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KEINE VORGABE, EINE AUFGABE
Anregende Disputation zur Nachhaltigkeit
  01.11.2006
 


Ob die Nachhaltigkeit nun ein "Megatrend" ist oder ein "Zeitgeist"-Phänomen, das konnte auch die wissenschaftliche Disputation am Reformationstag nicht klären. Eine leere Worthülse stellt der Begriff jedenfalls nicht dar, soviel wurde im Rahmen der lebhaften Diskussion in der Stiftung LEUCOREA in Wittenberg klar.


Der Wittenberger Marktplatz war voll, als sich der Zug zur LEUCOREA formierte.
An der Spitze: Oberbürgermeister Eckhard Naumann, Rektor Prof. Dr. Wulf Diepenbrock und Kustos Dr. Ralf-Torsten Speler. Fotos (2): Norbert Kaltwaßer

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Auf die Tradition ist Verlass: Pünktlich um 14.30 Uhr tönte auch am Reformationstag 2006 eine Fanfare über den Wittenberger Marktplatz, und die Mitglieder des Akademischen Senats der Martin-Luther-Universität (MLU) traten in ihren Talaren aus dem Rathaus. Angeführt von der historischen Wittenberger Stadtwache und begleitet vom Stadtoberhaupt Eckard Naumann zogen sie dann zur Stiftung LEUCOREA. Am Stipendiatenhaus wurde trotz Sonnenmangels eine Sonnenuhr eingeweiht, bevor die wissenschaftliche Disputation begann.

"Nachhaltigkeit - Megatrend oder Zeitgeist?" lautete die Fragestellung. Der Rektor der Universität, Prof. Dr. Wulf Diepenbrock, übersetzte den Begriff in seiner Begrüßung zunächst einmal mit "Generationengerechtigkeit". Sie entscheide künftig über Wohlstand und Armut, Wissen und Unwissen, Krieg und Frieden.

"Den Bedürfnissen der heutigen Generation zu entsprechen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen", so definierte auch eine UN-Kommission unter Leitung der früheren norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland 1987 den Begriff "Nachhaltigkeit". Fünf Jahre später war er auf dem UN-Umwelt-Gipfel in Rio de Janeiro in aller Munde und hat seitdem Karriere gemacht. Klimaschutz, Wirtschaftskonzepte, Gesundheitspolitik - vieles bekommt das Etikett "nachhaltig" verpasst. "Der Begriff wird inflationär verwendet", konstatierte zu Beginn der Disputation denn auch der Moderator Prof. Dr. Olaf Christen, Professor für Allgemeinen Pflanzenbau/Ökologischen Landbau an der MLU.


Auf dem Podium diskutierten lebhaft (v.l.): Prof. Dr. Gerhard de Haan, Moderator
Prof. Dr. Olaf Christen, Prof. Dr. Gerhard Wenzel und Prof. Dr. Ingo Pies.

Das bedeute aber nicht, dass es sich um eine Worthülse handele, im Gegenteil, "es ist ein Epochenbegriff", erklärte der erste Disputant, Prof. Dr. Gerhard de Haan, Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Dahinter stecke ein Modernisierungskonzept, das uns "alternativlos aufgegeben" ist. Nur gebe es noch immer mentale Probleme, die sich beispielsweise beim Autokauf manifestierten: "Ist ‚smal' dann wirklich ‚beautiful'"?

Der hallesche Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Ingo Pies stellte anschließend seine Thesen zur Nachhaltigkeit vor. Es handele sich um "eine kosmopolitische Kategorie mit lokalem Anwendungsbezug". Nachhaltige Problemlösungen existierten bereits. "Es geht nicht um Utopismus, sondern um Verbesserungen, die sich tatsächlich realisieren lassen." Mit der Nachhaltigkeit werde keine "Vorgabe" formuliert, sondern eine "Aufgabe", war sich Pies mit Professor de Haan einig.

Die Replik sprach Prof. Dr. Gerhard Wenzel, der an der Technischen Universität München den Lehrstuhl für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung inne hat. "Was, du willst gegen Nachhaltigkeit sprechen?", hätten seine Kinder entgeistert gefragt, berichtete Wenzel zunächst - für Professor Pies übrigens ein eindeutiges Zeichen, dass es sich bei der Nachhaltigkeit auch um ein Zeitgeist-Phänomen handelt.

Professor Wenzel formulierte provokant, zum Teil mit einer Prise Sarkasmus. "Alle reden über Nachhaltigkeit, aber alle wollen aus Bequemlichkeit keinen Wandel. Nein, da alles nachhaltig sein muss, bleibt alles, wie es ist, und die Welt ist für die nächsten 1000 Jahre in Ordnung." Wenzel sprach sich für das Eingreifen in die Natur, für den Mut zu neuen Wegen aus - und für eine Umbenennung. "Lassen Sie uns einen neuen Begriff der Nachhaltigkeit erfinden."

Gerhard de Haan nahm den Faden auf: "Wenn wir Deutschen nicht wissen, was aus etwas wird, wollen wir es gar nicht erst versuchen", sagte er mit Blick auf die Gentechnik. Es gehe darum, Vertrauen zu gewinnen. Keine einfache Sache, schließlich gebe es "Kreise, deren Hobby darin besteht, Vertrauen abzubauen", entgegnete Wenzel.

Nicht nur hier wurde deutlich: Die über 100 Zuhörer waren Zeugen einer Debatte, die äußerst lebhaft verlief, obwohl die Professoren auf dem Podium in ihren Meinungen meist nicht weit voneinander entfernt waren. In vielen Bereichen bestand Einigkeit. So sei es wichtig, das Thema Nachhaltigkeit in der Bildung stärker zu verankern und die Problematik systematisch interdisziplinär anzugehen. Einen "Trend zum Systemaren" machte Professor Wenzel in der Diskussion aus und zeigte sich darüber erfreut.

Am Ende blieb die Eingangsfrage offen, aber der Kennzeichnung der Nachhaltigkeit als "Epochenbegriff" mochte niemand widersprechen. Das einhellige Fazit lautete: Wittenberg hat anno 2006 eine überaus interessante und anregende Disputation erlebt.

Carsten Heckmann, 1. November 2006

 
  Ute Olbertz, 01.11.2006
 
     
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