Keine Angst mehr vor der Nadel: Bereits seit etwa zehn
Jahren sind transdermale (über die Haut) Systeme, so
genannte Schmerzpflaster, zur Schmerztherapie im Einsatz.
Diese zeichnen sich durch eine kontinuierliche Wirkstoff-Freisetzung
über 72 Stunden aus. In der Therapie chronischer Schmerzen
erlangte diese Applikationsform eine große Bedeutung,
war jedoch bei postoperativen Schmerzen nicht hilfreich. Diese
sind durch eine begrenzte Dauer, schnelle Intensitätsveränderungen
und eine individuelle Unvorhersehbarkeit gekennzeichnet.
Für dieses Einsatzgebiet wurde nun ein kreditkartengroßes
System entwickelt, das mit Hilfe eines elektrischen Stroms
über die intakte äußere Haut das Medikament
transportiert. Das Medikament wird dabei in einer Elektrode
auf der Haut platziert und mit Einschalten des Schwachstroms
in die tiefen Gewebeschichten der Haut verschoben und dort
vom Körper aufgenommen. Noch sind diese Elektrotransportsysteme
für den Wirkstoff Fentanyl (ETS-Fetanyl) nicht im klinischen
Alltag einsetzbar.
"Ab Mitte 2006 dürfte das System zur Verfügung
stehen", sagt Professor Dr. Stefan Grond von
der Universitätsklinik und Poliklinik für Anästhesiologie
und operative Intensivmedizin der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg.
Professor Grond leitet eine europaweite Studie, mit welcher
die Wirksamkeit des in den USA entwickelten und in Deutschland
von der Firma Jansen hergestellten Systems überprüft
wurde. An dieser randomisierten, multizentrischen Studie
in elf Staaten nahmen etwa 600 Patienten teil, darunter
knapp 30 in Halle. Alle litten unter starken Schmerzen nach
Operationen etwa im Bauch- oder Thoraxbereich. "Die
Patienten waren sehr zufrieden." Auch beim Pflegepersonal
stieß ETS-Fetanyl auf eine positive Resonanz. Die
Patienten sind nach einer Operation leichter zu mobilisieren
und nicht wie bisher an eine Infusionspumpe gebunden, Pflege
und Physiotherapie werden erleichtert. Mögliche Fehlerquellen
bei der Medikamentengabe können zudem ausgeschlossen
werden. In der Behandlung von postoperativen Schmerzen wurde
bisher die intravenöse patientenkontrollierte Analgesie
(PCIA) angewendet, dabei gibt ein elektronisch gesteuertes
Pumpensystem das Medikament ab.
Die Patienten entscheiden beim neuen Elektrotransportsystem
selbst, wann sie eine Medikamentengabe zur Schmerzstillung
benötigen. Das System wird am Oberarm oder Oberkörper
aufgeklebt. Die Patienten betätigen bei Schmerzen eine
am System befindliche kleine Taste, über die der Stromkreis
geschlossen wird. "Das ETS-Fetanyl zeichnet sich durch
eine schnelle Wirksamkeit aus", erklärt der Spezialist
für Schmerztherapien. Das Medikament wirkt 100-fach
stärker als Morphin. Es wird über die Dauer von
zehn Minuten abgegeben.
Während des "Hallenser Anästhesie-Kolloquiums"
(Fortbildungsveranstaltung für Mediziner) stellte Professor
Grond am 16. Februar 2006 im Maritim-Hotel Halle die Ergebnisse
der Europastudie über die neue transdermale patientenkontrollierte
Analgesie (Schmerzausschaltung) der Öffentlichkeit
vor. Das System wird vorerst nur in Krankenhäusern
zum Einsatz kommen.
Jens Müller
Pressereferent
Universitätsklinikum der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg
06097 Halle
E-Mail: jens.mueller@medizin.uni-halle.de
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