Im
März vertauschen wieder einige Biologiestudierende der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ihre Hörsaalplätze
mit der feuchtkalten Saaleaue und kontrollieren die Wanderungen
der Grasfrösche, Teichmolche und Erdkröten im Bereich
der Talstraße/Kreuzer Teiche. Auch der Frosch des Jahres,
die Knoblauchkröte lat. Pelobates fuscus
(siehe Abbildung rechts)
genannt, steht auf dem Untersuchungsprogramm.
Im Rahmen eines feldherpetologischen Fachpraktikums unter
Leitung von Privatdozent Dr. Wolf-Rüdiger Große,
Institut für Biologie/Bereich Zoologie, werden seit
Jahren Daten zu Phänologie der Amphibienwanderung im
Stadtgebiet erhoben. Untersucht wird an dieser Stelle die
Wirkung der Talstraße als Barriere, die Populationen
und ihre Lebensräume nahezu vollständig voneinander
isolieren. Daneben forschen die Studierenden nach weiteren
Ursachen der Veränderungen der Populationen im urbanen
Raum, die längerfristigen Wetterveränderungen
spielen dabei eine vordergründige Rolle. Erstaunlich
ist schon, dass die Kröten in den letzten zehn Jahren
immer größer werden.
Die Praktikumuntersuchungen der vergangenen Jahre haben
gezeigt, dass die Amphibien im Frühjahr aus der Saaleaue
in die Kreuzer Teiche zum Laichen wandern. Ein Teil der
Erdkröten und Grasfrösche durchschwimmt die Wilde
Saale ab der Peißnitz-Halbinsel und landet trotz der
Strömung sicher am Talstraßenufer. Über
zwischengeschobene Fangeimer werden die anwandernden Amphibien
an einem stationären Zaun in der Talstraße, Höhe
Kreuzer Teiche, abgefangen. Im Jahr 2007 steht zusätzlich
ein Fangzaun auch an dem Nordufer des Unteren Kreuzer Teiches.
Dadurch soll untersucht werden, ob weitere Erdkröten
aus dem Wohngebiet Kröllwitz in die Kreuzer Teiche
zum Laichen einwandern? Dazu werden auch in Zusammenarbeit
mit dem Wasserwerk Beesen wieder wassertechnische Daten
erhoben.
Die Studenten bergen nicht nur die Amphibien und tragen
sie sicher über die Straße. Die Tiere werden
auch biometrisch erfasst. Die Messdaten geben später
detaillierte Auskunft zu Wanderungen, Alter und Kondition
der Tiere.
Technische Daten
Praktikumseinweisung und Presse/Foto-Termin: Montag
12. März 2007
Beginn der Feldarbeiten: Montag 12. März 2007
um 10.00 Uhr Talstraße, Höhe Amselgrundweg zu
den Kreuzer Teichen
Kooperationen: Wasserwerk Beesen, Stadt Halle (Saale)
Fachbereich Umwelt
Wissenschaftliche und technische Leitung: Priv. Dozent
Dr. Wolf-Rüdiger Große
Weitere Informationen:
http://www2.biologie.uni-halle.de/zool/coll/spez/spez_main.htm
Ansprechpartner:
Priv. Dozent Dr. Wolf-Rüdiger Große
Tel.: 0345 55-26 438
Fax.: 0345 55-27152
E-Mail: wolf.grosse@zoologie.uni-halle.de
Geplante Amphibienschutzzäune im Talstraßenbereich
Anliegen des Praktikums
Aus globaler Sicht bedeutend das Aussterben einer Art oder
wie bei den Amphibien einer ganzen Wirbeltierklasse ihr
völliges Verschwinden von der Erde. Betrachtet man
diese Vorgänge über erdgeschichtlich kürzere
Zeiträume, dann vermindert das Aussterben die biologische
Mannigfaltigkeit (Biodiversität). Die Schätzungen
aktueller Aussterberaten für Amphibien weisen weltweit
auf den dramatischen Rückgang der Diversität und
damit auf eine kritische Situation der Biosphäre hin.
Deshalb kann man auch schon in absehbaren Zeiträumen
von einer Biodiversitätskrise sprechen. In der von
der World Conservation Union (IUCN) 1996 veröffentlichten
Roten Liste der gefährdeten Tierarten sind immerhin
212 Amphibienarten (von derzeit auf geschätzten 4800
bekannten Arten) aufgelistet. Davon wiederum gelten 127
Arten in ihrem Gesamtbestand gefährdet. Über das
Schicksal von 24 Arten (die bereits ausgestorben oder in
dem letzten Jahrzehnt verschollen sind) ist derzeit nichts
bekannt. Die Größenordnung der mittleren natürlichen
Aussterberate liegt nach paläontologischen Untersuchungen
für Amphibien bei einer Art in 1000 Jahren. Das Aussterben
("amphibian decline") ruft derzeit die Wissenschaftler
weltweit auf den Plan.
"amphibian decline" Ursachen und Hintergründe
Lurche
besitzen sehr komplexe Habitatansprüche, ihr Jahreslebensraum
zerfällt dabei in mehrere Aktionszentren. Sie suchen
für eine unterschiedlich lange Zeit Gewässer auf,
um hier zu reproduzieren und die Larvalentwicklung zu vollziehen.
Dabei besitzen einige Arten eine bemerkenswerte Ort-Treue.
Die Sommer- und Winterlebensräume befinden sich dagegen
in der Regel an Land. Zwischen den einzelnen Standorten
finden oft ausgeprägte saisonale Wanderungen statt,
dabei sind die Wanderstrecken art- und standortabhängig.
Die Lebensraumansprüche der meisten Arten werden in
der Kulturlandschaft und dabei vor allem im urbanen
Bereich in immer stärkeren Maße beschnitten,
so dass die Lurche zu den gefährdetsten Tiergruppen
überhaupt gehören. Alle Arten unterliegen dem
gesetzlichen Schutz durch die Bundesartenschutzverordnung
und stehen auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten Sachsen-Anhalts
(Buschendorf/Uthleb 1992). Nicht zuletzt wegen der hohen
Sensitivität dieser Tiere gegenüber anthropogenen
Einflüssen sind verschiedene naturschutzfachliche und
raumwirksame Planungen unverzichtbar (Bild: Von einem
Auto überfahrene Erdkröte).
Amphibienvorkommen in Halle
Die Lurche stellen eine der am besten untersuchten Artengruppen
des Stadtgebietes von Halle dar. Historische Übersichtsdarstellungen
des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
beinhalten punktgenaue Fundortangaben. Deren Wert als Referenzdaten
für Aussagen zur aktuellen Bestandsentwicklung bestimmter
Arten wird jedoch dadurch geschmälert, dass oft der
quantitative Bezug fehlt. Eine wesentliche Datenquelle neuerer
Art stellen die ehrenamtlich erhobenen Messtischblattquadrantenkartierungen
(Bezirksfachgruppen für Feldherpetologie) dar, die
1984 in Form einer Übersichtsdarstellung auf Messtischblatt-Ebene
auswertet wurde. Ab Anfang der 90er Jahre wurde die Kartierungsintensität
durch den Landesfachausschuss Feldherpetologie Sachsen-Anhalt
erhöht, damit verbesserte sich auch der Kenntnisstand
über einige sensitive Gebiete der Stadt Halle. Mit
der Veröffentlichung des Arten- und Biotopschutzprogramms
der Stadt Halle wird eine aktuelle Übersicht zur Verbreitung
der Arten vorgestellt.
Größere Erfassungslücken bestehen in der
Bergbaufolgelandschaft im Ostteil der Stadt sowie in Teilbereichen
der Elster-Saale-Aue einschließlich des Planenaer
Teichgebietes. Aufgrund der schlechteren Erfassbarkeit sind
einige Arten (beide Molcharten, Knoblauchkröte) sicherlich
quantitativ unterrepräsentiert. Bedingt durch Bautätigkeit
in der Stadt wie auch in den Stadtrandgebieten verändern
sich die Lebensraumstrukturen der Amphibien ständig.
Ein Monitoring-Programm für sensible Bereiche ist deshalb
mit Unterstützung der Naturschutz-Studenten des Fachbereiches
Biologie der Universität in Arbeit. Dazu werden dieses
Jahr die Daten zum Vorkommen aller Amphibien zusammengestellt
und aktualisiert.
Per "huckepack" zum Laichgewässer
die ökologischen Grundlagen
Sobald es Frühjahr wird, erwacht bei Kröten und
Fröschen die Wanderlust. Sie wandern einmal im Jahr
im März oder Anfang April zu ihrem Laichgewässer,
wo sie für Nachwuchs sorgen. Erdkröten sind "Traditionslaicher".
Über Generationen hinweg wandert ein Großteil
der geschlechtsreifen Tiere zu dem Ort, an dem sie vor Jahren
aus den Laichschnüren schlüpften. Nur dort legen
sie ihre Eier ab. Selten sucht ein Tier ein neues unbekanntes
Laichgewässer auf, sofern überhaupt in unserer
intensiv genutzten Kulturlandschaft ein freies Gewässer
im Angebot ist. Für viele der Kröten bedeutet
das eine kilometerlange Wanderung durch unwegsames Gelände.
Zahlreiche Weibchen wandern sogar mit "Rucksack".
Besonders eifrige Krötenmänner sichern sich nämlich
schon unterwegs eine Partnerin. Mit beherzten Griffen von
oben unter die Achseln der Partnerin lassen sie sich von
ihnen "huckepack" zum Laichgewässer tragen.
Ein cleverer Schachzug, wie sich dann bald herausstellt:
Denn Weibchen sind rar im Erdkrötentümpel. Das
liegt daran, dass unerklärlicherweise nicht alle erwachsenen
Weibchen jährlich am Laichplatz auftauchen. Sofort
nach der Eiablage verlassen die Weibchen das Laichgewässer
wieder in Richtung ihres Sommerquartiers. Die Männchen
hingegen bleiben für die Dauer der gesamten Laichzeit
(ein bis zwei Wochen) in Gewässernähe. Es könnte
ja noch ein verspäteter weiblicher "Single"
am Ufer erscheinen!

Per Huckepack zum Laichgewässer ein wanderndes
Erdkrötenpaar
Perspektiven für den Amphibienschutz im Praktikumsgebiet
Verkehrsopfer unter den Amphibien waren seit 1998 in der
Talstraße kaum mehr zu verzeichnen, was den Aufwand
des Krötenzauns jederzeit rechtfertigt. Trotzdem ist
er nicht das Rezept für die Zukunft, da der Zaun nicht
über Jahrzehnte betreut werden kann. Sinnvoll wäre
es, über dauerhafte bauliche Maßnahmen für
die wandernden Amphibien Durchlässe zu schaffen. Denkbar
ist auch, über weitere Gewässerneuanlagen und
Habitatmanagement die Raumbeziehungen der Amphibienpopulation
schrittweise zu verändern. Zu ersterem Vorschlag existiert
bereits eine Konzeptstudie des NABU Halle zur Errichtung
von Querungsmöglichkeiten für wandernde Amphibien
(Reptilien und andere Kleintiere) im Bereich von Amselgrund
und Talstraße. Derartige Tunneleinrichtungen haben
sich in Kombination mit dauerhaften Amphibienleitwänden
in der Praxis bewährt. Diese müssten saaleseitig
und auch wiesenseitig (Amselgrund) installiert werden, um
rückwandernde Amphibien zu schützen. Zum zweiten
Vorschlag laufen derzeit an der Universität Halle ökologische
Vorplanungen zu einer Pilotstudie zur Gewässerökologie
auf der Feuchtwiese und im Amselgrund.
Die gewonnenen Daten werden dem Umweltamt der Stadt Halle
übergeben und gehen außerdem in die Kartierung
der Herpetofauna Sachsen-Anhalts ein. Unter diesem Thema
findet im März eine Tagung der Herpetologen Sachsen-Anhalts
statt, auch unter Beteiligung der Spezialisten des Bereichs
für Zoologie. Die Ergebnisse aller Untersuchungen gehen
in die weltweiten Datennetze der International Union for
Conservation of Nature and Natural Resources World
Conservation Union (IUCN) ein. In dieser weltweit agierenden
Gesellschaft haben sich Wissenschaftler, Umweltorganisationen
und ehrenamtliche Mitarbeiter zu einer internationalen amphibienspezifischen
Arbeitsgruppe/Kooperation zusammengefunden (Special Survival
Commission). Ziel dieser Spezialistengruppe ist es, Art,
Ausmaß und Ursachen des weltweiten Amphibienrückgangs
zu erfassen und Maßnahmen des Schutzes zu initiieren.
(PD Dr. Wolf-Rüdiger Große, März 2007)