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SCHUTZZÄUNE FÜR AMPHIBIEN IN HALLE
Biologiestudierende der Universität forschen für den Artenschutz
  1.03.2007
 

Im März vertauschen wieder einige Biologiestudierende der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ihre Hörsaalplätze mit der feuchtkalten Saaleaue und kontrollieren die Wanderungen der Grasfrösche, Teichmolche und Erdkröten im Bereich der Talstraße/Kreuzer Teiche. Auch der Frosch des Jahres, die Knoblauchkröte lat. Pelobates fuscus (siehe Abbildung rechts) genannt, steht auf dem Untersuchungsprogramm.

Im Rahmen eines feldherpetologischen Fachpraktikums unter Leitung von Privatdozent Dr. Wolf-Rüdiger Große, Institut für Biologie/Bereich Zoologie, werden seit Jahren Daten zu Phänologie der Amphibienwanderung im Stadtgebiet erhoben. Untersucht wird an dieser Stelle die Wirkung der Talstraße als Barriere, die Populationen und ihre Lebensräume nahezu vollständig voneinander isolieren. Daneben forschen die Studierenden nach weiteren Ursachen der Veränderungen der Populationen im urbanen Raum, die längerfristigen Wetterveränderungen spielen dabei eine vordergründige Rolle. Erstaunlich ist schon, dass die Kröten in den letzten zehn Jahren immer größer werden.

Die Praktikumuntersuchungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Amphibien im Frühjahr aus der Saaleaue in die Kreuzer Teiche zum Laichen wandern. Ein Teil der Erdkröten und Grasfrösche durchschwimmt die Wilde Saale ab der Peißnitz-Halbinsel und landet trotz der Strömung sicher am Talstraßenufer. Über zwischengeschobene Fangeimer werden die anwandernden Amphibien an einem stationären Zaun in der Talstraße, Höhe Kreuzer Teiche, abgefangen. Im Jahr 2007 steht zusätzlich ein Fangzaun auch an dem Nordufer des Unteren Kreuzer Teiches. Dadurch soll untersucht werden, ob weitere Erdkröten aus dem Wohngebiet Kröllwitz in die Kreuzer Teiche zum Laichen einwandern? Dazu werden auch in Zusammenarbeit mit dem Wasserwerk Beesen wieder wassertechnische Daten erhoben.

Die Studenten bergen nicht nur die Amphibien und tragen sie sicher über die Straße. Die Tiere werden auch biometrisch erfasst. Die Messdaten geben später detaillierte Auskunft zu Wanderungen, Alter und Kondition der Tiere.

Technische Daten
Praktikumseinweisung und Presse/Foto-Termin: Montag 12. März 2007
Beginn der Feldarbeiten: Montag 12. März 2007 um 10.00 Uhr Talstraße, Höhe Amselgrundweg zu den Kreuzer Teichen
Kooperationen: Wasserwerk Beesen, Stadt Halle (Saale) Fachbereich Umwelt
Wissenschaftliche und technische Leitung: Priv. Dozent Dr. Wolf-Rüdiger Große
Weitere Informationen:
http://www2.biologie.uni-halle.de/zool/coll/spez/spez_main.htm

Ansprechpartner:
Priv. Dozent Dr. Wolf-Rüdiger Große
Tel.: 0345 55-26 438
Fax.: 0345 55-27152
E-Mail: wolf.grosse@zoologie.uni-halle.de


Geplante Amphibienschutzzäune im Talstraßenbereich

Anliegen des Praktikums
Aus globaler Sicht bedeutend das Aussterben einer Art oder wie bei den Amphibien einer ganzen Wirbeltierklasse ihr völliges Verschwinden von der Erde. Betrachtet man diese Vorgänge über erdgeschichtlich kürzere Zeiträume, dann vermindert das Aussterben die biologische Mannigfaltigkeit (Biodiversität). Die Schätzungen aktueller Aussterberaten für Amphibien weisen weltweit auf den dramatischen Rückgang der Diversität und damit auf eine kritische Situation der Biosphäre hin. Deshalb kann man auch schon in absehbaren Zeiträumen von einer Biodiversitätskrise sprechen. In der von der World Conservation Union (IUCN) 1996 veröffentlichten Roten Liste der gefährdeten Tierarten sind immerhin 212 Amphibienarten (von derzeit auf geschätzten 4800 bekannten Arten) aufgelistet. Davon wiederum gelten 127 Arten in ihrem Gesamtbestand gefährdet. Über das Schicksal von 24 Arten (die bereits ausgestorben oder in dem letzten Jahrzehnt verschollen sind) ist derzeit nichts bekannt. Die Größenordnung der mittleren natürlichen Aussterberate liegt nach paläontologischen Untersuchungen für Amphibien bei einer Art in 1000 Jahren. Das Aussterben ("amphibian decline") ruft derzeit die Wissenschaftler weltweit auf den Plan.

"amphibian decline" – Ursachen und Hintergründe
Lurche besitzen sehr komplexe Habitatansprüche, ihr Jahreslebensraum zerfällt dabei in mehrere Aktionszentren. Sie suchen für eine unterschiedlich lange Zeit Gewässer auf, um hier zu reproduzieren und die Larvalentwicklung zu vollziehen. Dabei besitzen einige Arten eine bemerkenswerte Ort-Treue. Die Sommer- und Winterlebensräume befinden sich dagegen in der Regel an Land. Zwischen den einzelnen Standorten finden oft ausgeprägte saisonale Wanderungen statt, dabei sind die Wanderstrecken art- und standortabhängig. Die Lebensraumansprüche der meisten Arten werden in der Kulturlandschaft – und dabei vor allem im urbanen Bereich – in immer stärkeren Maße beschnitten, so dass die Lurche zu den gefährdetsten Tiergruppen überhaupt gehören. Alle Arten unterliegen dem gesetzlichen Schutz durch die Bundesartenschutzverordnung und stehen auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten Sachsen-Anhalts (Buschendorf/Uthleb 1992). Nicht zuletzt wegen der hohen Sensitivität dieser Tiere gegenüber anthropogenen Einflüssen sind verschiedene naturschutzfachliche und raumwirksame Planungen unverzichtbar (Bild: Von einem Auto überfahrene Erdkröte).

Amphibienvorkommen in Halle
Die Lurche stellen eine der am besten untersuchten Artengruppen des Stadtgebietes von Halle dar. Historische Übersichtsdarstellungen des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beinhalten punktgenaue Fundortangaben. Deren Wert als Referenzdaten für Aussagen zur aktuellen Bestandsentwicklung bestimmter Arten wird jedoch dadurch geschmälert, dass oft der quantitative Bezug fehlt. Eine wesentliche Datenquelle neuerer Art stellen die ehrenamtlich erhobenen Messtischblattquadrantenkartierungen (Bezirksfachgruppen für Feldherpetologie) dar, die 1984 in Form einer Übersichtsdarstellung auf Messtischblatt-Ebene auswertet wurde. Ab Anfang der 90er Jahre wurde die Kartierungsintensität durch den Landesfachausschuss Feldherpetologie Sachsen-Anhalt erhöht, damit verbesserte sich auch der Kenntnisstand über einige sensitive Gebiete der Stadt Halle. Mit der Veröffentlichung des Arten- und Biotopschutzprogramms der Stadt Halle wird eine aktuelle Übersicht zur Verbreitung der Arten vorgestellt.

Größere Erfassungslücken bestehen in der Bergbaufolgelandschaft im Ostteil der Stadt sowie in Teilbereichen der Elster-Saale-Aue einschließlich des Planenaer Teichgebietes. Aufgrund der schlechteren Erfassbarkeit sind einige Arten (beide Molcharten, Knoblauchkröte) sicherlich quantitativ unterrepräsentiert. Bedingt durch Bautätigkeit in der Stadt wie auch in den Stadtrandgebieten verändern sich die Lebensraumstrukturen der Amphibien ständig. Ein Monitoring-Programm für sensible Bereiche ist deshalb mit Unterstützung der Naturschutz-Studenten des Fachbereiches Biologie der Universität in Arbeit. Dazu werden dieses Jahr die Daten zum Vorkommen aller Amphibien zusammengestellt und aktualisiert.

Per "huckepack" zum Laichgewässer – die ökologischen Grundlagen
Sobald es Frühjahr wird, erwacht bei Kröten und Fröschen die Wanderlust. Sie wandern einmal im Jahr im März oder Anfang April zu ihrem Laichgewässer, wo sie für Nachwuchs sorgen. Erdkröten sind "Traditionslaicher". Über Generationen hinweg wandert ein Großteil der geschlechtsreifen Tiere zu dem Ort, an dem sie vor Jahren aus den Laichschnüren schlüpften. Nur dort legen sie ihre Eier ab. Selten sucht ein Tier ein neues unbekanntes Laichgewässer auf, sofern überhaupt in unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft ein freies Gewässer im Angebot ist. Für viele der Kröten bedeutet das eine kilometerlange Wanderung durch unwegsames Gelände. Zahlreiche Weibchen wandern sogar mit "Rucksack". Besonders eifrige Krötenmänner sichern sich nämlich schon unterwegs eine Partnerin. Mit beherzten Griffen von oben unter die Achseln der Partnerin lassen sie sich von ihnen "huckepack" zum Laichgewässer tragen. Ein cleverer Schachzug, wie sich dann bald herausstellt: Denn Weibchen sind rar im Erdkrötentümpel. Das liegt daran, dass unerklärlicherweise nicht alle erwachsenen Weibchen jährlich am Laichplatz auftauchen. Sofort nach der Eiablage verlassen die Weibchen das Laichgewässer wieder in Richtung ihres Sommerquartiers. Die Männchen hingegen bleiben für die Dauer der gesamten Laichzeit (ein bis zwei Wochen) in Gewässernähe. Es könnte ja noch ein verspäteter weiblicher "Single" am Ufer erscheinen!


Per Huckepack zum Laichgewässer – ein wanderndes Erdkrötenpaar

Perspektiven für den Amphibienschutz im Praktikumsgebiet
Verkehrsopfer unter den Amphibien waren seit 1998 in der Talstraße kaum mehr zu verzeichnen, was den Aufwand des Krötenzauns jederzeit rechtfertigt. Trotzdem ist er nicht das Rezept für die Zukunft, da der Zaun nicht über Jahrzehnte betreut werden kann. Sinnvoll wäre es, über dauerhafte bauliche Maßnahmen für die wandernden Amphibien Durchlässe zu schaffen. Denkbar ist auch, über weitere Gewässerneuanlagen und Habitatmanagement die Raumbeziehungen der Amphibienpopulation schrittweise zu verändern. Zu ersterem Vorschlag existiert bereits eine Konzeptstudie des NABU Halle zur Errichtung von Querungsmöglichkeiten für wandernde Amphibien (Reptilien und andere Kleintiere) im Bereich von Amselgrund und Talstraße. Derartige Tunneleinrichtungen haben sich in Kombination mit dauerhaften Amphibienleitwänden in der Praxis bewährt. Diese müssten saaleseitig und auch wiesenseitig (Amselgrund) installiert werden, um rückwandernde Amphibien zu schützen. Zum zweiten Vorschlag laufen derzeit an der Universität Halle ökologische Vorplanungen zu einer Pilotstudie zur Gewässerökologie auf der Feuchtwiese und im Amselgrund.

Die gewonnenen Daten werden dem Umweltamt der Stadt Halle übergeben und gehen außerdem in die Kartierung der Herpetofauna Sachsen-Anhalts ein. Unter diesem Thema findet im März eine Tagung der Herpetologen Sachsen-Anhalts statt, auch unter Beteiligung der Spezialisten des Bereichs für Zoologie. Die Ergebnisse aller Untersuchungen gehen in die weltweiten Datennetze der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources – World Conservation Union (IUCN) ein. In dieser weltweit agierenden Gesellschaft haben sich Wissenschaftler, Umweltorganisationen und ehrenamtliche Mitarbeiter zu einer internationalen amphibienspezifischen Arbeitsgruppe/Kooperation zusammengefunden (Special Survival Commission). Ziel dieser Spezialistengruppe ist es, Art, Ausmaß und Ursachen des weltweiten Amphibienrückgangs zu erfassen und Maßnahmen des Schutzes zu initiieren.

(PD Dr. Wolf-Rüdiger Große, März 2007)

 
  Ute Olbertz, 1.03.2007
 
     
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