friedensbemühungen
der ,Fruchtbringer', die ja unterschiedlichen Parteiungen
angehörten, in den Mittelpunkt seiner Ausführungen
und verwies dabei auf den kurbayerischen General Graf Joachim
Christian von Wahl (der Anhenkende), der um Verständigung
zwischen den streitenden Parteien bemüht war. Gabriele
Ball schließlich hob die Spracharbeit der Mitglieder
heraus und betonte, dass diese, fernab von sprachpuristischen
Intentionen, vornehmlich als "Kultivierungsmedium"
verstanden werden sollte. In diesem Zusammenhang spielten
auch Übersetzungen ausländischer Dichtungen eine
große Rolle. Der Dichter Diederich von d. Werder (der
Vielgekörnte) wirkte als Tasso- und Ariost-Übersetzer,
selbst der Don Quijote erfuhr eine, leider verlorengegangene,
Übersetzung ins Deutsche. Zusammen mit dem Fürsten
diskutierte er minutiös die von Martin Opitz (der Gekrönte)
vorgelegten Psalmen Davids im Brief und gelangte so zu neuen
Maßstäben für moderne Dichtung.
Auch
der hallesche Gymnasialrektor Christian Gueintz spielt in
den Dokumenten der Jahre 1637/38 eine gewichtige Rolle.
Er konnte in dieser Zeit das Manuskript seiner Deutschen
Sprachlehre als Entwurf abschließen. Fürst Ludwig
hatte diese in Auftrag gegeben und ließ nun das Manuskript
unter den ,Fruchtbringern' kursieren. Sie erschien schließlich
1641 in Köthen im Druck, Gueintz fand im gleichen Jahr
unter dem Namen "der Ordnende" Aufnahme
in die Gesellschaft.
Bild links:
Porträt von Christian Gueintz (1592-1650) ab 1627
Rektor des halleschen Gymnasiums; bedeutender Sprachforscher
des 17. Jahrhunderts
Ein Beispiel soll verdeutlichen, dass die ,Fruchtbringer'
nicht lediglich sprachlichen Erwägungen ihre Feder
liehen, sondern diese in vielerlei Hinsicht zu verwenden
suchten. Landgraf Hermann IVON von Hessen-Rotenburg (der
Fütternde) publizierte 1637 eine Teutsche ASTROLOGIA,
in deren Vorwort er den Nutzen der astrologischen Meteorologie
hervorhebt. Man könne mit ihrer Hilfe "die Weise/
wie sonderlich das tägliche Gewitter" zustandekommt,
voraussagen und so möglichem Schaden vorbeugen.
Wesentliche Quellen für die Publikationen des Projekts
sind in dem Köthener Gesellschaftsbuch, dem ,Erzschrein',
versammelt. Die Nachlässigkeit im Umgang mit derlei
unersetzlichen Materialien, wie sie der Brand der Weimarer
Anna Amalia Bibliothek so nachhaltig vor Augen geführt
hat, fordert geradezu nach Möglichkeiten der digitalen
Bewahrung solcher Schätze. Erste Ergebnisse stellten
die Projektmitarbeiter in Köthen vor. Freilich kann
dies nicht lediglich den kleinen Institutionen überlassen
bleiben, so betonte Inge Streuber, die Direktorin des Historischen
Museums für Mittelanhalt Köthen, das den Schrein
aufbewahrt, in ihrem Grußwort. Hier ist das Land Sachsen-Anhalt
mit einem deutlichen Bekenntnis zu seinen Kulturschätzen
gefordert - gepaart mit entsprechenden finanziellen Mitteln.
Nähere Informationen:
Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig
(Internet: http://saw-leipzig.de)
Arbeitsstelle "Fruchtbringende Gesellschaft"
Dr. Gabriele Ball / Dr. Andreas Herz
c/o Herzog August Bibliothek
Postfach 1364
38299 Wolfenbüttel
Telefon: 05331 808-285, Fax 05331 808-277
E-Mail: ball@hab.de /
herz@hab.de
(Prof. Dr. Hans-Joachim Kertscher , 11.09.2006)