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URZEITKREBSE IN DER AMMENDORFER ELSTER-SAALE-AUE
Sensationelle Wiederbeobachtung
  8.05.2006
 
Auf einer Frühjahrsexkursion der Biologie-Studenten unter Leitung von PD Dr. Wolf-Rüdiger Grosse der halleschen Universität konnten am 29. April und am 1. Mai 2006 die Urzeitkrebse unweit des Burgholzes bei Ammendorf wiedergefunden werden. Dabei handelt es sich um den Schuppenschwanz (Lepidurus apus Linné, 1758) und den Feenkrebs (Siphonophanes grubii [Dybowski, 1860], früher auch als Eubranchipus und Chirocphalus geführt).

Beide Arten sind äußerst selten. Das Sensationelle an ihnen ist neben ihrer Seltenheit ihr erdgeschichtliches Alter: Die Fossilgeschichte der Rückenschaler-Krebse (Notostraca) reicht wahrscheinlich über 290 Mill. Jahre mindestens bis ins Oberkarbon zurück. Feenkrebse waren zwar bisher im Fossilnachweis extrem selten, wurden aber in jüngster Zeit ebenfalls nahezu unverändert, also schon mit den charakteristischen Eisäcken, mindestens in Sedimenten des Oberjura nachgewiesen. Dies bedeutet, dass die Gruppe in ihrem heutigen Aussehen auch bereits mindestens 130 Millionen Jahre existiert.

Feenkrebse als Filtrierer und Rückenschaler als Räuber und Allesfresser besiedeln temporäre Kleinstgewässer des zeitigen Frühjahrs und haben ihren Lebenszyklus beendet, wenn die Fressfeinde des Sommers (vermehrt) auftauchen bzw. die Gewässer verschwinden. Diese wahrscheinlich schon früh entwickelte Strategie hat sie möglicherweise die Millionen Jahre morphologisch nahezu unverändert überleben lassen. Der Besitz von der Fähigkeit Dauereier produzieren zu können, ist eine weitere Anpassung an austrocknende Lebensräume.

Ihr Nachweis in den wieder intakten Hallenser Auen stellt auch einen Beweis der Regenerationsfähigkeit unbelasteter Natur dar. Wer sie in Pfützen oder Spurrinnen findet, möchte bitte dies den Zoologen der Universität mitteilen, da ihre Verbreitung wissenschaftlich erfasst wird. In einer Sonderschau zur Tierwelt des Saaletals werden die Krebse zur Museumsnacht am 20. Mai im Institut für Zoologie zu sehen sein.

Technische Daten "Sonderschau Tiere des Saaletals"

Termin: Sonnabend, 20. Mai 2006
Ort: Konferenzraum des Instituts für Zoologie, Domplatz 4,
Einlass: ab 18.00 Uhr fortlaufend
Wissenschaftliche und technische Leitung: Priv.-Doz. Dr. Wolf-Rüdiger Grosse,
Tel.: 0345 55-26438, Fax: 0345 55-27152,
E-Mail: wolf.grosse@zoologie.uni-halle.de

Informationen: http://www.biologie.uni-halle.de/zool/coll

Weitere Informationen zu den Arten

Der Schuppenschwanz Lepidurus apus Linné, 1758
Die Entwicklungsgeschichte der im Allgemeinen wenig bekannten Großbranchiopoden reicht möglicher Weise bis weit in das Erdaltertum zurück. Vertreter der Gattung Triops wurden beispielsweise in karbonischen Gesteinen nachgewesen. Diese Krebse werden volkstümlich Urzeit-, Eiszeit- oder Himmelskrebse genannt. Die biologische Systematik stellt den Schuppenschwanz, Lepidurus apus, in die Gruppe der Rückenschaler (Notostraca), die zu Kiemenfußkrebse (Branchiopoda) gehört.


Schuppenschwanz Lepidurus apus, Aufnahme: Peter Fritzsche

Der Schuppenschwanz fällt durch sein 20–30 mm langes flachgewölbtes Rückenschild sofort auf. Der beinlose Hinterleib der Krebse ragt frei unter dem Rückenschild hervor und besteht aus randlich feinbestachelten Ringen. Das Schwanzende trägt ein paar lange, dünner Fäden (beim Feenkrebs spatenförmig ausgebildet und randlich fein behaart) neben dem After.

Die Schuppenschwänze sind Bodenbewohner. Häufig schwimmen sie mit der Bauchseite zur Wasseroberfläche, wenn sie nach Mückenlarven jagen – sie sind räuberisch, können sich aber auch von anderen Stoffen ernähren. Z. B. wühlen sie mit Hilfe der verhärteten Vorderkante ihres Schildes den Boden nach Nahrung durch, die sie mit Hilfe ihrer vorderen, spezialisierten Rumpfbeine aufnehmen und mit den kräftigen Kiefer zerkleinern. Daneben fressen sie kleinste pflanzliche oder tierische Mikroorganismen. Vorwiegend bei Massenvorkommen in kleinen flachgründigen Pfützen kommt es auch zum Kannibalismus. Wenn die Tiere in Rückenlage schwimmen, kann man deutlich die ständig schlagenden zahlreichen Kiemenfüße sehen (ca. 60).

Lepidurus apus ist in unserer Region eine charakteristische Kaltwasserart des Frühjahrs. Bereits im Januar/Februar beginnt teilweise noch unter dem Eis die Entwicklung der Krebse. Der Verbreitungsschwerpunkt der Art liegt in den Auen größerer Flüsse. Die Krebse besiedeln hier zeitweilig wasserführende Bodenhohlformen, die von Altarmen ehemals mäandrierender Flüsse stammen. Die Eier der Krebse sind etwa einen halben Millimeter groß und glattschalig; sie überdauern im Boden liegend Jahre oder Jahrzehnte.

International wie national wird bisher wenig über Schutzmaßnahmen für diese interessante Krebsart diskutiert und gar etwas unternommen. Es besteht die Gefahr, dass diese Arten nach Millionen Jahren Erdendaseins nun unwiederbringlich verschwinden. Der hohe Stellenwert der Tiere in der evolutiven Forschung geht im Alltag unter. Rückenschaler sind daneben wichtige Bioindikatoren für ungestörte naturnahe Landschaften. Sie sollten weit mehr als "flagship species" im engagierten Umwelt- und Naturschutz genutzt werden, wie es vom Panda-Bär oder vom Fischadler bekannt ist.

Der Feenkrebs Siphonophanes grubii (Dybowski, 1860)
Siphonophanes grubii ist eine charakteristische Leitform zeitweiliger (astatischer) Gewässer in Nordeuropa. Er gehört zu den Feenkrebsen oder Handköpfchen (Anostraca) innerhalb der Kiemenfußkrebse (Branchiopoda). Zu ihnen zählt auch er in der Aquaristik sehr bekannte Salinenkrebs Artemia salina. Feenkrebse sind in ihrer Form seit dem Erdmittelalter (Jura) bekannt. Das Rückenschild der Notostraken ist bei den Feenkrebsen derart zurückgebildet, dass der Kopf mit seinen großen Stielaugen kugelförmig hervortritt. Der langer Körper ist zweigeteilt, im ersten Teil die zum Schwimmend und Filtern dienenden Beine tragend und im hinteren Teil röhrenförmig. Das Endstück trägt spatelförmige, fein befiederte Furkaäste, Ausgleichsorgane beim Schwimmen.


Feenkrebs Siphonophanes grubii (Dybowski, 1860),
Aufnahme: Wolf-Rüdiger Grosse

Die bis 30 mm langen Krebse sind fast transparent und schimmern gelblich bis grünlich. Feenkrebse schwimmen im freien Wasser in aller Regel mit der Bauchseite nach oben. Die sich ständig bewegenden, dünnhäutigen Blattbeine vermitteln dem Beobachter den Eindruck eines durch das Wasser schwebenden Fabelwesen. Durch diese Bewegungen erfolgt der Ortswechsel, die Atmung und Ernährung der Tiere. So filtern Feenkrebse Mikroorganismen und organische Schwebstoffe aus dem Wasser und transportieren die Nahrung in einer tiefen Bauchrinne nach vorn zur Mundöffnung. Die Färbung der Feenkrebse ist stark von der Art der Nahrung abhängig.

Siphonophanes grubii kommt, wie im Grunde alle Krebse, in zweigeschlechtlichen Populationen vor. Einzelbeobachtungen parthenogenetisch sich vermehrender Vorkommen sind umstritten. Die Männchen erkennt man an den zu Klammerorganen umgebildeten 2. Antennen, mit denen sie die Weibchen schon vor der eigentlichen Paarung an deren charakteristischen Eisäcken am 12. und 13. Rumpfsegment festhalten, und mit ihren synchronisiert herumschwimmen (besser: die Weibchen schleppen die Herren herum). Männchen tragen in dieser Region einen Penis, beides hoch abgewandelte Beinpaare. Die Schalen der wie bei Lepidurus vorhandenen Dauereier besitzen artspezifische Strukturen. Nachdem die Elterntiere bald nach der Paarung absterben, überleben die Dauereier am Gewässergrund über Jahre. Die Eier benötigen Austrocknung und Frost. Dies steuert Entwicklung der Larve im Ei so, dass, wenn die Gewässer im Frühjahr wieder geflutet werden, die winzigen Jungkrebse als so genannte Nauplien, nur wenige Körpersegmente lang, schlüpfen. Der Lebensraum des Feenkrebses wie seiner Verwandten sind temporäre Gewässer. Das können im zeitigen Frühjahr Schmelzwassersenken und Pfützen ebenso wie periodisch Wasser führende Altarmbereiche der großen Flussauen sein. Aufgrund ihrer speziellen Physiologie und raschen Entwicklung haben sich Feenkrebse an diese Extremstandorte ideal angepasst. In warmen Frühjahren kann die Entwicklung von der frisch geschlüpften Naupliuslarve bis zum geschlechtsreifen Tier in 8 Tagen abgeschlossen sein. Das erschwert die Nachweise in der freien Natur beträchtlich. Die Art wird einfach übersehen und fällt bei Eingriffen in die Landschaft gar nicht auf. Beim Erhalt von Arten wie Siphonophanes grubii kommt dem praktischen Naturschutz damit eine besondere Bedeutung zu. Die Tiere müssen bekannt gemacht werden. Nur was der Mensch kennt, schützt er auch. Sonst sind Feenkrebse, nachdem sie viele Millionen Jahre überstanden haben, bald schon verschwunden.

(PD Dr. Wolf-Rüdiger Grosse, 2006)

 

 
  Ute Olbertz, 2006
 
     
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