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DIE FRUCHTBRINGENDE GESELLSCHAFT UND KÖTHEN
Universelles Kulturprogramm in kriegerischen Zeiten
  11.09.2006
 
Anlass war die Grablegung für Dorothea Maria von Sachsen-Weimar, der Schwester Ludwigs von Anhalt-Köthen, am 24. August 1617. Der Bruder, nebst weiteren Angehörigen des mitteldeutschen Hochadels, erwiesen ihr die letzte Ehre und nutzten die Gelegenheit, sich auf Schloss Hornstein, dem heutigen Stadtschloss von Weimar, über die unseligen Zeiten auszutauschen. Nein, von bereitzustellenden Heeren und möglichen Schlachten war nicht die Rede, vielmehr sei man geneigt, "bei dem bluttriefenden Kriegsjammer unsre edle Muttersprache, welche durch fremdes Wortgepränge wässerig und versalzen worden, hinwieder in ihre uralte gewöhnliche und angeborne deutsche Reinigkeit, Zierde und Aufnahme einzuführen, einträchtig fortzusetzen und von dem fremd drückenden Sprachenjoch zu befreien". Das waren ungewohnte Töne kurz vor Ausbruch des verheerenden Dreißigjährigen Krieges.

Der Weimarer Hofmarschall Kaspar von Teutleben schlug vor, eine Gesellschaft zu gründen, die sich der Pflege der deutschen Sprache und Literatur widmen sollte. Bereitwillig übernahm er auch deren Vorsitz, überließ diesen jedoch bald dem Köthener Ludwig. Sie nannte sich die Fruchtbringende Gesellschaft, später auch Palmenorden, und fand zunächst ihren Sitz am Hof Ludwigs in Köthen. Ihr Signum war die Kokospalme, ihr Motto lautete: "Alles Zu Nutzen". Im Kurtzen Bericht von 1622 wird von jedem Mitglied gefordert, dass es sich "erbar/ nütz- und ergetzlich bezeigen/ und also handeln solle", dass es "bey Zusammenkünfften gütig/ frölig/ lustig und erträglich in worten und wercken" wirken möge, "keiner dem andern ein ergetzlich wort für übel auffzunehmen" und sich "aller groben verdrießlichen reden" zu enthalten habe. Offen war die Gesellschaft für Mitglieder aus dem Adel. Sie mussten sich dabei freilich einer Grundbedingung der Vereinigung unterwerfen, dem Verzicht auf äußere Ränge und Würden im geselligen Verkehr der Mitglieder untereinander. Die Aufnahme erfolgte zumeist am Hof des jeweiligen Vorsitzenden. Hier erhielt das Mitglied eine sogenannte Gesellschaftsimprese, die sich in drei Teile gliederte: einer Pflanze, einem Beiwort, das eine Besonderheit der Pflanze aufgreift und einem Namen, der sich auf die Pflanze bezieht. Beigefügte Verse sollten die Imprese erläutern. In sehr beschränktem Maße wurde die Mitgliedschaft auch bürgerlichen Schriftstellern und Gelehrten ermöglicht. Um 1650 machten diese sechs Prozent aus. Insgesamt sind 890 Mitglieder der Gesellschaft nachweisbar.

Mittlerweile besteht in der Forschung Einigkeit darin, dass diese Vereinigung nicht lediglich als eine Sprachgesellschaft anzusehen ist, sondern durchaus umfassendere kulturpolitische Ambitionen verfolgte. Das weisen auch die Publikationen aus, die mittlerweile von Mitarbeitern des Forschungs- und Editionsprojekts "Die deutsche Akademie des 17. Jahrhunderts: Fruchtbringende Gesellschaft" vorgelegt worden sind. Institutionell wird das Projekt von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel betreut. Als Projektleiter wirkt Claus Conermann, zum Forscherteam gehören weiterhin Gabriele Ball, Andreas Herz und Dieter Merzbacher. Gegliedert ist das Projekt in zwei Reihen, deren erste Briefe, Beilagen und Akademiearbeiten mitteilt, während die zweite Dokumente und Darstellungen zur Verfügung stellt. Die Reihen selbst sind in drei Abteilungen gefächert, die sinnvollerweise die Amtsperioden der drei Vorsitzenden widerspiegeln, also die von Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen (der Nährende), der ihr von 1617 bis 1650 vorstand, die von Herzog Wilhelm IVON von Sachsen-Weimar (der Schmackhafte), der von 1651 bis 1662 die Gesellschaft von Weimar aus leitete und schließlich Herzog August von Sachsen-Weißenfels (der Wohlgerathene), der von Halle aus (1662/67 bis 1680) die fruchtbringende Arbeit beförderte. Sieben dickleibige und wohlkommentierte Bände liegen bereits vor.

Präsentation des jüngsten Editionsbandes
Am vergangenen Freitag (8. September 2006) nun wurde der achte in der Köthener Schlosskapelle bei einem Themennachmittag der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. Es handelt sich um den vierten Band der Reihe I (Köthen 1637-1638), der von Gabriele Ball und Andreas Herz gewissenhaft ediert wurde. C. Conermann stellte Ludwig als einen von der Florenzer Renaissance geprägten Fürsten vor, dessen Interesse am "heilsamen Garten- und Landbau" sich gleichermaßen auch auf den Bereich der Sprachpflege erstreckte. Dem wohlgeordneten Landbau müsse eine "Kultur der Sprache" an die Seite gestellt werden. A. Herz rückte die Friedensbemühungen der ,Fruchtbringer', die ja unterschiedlichen Parteiungen angehörten, in den Mittelpunkt seiner Ausführungen und verwies dabei auf den kurbayerischen General Graf Joachim Christian von Wahl (der Anhenkende), der um Verständigung zwischen den streitenden Parteien bemüht war. Gabriele Ball schließlich hob die Spracharbeit der Mitglieder heraus und betonte, dass diese, fernab von sprachpuristischen Intentionen, vornehmlich als "Kultivierungsmedium" verstanden werden sollte. In diesem Zusammenhang spielten auch Übersetzungen ausländischer Dichtungen eine große Rolle. Der Dichter Diederich von d. Werder (der Vielgekörnte) wirkte als Tasso- und Ariost-Übersetzer, selbst der Don Quijote erfuhr eine, leider verlorengegangene, Übersetzung ins Deutsche. Zusammen mit dem Fürsten diskutierte er minutiös die von Martin Opitz (der Gekrönte) vorgelegten Psalmen Davids im Brief und gelangte so zu neuen Maßstäben für moderne Dichtung.

Auch der hallesche Gymnasialrektor Christian Gueintz spielt in den Dokumenten der Jahre 1637/38 eine gewichtige Rolle. Er konnte in dieser Zeit das Manuskript seiner Deutschen Sprachlehre als Entwurf abschließen. Fürst Ludwig hatte diese in Auftrag gegeben und ließ nun das Manuskript unter den ,Fruchtbringern' kursieren. Sie erschien schließlich 1641 in Köthen im Druck, Gueintz fand im gleichen Jahr unter dem Namen "der Ordnende" Aufnahme in die Gesellschaft.

Bild links:
Porträt von Christian Gueintz (1592-1650) ab 1627 Rektor des halleschen Gymnasiums; bedeutender Sprachforscher des 17. Jahrhunderts

Ein Beispiel soll verdeutlichen, dass die ,Fruchtbringer' nicht lediglich sprachlichen Erwägungen ihre Feder liehen, sondern diese in vielerlei Hinsicht zu verwenden suchten. Landgraf Hermann IVON von Hessen-Rotenburg (der Fütternde) publizierte 1637 eine Teutsche ASTROLOGIA, in deren Vorwort er den Nutzen der astrologischen Meteorologie hervorhebt. Man könne mit ihrer Hilfe "die Weise/ wie sonderlich das tägliche Gewitter" zustandekommt, voraussagen und so möglichem Schaden vorbeugen.
Wesentliche Quellen für die Publikationen des Projekts sind in dem Köthener Gesellschaftsbuch, dem ,Erzschrein', versammelt. Die Nachlässigkeit im Umgang mit derlei unersetzlichen Materialien, wie sie der Brand der Weimarer Anna Amalia Bibliothek so nachhaltig vor Augen geführt hat, fordert geradezu nach Möglichkeiten der digitalen Bewahrung solcher Schätze. Erste Ergebnisse stellten die Projektmitarbeiter in Köthen vor. Freilich kann dies nicht lediglich den kleinen Institutionen überlassen bleiben, so betonte Inge Streuber, die Direktorin des Historischen Museums für Mittelanhalt Köthen, das den Schrein aufbewahrt, in ihrem Grußwort. Hier ist das Land Sachsen-Anhalt mit einem deutlichen Bekenntnis zu seinen Kulturschätzen gefordert - gepaart mit entsprechenden finanziellen Mitteln.

Nähere Informationen:
Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig
(Internet: http://saw-leipzig.de)
Arbeitsstelle "Fruchtbringende Gesellschaft"
Dr. Gabriele Ball / Dr. Andreas Herz
c/o Herzog August Bibliothek
Postfach 1364
38299 Wolfenbüttel
Telefon: 05331 808-285, Fax 05331 808-277
E-Mail: ball@hab.de / herz@hab.de

(Prof. Dr. Hans-Joachim Kertscher , 11.09.2006)

 
  11.09.2006
 
     
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